1950: Akte 1384/43

Zeitgeschichte Aus dem Exil zurückgekehrt, dreht Peter Lorre vor 65 Jahren seinen einzigen Film als Regisseur. „Der Verlorene“ fragt nach Schuld und Sühne im Nachkriegsdeutschland
Lutz Herden | Ausgabe 30/2015 12

Da steht einer auf dem Gleis und will vom Zug gefällt werden wie ein Baum, den keine Wurzel mehr hält. Dr. Karl Rothe, die Zigarette im Mundwinkel, die Hände in den Manteltaschen. Trauer im Gesicht und wenig Angst. Lebensüberdruss und Todessehnsucht haben ihn an diesem Herbstmorgen die Böschung zum Bahndamm hinabsteigen lassen. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Wer zu viel Unheil mit sich herumträgt, der trete vor seinen Richter. Und wenn es das eigene Gewissen ist. Und wann endlich rauscht der Zug heran, und alles ist vorbei?

Der Moment vor dem Selbstmord ist das optische Schlussmotiv des 1950 gedrehten Spielfilms Der Verlorene, die erste und einzige Regiearbeit des Schauspielers Peter Lorre (1904 - 1964), der sich selbst für die Rolle des Dr. Rothe besetzt hat. Der Streifen, heute fast in Vergessenheit geraten, findet kaum Zuschauer im westlichen Nachkriegsdeutschland und keinen Verleiher in den USA, Lorres Exil seit 1935. Der Künstler ist jüdischer Herkunft und hat Deutschland im Februar 1933 zunächst in Richtung Wien verlassen.

Warum fällt sein Film durch? Ist die Grundstimmung zu düster, das Geschehen zu melodramatisch, die Fabel zu verworren? Liegt es daran, dass die Hauptfigur kein tragischer Held ist, sondern Kreatur und Monster – zuweilen der Peter Lorre, wie man ihn schon als Kindermörder Hans Beckert aus Fritz Langs grandiosem Spielfilm M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) kennt? Oder liegt es an der Botschaft: Wer Schuld auf sich geladen hat, der soll nicht nur, der muss dafür büßen. Findet sich kein Ankläger, suche ihn in dir selbst! Nur dann wird dir Gnade zuteil. Und sei es die eines letzten Augenblicks.

Damit sind in Lorres Film weniger die Massenmörder des NS-Regimes gemeint, vielmehr die Komparsen des Systems, die Schuld auf sich laden und dadurch immer tiefer und unwiderruflicher in Schuld verstrickt werden. Der Mediziner Dr. Rothe etwa, der 1943 an einem Impfserum forscht, das für die deutsche Kriegführung sehr nützlich sein kann. Die Spionageabwehr überwacht seine Labors, aber tut das offenbar nicht gründlich genug. Wie sich herausstellt, ist der britische Geheimdienst über Rothes Versuchsreihen bestens im Bilde. Inge Herrmann, seine Verlobte, hat Forschungsergebnisse über ihren im Stockholmer Exil lebenden Vater nach London geschleust, wie Rothes Assistent Hösch, ein V-Mann der Gestapo, herausfindet. Hösch weiß schnell Bescheid, als er sich mit Fräulein Herrmann auf eine kurze Affäre einlässt, um ihr auf den Zahn zu fühlen. Als alles auffliegt – man schreibt den 8. Dezember 1943 – und über Rothe das große Unheil hereinbricht, rät ihm Hösch: „Es ist wirklich besser, Sie machen sich da keine Illusionen mehr, das Mädchen ist das nicht wert. Da gibt es nur eines – Schluss machen, einfach Schluss machen!“ Und Rothe macht Schluss, noch am gleichen Abend in der gemeinsamen Wohnung. Im Affekt erwürgt er Inge und spielt mit der Kette vom toten Hals. „Es war nicht wieder ungeschehen zu machen.“

Kein Entrinnen vor brodelnder Mordlust

Doch, ist es durchaus. Offiziell zumindest. Weil der NS-Staat den Forscher Rothe braucht, wird der Täter Rothe nicht verfolgt und der Mord zum Selbstmord erklärt. Abwehr und Gestapo regeln, was zu regeln ist: „Inge Herrmann, geboren am 3. September 1919 in Hamburg, wohnhaft Magdalenenstraße 17, verstorben am 8. Dezember 1943. Gerichtsärztlicher Befund: Selbstmord durch Strangulation mit einem Lackgürtel“, lautet das Ergebnis der polizeilichen Untersuchung, Aktenzeichen 1384/43. Oberst Winkler von der Abwehr ist Realist: „Wir hätten uns die Herrmann ja früher oder später sowieso kaufen müssen. So kommt sie wenigstens zu einer bürgerlichen Beerdigung.“

