1980: Gezähmte Wildnis

Zeitgeschichte Erwin Strittmatter schreibt an seinem Spätwerk. Die Welt rings um sein Anwesen in Schulzenhof ist für ihn Refugium und Ressource. Sie hilft über einsame Jahre hinweg

Es geschieht überraschend und wird zum Schicksalsschlag. Am Abend des 8. April 1980 ist Erwin Strittmatter im Schulzenhofer Wiesental mit seinem „Birkenhund“, dem Dalmatiner Assan, unterwegs, als plötzlich ein Fuchs auftaucht, den Kampf sucht und sich erst nach Minuten wieder zurückzieht. Der sofort konsultierte Tierarzt verordnet für Assan wegen Tollwutgefahr eine Quarantäne von drei Monaten – mindestens. Strittmatter will dem Hund, der wegen seines Alters bereits geschwächt ist, die Qual des Zwingers ersparen und bittet den Förster um den erlösenden Schuss. Als der fällt, verabschiedet sich das sterbende Tier mit einem Zeichen.

„Assan wedelte mit dem Schweif, wedelte und wedelte, als ob er etwas Schönes sähe, … und machte mir mit seinem Wedeln davon Mitteilung: Komm bald nach, Alter, du wirst hier etwas erfahren, was du bisher in deinem Leben vergeblich zu erfahren trachtetest“, beschreibt Strittmatter den Augenblick. Die Himmelfahrt, die Heimkehr der Kreatur, lässt ihn an Rilke denken: Sei allen Qualen voraus. Eigene Altersahnung schlägt in Todessehnsucht um, Trauer in Verheißung. Über allem liegt die Gewissheit – Assans Revier am Thörn-See, es gibt den Hund nie mehr her.

Im Sommer 1980 sind es 26 Jahre, dass der Schriftsteller Erwin Strittmatter auf seinem Vorwerk Schulzenhof im Umland der märkischen Gemeinde Dollgow lebt, Angorakaninchen und Ponys züchtet, Pferde zureitet, den Wechsel der Jahreszeiten erfährt, Kraniche im Frühjahr und Wildenten im Herbst über sich hinwegziehen sieht. Er will bleiben, wo er ist, um zu tun, was er muss. Als sakraler Ort gilt das Arbeitszimmer über dem Pferdestall, Maß der Dinge ist das literarische Werk, das mehr sein soll als die Summe der Romane, Erzählungen, Novellen, Theaterstücke. Mittlerweile 68 Jahre alt, schreibt Strittmatter die unwiderruflich letzten Bücher, beschwingt und beschwert von einer wundersamen Ahnung, von Assans lockendem Wink: Komm bald, Alter, quäl dich nicht länger, komm ins Paradies. Hat man sich das nicht längst verdient?

Für den III. Teil seines Wundertäters kann Strittmatter nichts mehr tun. Über den Roman, nach Vorbehalten und Verzögerungen 1980 in der DDR endlich erschien, geht zwar nicht die Zeit hinweg, die Arbeit schon. 770 Seiten Manuskript des Ladens – die Erinnerungen an eine Kindheit im wendischen Bohsdorf, im Buch Bossdom genannt – liegen vor und gehen dem Aufbau-Verlag zu. Dabei soll es bleiben, dabei wird es nicht bleiben. Strittmatter hat sein erzählerisches Netz bereits zu weit ausgeworfen, als dass sich darin nicht auch die unglücklichen Spremberger Jahre des Gymnasiasten Esau Matt, seines Alter Ego, verfangen könnten, und die Bosdomer Nachkriegszeit gleich mit. Bisher ist an keine Trilogie gedacht, die es später sein wird, nur die Fortsetzung des Ladens erwogen, die den Titel Die Kleinstadt tragen soll. Also noch einmal das Gedächtnis aushorchen, sich Abbildern anvertrauen, den Trugbildern ebenso, wie dem Zweig im Bachwasser nicht weit vom Haus. Das kleine Stück Holz hängt am Ufer fest und deutet etwas an, um das es schnell geschehen ist. Das Wasser strömt, will weiter, schäumt ein wenig und löst auf, was Spiegelbild zu werden versprach. „Die Figur, die entstand, bin ich …“, endet Strittmatters Notiz im Tagebuch.

