1942: Die Illusionsbombe

Zeitgeschichte Der erfolgreiche Start einer V2-Rakete lässt die NS-Führung an das Wunder einer Kriegswende glauben. Fortan ist ihr jedes Mittel recht, um diese Waffe einsetzen zu können

„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“, singt UFA-Star Zarah Leander, „und dann werden tausend Märchen wahr.“ Ein paar würden schon genügen, wenn sich die Zeit bis zum Endsieg dahinschleppt, selbst dann, wenn sie wie am 3. Oktober 1942 ins Fliegen zu kommen scheint. Gegen elf Uhr vormittags steht an diesem Tag eine Rakete des Typs Aggregat Nr. 4 (A4) auf dem Abschusstisch von Prüfstand VII. „X minus 3“, wird im Kommandobunker gezählt, „Zeit läuft.“ Für die Heeresversuchsanstalt Peenemünde im Norden der Ostseeinsel Usedom beginnt der Countdown für den nächsten Startversuch der hier konstruierten ballistischen Fernrakete. „X minus 2“, die Triebwerke werden gezündet, per Fernglas beobachtet durch Oberst Walter Dornberger vom Heereswaffenamt und Chefentwickler Wernher von Braun.

Hinter beiden liegen zwölf Jahre Raketenforschung in militärischem Auftrag, erst in Kummersdorf bei Berlin, seit 1939 auf dem 80 Quadratkilometer großen Gelände am Peenemünder Haken, einem abgeriegelten Terrain, für das Raketenspezialisten, Physiker und Techniker rekrutiert sind, dazu Bautrupps der Organisation Todt (OT), sogenannte Fremdarbeiter (Polen, Franzosen, Luxemburger), Wachmannschaften des Heeres, später der SS, insgesamt gut 5.000 Mann. „X minus 1“, es bleiben Sekunden bis zum Abheben. Seit 1939 hat es in Peenemünde noch keinen absolut geglückten Flug gegeben, was wahrlich ein Glücksfall ist.

Mit der Rakete werde der Krieg zum technologischen Prozess, doziert Wernher von Braun zuweilen im Casino von Peenemünde. Man zünde die Triebwerke, und Sekunden später gehe irgendwo die Welt unter. Die A4 fliegt mit Überschallgeschwindigkeit und kann beim damaligen Stand der Luftabwehr nicht abgeschossen werden, sie trägt eine Tonne Sprengstoff und hinterlässt einen Aufschlagtrichter von bis zu 15 Metern Tiefe. Je nachdem, wo der Abschuss erfolgt, kann die Rakete von Cherbourg bis London, von Calais bis Glasgow oder zweistufig bis nach Nordamerika fliegen, eine Frage des Treibstoffs und der Programmierung. Die Vernichtung des Gegners wird zur mathematischen Gleichung.

„X minus 0“, und diesmal bockt die Rakete nicht. Der wie gefroren wirkende Strahl am Himmel über der Ostsee zeichnet eine nirgends oszillierende, nirgends abreißende Kurve. Sie weist steil nach oben, während der Flugkörper längst dem Blick entschwunden ist. Am Abend des 3. Oktober 1942 sagt Dornberger vor seinem Stab: „Solange Krieg ist, kann unsere dringlichste Aufgabe nur die beschleunigte Fertigstellung der Rakete als Waffe sein.“ – Und sie wird beschleunigt. Nach dem makellosen Start soll die A4 weiter getestet werden, parallel dazu die Serienfertigung anlaufen, am Standort Peenemünde und in den Wiener Raxwerken. Zugleich bauen OT-Männer an der französischen Atlantikküste verbunkerte Abschussanlagen, was dem britischen Geheimdienst MI5 nicht entgeht. Der ist seit September 39 über die deutsche Raketenrüstung unterrichtet, hat aber den seinerzeit aus anonymer Quelle zugespielten „Oslo-Report“ als wenig glaubwürdiges Dokument kommunistischer Widerstandsgruppen eingestuft und nicht weiter beachtet. Fahrlässige Ignoranz, die sich mit dem 3. Oktober 1942 als womöglich kriegsrelevanter Fehler herausstellt. Inzwischen erreichen London über Agenten in Deutschland und Frankreich wie die Peenemünde anfliegenden Aufklärer der Royal Air Force untrügliche Nachrichten: Hitler könnte bald über eine Waffe verfügen, der sich nicht viel entgegensetzen lässt.

In Berlin freilich zögert Rüstungsminister Speer noch Anfang 1943 mit der Entscheidung, dem Projekt A4 höchste Priorität einzuräumen, zumal die Wehrmachtsführung dem Lufttorpedo Fi 103 (später V1), einem strahlgetriebenen Flügelgeschoss mit einer Reichweite von 250 Kilometern, den Vorzug gibt. Auch wird aus dem Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen kolportiert, Hitler habe geträumt, dass keine A4 jemals England erreichen werde.