Als Rothe sich darauf einlässt, weil „antiquierte ethische Bedürfnisse nicht mehr in diese Zeit passen“, wie ihm gesagt wird, ist sein Schicksal besiegelt. Er wird vom Affektmörder zum Triebtäter. Ist das Tier erst einmal geweckt, will es sich austoben und zubeiß

Es gibt kein Entrinnen vor brodelnder Mordlust. Vor neuer Schuld, ohne die sich die alte nicht mehr betäuben lässt. Das Gleichnis dieses Films schlägt der so gar nicht auf Schuld und Sühne bedachten westdeutschen Nachkriegsgesellschaft gehörig aufs Gemüt: Einmal im Krieg auf französische Geiseln an der Friedhofsmauer geschossen, immer wieder abgedrückt. Einmal in Weißrussland das Brett unterm Galgen weggezogen, immer wieder die Hand zum Seil geführt. Weggesehen, als der jüdische Nachbar geholt wurde, und nie darüber gesprochen. „Heil, mein Führer“ geschrien und nie mehr verstummt. Einmal Mitläufer, immer Mittäter. Die Geschichte hat euch keine Absolution erteilt, befindet der 1948 aus den USA nach Deutschland heimgekehrte Lorre, auch wenn der Faschismus weichen musste. Wie viel davon lebt in euch fort, weil das Chaos der Zeit dazu gut war, Spuren zu verwischen, neue Papiere zu bekommen, Identitäten und Biografien zu retuschieren, als unbefleckt zu gelten?

In einer Bombennacht Ende 1944 – so nähert sich der Film seinem Finale – wird das Wohnhauses Karl Rothes getroffen. Da kam keiner mehr lebend raus, heißt es in der Magdalenenstraße, alles ging so schnell, als ein Feuersturm durch das Stadtviertel fegte. Rothe wird unter den Trümmern vermutet. Wer weiß schon, dass er sich in der Villa von Oberst Winkler aufhielt, als die Magdalenenstraße 17 verschwand. Es ist so einfach, man braucht nur die Hand zu ergreifen, die ein gnädiges Schicksal ausstreckt. Und wer nimmt sie nicht, wenn er sie braucht?

So ist Rothe tot, ohne gestorben zu sein. Nach dem Krieg versorgt er als Dr. Neumeister im Flüchtlingscamp Elbe-Duvenstedt die Entwurzelten mit Trost und Tetanus-Spritzen, genießt das Vertrauen der Lagerleitung und erweckt keinen Verdacht – bis Gestapo-Hösch auftaucht, der nun Novak heißt. „Ich bin auf der Flucht und habe keine Papiere. Vergessen Sie nicht, ich habe Ihnen schließlich auch mal geholfen“, bringt er sich Rothe alias Neumeister in Erinnerung. Dem zerstört die unverhoffte Begegnung die erlogene Existenz. Er sieht wieder das Zimmer in der Magdalenenstraße vor sich und jenen Abend, als ihm eine Kette zwischen die Finger geriet und noch mancher Hals danach.

Kollektive Verantwortung

In Fritz Langs Meisterwerk M schreit und kreischt der wahnsinnige Triebtäter Hans Beckert um sein Leben, als er vor ein Tribunal der Gangster geschleift wird, denen es die Geschäfte verhagelt, solange ganz Berlin einen Mörder sucht. „Aber ich kann doch nichts dafür, ich habe doch diese verfluchte Stimme in mir, die sagt, du musst, du musst töten … Ich will vor mir selbst davonlaufen, aber ich kann mir nicht entkommen.“ Beckert wird von der Polizei gerettet, bevor ihn die Verbrecher totschlagen. Auch Rothe müsste gerettet werden. Der ist ebenso davongelaufen, ohne sich zu entkommen. Und ein Verbrecher wie Hösch hat ihn gestellt, als sei ein faustischer Pakt geschlossen und sonst nichts geschehen: „Mensch Rothe, die ganze Reue ist doch Quatsch, ganz großer Quatsch. Man muss einfach rechtzeitig zur Seite springen.“

Zu solchem Sprung ist es diesmal zu spät. Rothe schießt und tötet ein letztes Mal. Ist es Wut oder treibt ihn die Verzweiflung des Gewissens? Peter Lorre bestreitet durch sein Werk den ehemaligen Landsleuten die erlösende Nachkriegsamnesie: Von der kollektiven Verantwortung Komplize von Verbrechern und damit selbst Verbrecher gewesen zu sein, spricht euch niemand frei. Am allerwenigsten habt ihr selbst das Recht dazu. Auch Dr. Karl Rothe nicht, der dem Pfeifen eines Frühzugs entgegentrottet.

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06:00 29.07.2015
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 43/2020

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