1942: Villa mit Seeblick

Zeitgeschichte Am Berliner Wannsee soll die „Gesamtlösung der Judenfrage“ beschleunigt werden. SS-Führer Reinhard Heydrich verschafft sich Geltung als „Europas Judenkommissar“
Reinhard Heydrich (1904 – 1942)
Reinhard Heydrich (1904 – 1942)

Foto: Henry Guttmann Collection/Hulton Archive/Getty Images

Heydrich fliegt selbst. Mit einem Fieseler Storch startet er gegen zehn Uhr in Prag, landet nach gut einer Stunde auf dem Flughafen Gatow am Westufer des Wannsees und wird in schwarzer Limousine mit SS-Standarte zum Konferenzort chauffiert, der Villa Am Großen Wannsee 56 – 58, dem „Gästehaus“ des Reichssicherheitshauptamtes, das Heydrich ebenso führt, wie er seit September 1941 auf der Prager Burg als Reichsprotektor für Böhmen und Mähren residiert. Im Musikzimmer wird die Fliegerkluft gegen die Uniform eines SS-Obergruppenführers gewechselt. Heydrich sieht die Schallplattensammlung und hält eine Aufnahme von Franz Schuberts C-Dur-Streichquintett in der Hand. Das Adagio des 2. Satzes sei „hinreißend“, man müsse es gehört haben. An einem solchen Tag zumal, der sein Tag werden soll.

Heydrich weiß, wovon er spricht. In der Jugend Schüler am Konservatorium seiner Geburtsstadt Halle, spielt er mehrere Instrumente, die Violine besonders gut. Auch sollte er nach dem Willen der Eltern Musiker werden, weshalb ihm bekannt sein dürfte, dass Schubert dieses Quintett erst kurz vor seinem Tod im November 1828 vollendet hat. Mit dem tatsächlich hinreißenden Adagio schwingen sich die Violinen zu aufbrausenden Tönen empor, um – von den Celli zur Mäßigung ermahnt – in eine betäubend zärtliche Inbrunst zu fallen und sich bald von Neuem aufzubäumen. Ein ständiges Pendeln zwischen Schmerz, Wehmut und Todesahnung. Nicht auszuschließen, dass Heydrich daraus das Erhabene und Anmaßende zu schöpfen glaubt, das ihm gebührt als „Europas Judenkommissar“, wie er sich unter seinesgleichen nennen lässt. Wenn nur die Zeit bliebe, sich anzuhören, was bei Schubert so berauschend verführt.

Zunächst war das Treffen mit „Zentralinstanzen des Reiches“ über „eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa“ für den 9. Dezember 1941, zwölf Uhr, anberaumt, musste dann aber verschoben werden „aufgrund plötzlich bekanntgegebener Ereignisse“, wie es im Schreiben Heydrichs vom 8. Januar 1942 heißt, das zur „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ nun für den 20. Januar 1942 am gleichen Ort zur gleichen Zeit bittet. Welche „Ereignisse“ sind gemeint? Womöglich die Kriegserklärung Deutschlands an die USA nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour am 7. Dezember? Hitler kommt aus dem ostpreußischen Hauptquartier Wolfsschanze am 9. Dezember nach Berlin, damit er sie im Reichstag verkünden kann. Oder zwingt die Schlacht um Moskau dazu, den Termin zu verschieben? Mit dem Jahreswechsel 1941/42 frieren, hungern und sterben Hitlers Soldaten im ersten Winter nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Erstmals seit 1939 scheint der Krieg des „Tausendjährigen Reiches“ ins Schlingern zu geraten. Je mehr der Marsch auf Moskau in Rückzug übergeht, desto ersichtlicher wird, dass der „Blitzkrieg“ im Osten nicht wie geplant Ende 1941 das siegreiche Ende nimmt.