Allerdings hat die deutsche Aggressionsarmee Anfang 1943 nicht nur die Schlacht um Stalingrad verloren, sondern muss an allen Fronten den Rückzug antreten. Also fliegen Dornberger und von Braun am 7. Juli 1943 zum Vortrag in die Wolfsschanze, sie haben Filmaufnahmen über den erfolgreichen Raketentest vom Oktober 42 im Gepäck, dazu schematische Skizzen von den Einschlägen einer A4. Nach der Vorführung wird von Braun gehört. Als er sagt: „Gegen die Rakete gibt es keine Abwehr“, springt Hitler auf und schreit: „Diese Waffe wird den Krieg entscheiden. Sie wird den Feind wie ein zorniger Blitz des Allmächtigen treffen.“

„Vergeltungswaffe Nr. 2“

Nun soll sogar ein göttliches Wunder geschehen. Zarah Leander scheint nicht mehr daran zu glauben und geht in Deckung. Die bestbezahlte Aktrice, die sich die UFA unter dem Schirmherrn Goebbels geleistet hat, dreht nicht mehr in Babelsberg, sondern betrachtet die schwedische Heimat als angemessenes Refugium. Prompt nimmt der Großdeutsche Rundfunk die Erbauungsschnulze vom Wunder und den tausend Märchen aus seinem Repertoire. Dabei wäre sie gerade jetzt wohlgelitten. Die NS-Führung klammert sich an die Wunderwaffe und die Wundertäter aus Peenemünde. Fortan wird jedes Mittel recht sein, sie zu besitzen und zu gebrauchen. Bald schon heißt das Geschoss nicht mehr A4, sondern V2, die Abkürzung von „Vergeltungswaffe Nr. 2“. Eine Idee von Joseph Goebbels, der um Hitlers pathologische Gier nach Rache gegenüber Großbritannien weiß. In der Wolfsschanze habe man sich haltlosen Illusionen hingegeben, wird Dornberger nach dem Krieg in seinen Memoiren schreiben. „Die militärische Lage war Mitte 1943 längst nicht mehr so, dass man durch Verschießen von monatlich 900 mit je einer Tonne Sprengstoff beladenen V2 einen Weltkrieg des erreichten Ausmaßes hätte beenden können.“

Dennoch wird der Rakete die höchste Dringlichkeitsstufe für die NS-Rüstungsproduktion zuerkannt. Nach einem schweren britischen Luftangriff auf Peenemünde in der Nacht zum 18. August 1943 hat dies zur Folge, dass Himmler und die SS das Kommando übernehmen. Dornberger wird ins Glied gestellt, die V2-Serienfertigung noch im August 1943 von Peenemünde in eine unterirdische Fabrik im Berg Kohnstein am Südrand des Harzes verlegt. Bei dem als „Arbeitslager Dora“ getarnten Objekt handelt es sich um eine Außenstelle des KZ Buchenwald, doch kommen die zur Zwangsarbeit Verurteilten nicht nur vom Ettersberg, auch aus Auschwitz und Dachau – Franzosen, Niederländer, Deutsche, Polen, Tschechen, Russen. Zunächst müssen sie Stollen in den Berg treiben und Gleise für Raketentransporte verlegen. Wer dort arbeitet, sieht wochenlang kein Tageslicht. Auch die Unterkünfte der Häftlinge liegen unter der Erde. Schon ab März 1944 werden in den Katakomben die ersten V2 von der Montagestraße gezogen und zum Versuchsschießen verschickt.

Die Arbeitssklaven im Kohnstein müssen damit rechnen, schon beim kleinsten Fehler der Sabotage beschuldigt zu werden. Es reicht, einen Schraubenschlüssel fallen zu lassen, um am nächsten Morgen mit anderen zur Abschreckung an der Laufkatze erhängt zu werden. Die Häftlinge nennen die unterirdische Fabrik „Dantes Hölle“. 20.000 Menschen werden darin untergehen – die letzten Toten liegen unter Felsgestein und Zementbrocken. Als die SS-Wachen am 1. Mai 1945 vor den anrückenden Amerikanern fliehen, wird ein Teil der Stollen gesprengt, ohne die dort Eingesperrten vorher zu evakuieren.

Wie sich zeigt, werden aus den Wundertätern von Peenemünde Handlanger von Henkern, die Wunderwaffen zum letzten Aufgebot. Ab September 1944 fliegen tatsächlich V2-Raketen nach Westen, treffen Wohnviertel in London, später in Antwerpen. Nur gibt es keine Kriegswende, dafür Hunderte von Toten, fast ausschließlich Zivilisten. Davon geht die Welt nicht unter war auch so ein Zarah-Leander-Lied in der Zeit der gefrorenen Blitze am Himmel über Peenemünde.

06:00 01.10.2017
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
Schreiber 0 Leser 107
Lutz Herden

Kommentare 8