Warum ruft Heydrich die „Zentralinstanzen“, vertreten durch 15 höhere NS-Chargen, in einem solchen Augenblick nicht in seinen Amtssitz Prinz-Albrecht-Palais, Wilhelmstraße 102? Es hätte den Stellenwert der „Besprechung“ unterstrichen, im Reichssicherheitshauptamt zu tagen, wo sich in der Mitte Berlins die Machtzitadelle des NS-Staates findet. Stattdessen ist diese Villa zum Schauplatz erkoren, gelegen inmitten einer großbürgerlichen Lebenswelt, wie sie mit der „Colonie Alsen“ Ende des 19. Jahrhunderts entstand. Die Herrenclubs aus dem Berliner Bankenviertel an der Behrenstraße zog es zum Wannsee im Südwesten der Reichshauptstadt, wo sie Sommerhäuser bewohnten, die teils an märkische Residenzen aus der Zeit Fontanes erinnerten. Zu denen, die der Stadt in die Sommerfrische entfliehen, gehört der Kaufmann und königliche Geheimrat Ernst Marlier, der sich ab 1914 direkt am Heckeshorn auf 30.000 Quadratmetern ein neobarockes Anwesen mit Gärtner- und Gewächshaus, Terrasse und Park zum See hin bauen lässt. Durch die Inflation in Bedrängnis, verkauft er seinen Besitz 1921 dem Industriellen Friedrich Minoux, erst Prokurist für die Berlin-Filiale des Stinnes-Konzerns, dann bei der GASAG, die ihn wegen fortgesetzter Untreue verklagt. Im Mai 1940 verhaftet, sieht sich Minoux bald darauf gezwungen, Gebäude und Grundstück der SS zu überlassen, die das Anwesen zum „Gästehaus“ erklärt. Es stehe den „Leitern der auswärtigen Dienststellen von Sicherheitspolizei u. SD bei Übernachtungen in Berlin zur Verfügung“, heißt es im „Befehlsblatt“ vom 18. Oktober 1941. Angepriesen werden Salon und Billardraum, dazu das Musikzimmer, in dem Heydrich das Schubert-Konzert entdeckt, die große Halle und der Wintergarten, der am 20. Januar 1942 für das „anschließende(m) Frühstück“ eingedeckt ist. „Im Haus befindet sich eine gute Küche, die auch für Mittags- und Abendmahlzeiten sorgt; Wein, Bier und Rauchwaren sind vorrätig“, so der Villenführer, verfasst im Reichssicherheitshauptamt. Was Heydrichs „Besprechung“ vollends bestätigt.

Es gibt Burgunder Braten, norwegischen Lachs, Nürnberger Würstchen, Nordseehering in Meerrettich-Schaum, Weine aus Frankreich. Im mondänen Rahmen zur mörderischen Tat schreiten, am kalten und warmen Buffet überspielen oder auskosten, dass Millionen Menschen ein erbärmlicher, quälender Tod zugedacht ist. Die Elite eines Kulturvolkes will die „Gesamtlösung“ in kulturvoller Umgebung vorantreiben, in der Villa, nicht im Amt. Einer von Heydrichs Gästen, der SS-Standartenführer Rudolf Lange, meldet gleich zu Anfang in strammer Haltung: „Estland judenfrei, Lettland fast judenfrei!“ Seit Herbst 1941 verlassen Züge mit Deportierten die Tschechoslowakei und Österreich (damals „Ostmark“). In den besetzten Gebieten der Sowjetunion wüten seit Monaten die Einsatzgruppen des SD, denen bis Ende 1941 bereits über 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Im Lager Auschwitz werden sowjetische Kriegsgefangene getötet, als die ersten stationären Gaskammern den Probebetrieb mit dem Blausäure-Wirkstoff „Zyklon B“ aufnehmen, ebenso in Belzec und Treblinka. Ein erster Sammeltransport aus Berlin geht am 18. Oktober 1941 Richtung Lodz, Deportationszug Nr. 7 fährt am 27. November vom Bahnhof Berlin-Grunewald mit 1.053 Menschen in den Waggons nach Riga. Weil das dortige Ghetto überfüllt ist, befiehlt SS-Führer Friedrich Jeckeln, sie im Wald von Rumbula zu erschießen.

Allein für sie wäre Schuberts ahnungsvolles Memento mori aus dem Adagio angemessen, dessen sinfonische Anmutung das Klagende eines Requiems in sich aufnimmt. Doch ist Trauerklang nicht nur dann angemessen, wenn Trauer dem Unabwendbaren eines Schicksals Tribut zollt? Der Absturz ins Massengrab kann nichts dergleichen sein. In der Stille vor dem Schuss versiegt jeder Laut, laut schlägt nur das eigene Herz.

Wozu Heydrich die „anwesenden Herren“, wie es im Protokoll heißt, am 20. Januar 1942 vor allem vergattert, bevor es zum „Frühstück“ geht, sind mehr Tempo und Effizienz bei Deportation und Mord. Er will Staatssekretäre und die von ihnen vertretenen Minister, dazu etliche Amtsleiter der NSDAP als Mitwisser einschwören, weil sie als Mittäter gefragt sind, jedoch kein Zweifel bestehen darf, dass die Federführung bei der SS liegt. Bei ihm, dem „Judenkommissar“ Heydrich, mehr als bei Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS. Schon gar nicht bei Hitler, auf den die „Gesamtlösung“ zurückgeht, der aber amtlich nicht damit in Verbindung gebracht sein will.

Nach reichlich zwei Stunden ist alles gesagt im „Gästehaus“. Heydrich steht wieder im Musikzimmer, um die Kluft zu wechseln und nochmals zu bedauern, dass ihm Schuberts Quintett vorenthalten bleibt. Vielleicht wäre ihm andernfalls aufgefallen, dass das Adagio gegen Ende nicht harmonisch ausklingt, sondern sein Schluss einem jähen, fast unerbittlichen Verstummen gleicht. Am selben Tag nach Prag zurückgekehrt, hat Heydrich noch knapp vier Monate zu leben. Er stirbt am 4. Juni 1942 nach einem Attentat des tschechoslowakischen Widerstandes.

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Geschrieben von

Lutz Herden

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