Das Poetische der Gegend bleibt dem Fremden, dem flüchtigen Besucher verschlossen. Den Dichter beruhigt und verführt sie. Er kann in sich Bäume wachsen lassen, Lärchen, Kiefern, die alten Birken im Wiesental, die Buchen nah am See. Keine Urlandschaft, eher eine gezähmte Wildnis mit Roggenschlag und Maisfeld, das die Rebhühner schützt, weil verbirgt. Oft jetzt sind Strittmatters Tage belastet von aufdringlicher, lauernder Selbstbeobachtung, die zum seelischen Belagerungszustand wird. Er fürchtet, der Lebensrest schrumpft zur Gnadenfrist, die sich kreativ – wenn überhaupt – wie auskosten lässt? Was ist noch unterwegs zu mir? Wann schwindet die Produktivität, und wenn das geschieht, wer bemerkt es zuerst? Bin ich es? Wer riskiert so viel unverfrorenes Mitleid, um Bescheid zu geben?

Er redet mit einem kleinen, wilden, schlohweiß blühenden Kirschbaum am Waldrand, der sich zwischen Eichen und Buchen versteckt, nicht abstirbt, sondern ausharrt, ausschlägt, wächst. In seiner Hauspostille (1926) hatte einst Bertolt Brecht den „Baum Griehn“ in einem Berliner Hinterhof bewundert, der nächtlichen Stürmen widerstand, schwankend „wie ein besoffener Affe“, sich biegend, nicht brechend. „Angesichts Ihres Erfolges meine ich heute: Es war wohl keine Kleinigkeit, so hoch heraufzukommen zwischen den Mietskasernen …“

Um ungestörter und nur sich selbst überlassen zu sein, tritt Strittmatter in diesem Sommer seine Schulzenhofer Spaziergänge gegen vier Uhr morgens an, wenn „der Schichtnebel flach und zart wie eine Tüllgardine über der Schonung“ hängt. So früh lassen nur Lerchen und balzende Frösche von sich hören, gelegentlich ein Pirol, selten eine Nachtigall. Aus weiten Himmeln kommend ist die Erde ein Wohlgefallen, jeden Schritt des Flaneurs auf sich nehmend, der allein seinem Weg folgt. Weil Assan fehlt. Und die Stille am See in Scherben fällt. Im Tagebuch geht Strittmatter dazu über, von sich in der dritten Person zu schreiben. Namen aus seinen Büchern wie „Este“ tauchen auf. Über Wochen nennt er sich „alter Mann“, dem die einsamen Jahre zu Leibe rücken. „Das Leben zieht durch mich hindurch. Ich ziehe wunschlos durchs Leben.“

Die grünen Sommermorgen, die blauen Abendstunden in der Wiesensenke von Schulzenhof beleben die Sinne. Manchmal spenden sie Trost. Was erfüllt mich noch, was brennt, was schmerzt, was betäubt – was tötet? „Das Alter sprengt mir die Schädelnaht, es naht die gefährlichste der Amortisationen, die Amortisation der Seele naht“, dichtete Wladimir Majakowski, als er Mitte 30 war. Mit 36 Jahren nahm er sich in Moskau das Leben. Die erwiderte, aber hoffnungslose Liebe zu der Regisseurin Lilja Brik ließ ihn das Dasein eines Verzweifelnden nicht mehr ertragen.

Strittmatter irritiert zusehends, wie sich Eva – die Gefährtin, Geliebte, Gehilfin, die Mutter der gemeinsamen Söhne Erwin, Matthes und Jakob – von ihm entfernt. Eva Strittmatter, inzwischen als Lyrikerin erfolgreich und künstlerisch ebenbürtig, ist 17 Jahre jünger. Der Altersunterschied macht sich bemerkbar, beider Leben schwankt zwischen Nähe und Abstand, Geduld und Gereiztheit, Treue und Misstrauen. Verdunkle ich der Dichterin die Existenz, fragt sich Strittmatter. Ist Evas ständiges Kränkeln Symptom fortschreitender Entfremdung, ist es Flüstern oder Schreien? Eva bleibt länger als sonst in der gemeinsamen Berliner Wohnung am Frankfurter Tor, wo Strittmatter schon nach wenigen Tagen die Sehnsucht nach Schulzenhof übermannt, nach der Pferdekoppel, dem Schmatzen der Kühe und dem Roten Milan, der „wie eine fliegende Katze sein Miau über den Zausköpfen der alten Birken erklingen lässt“. Der über Assans Grab schwebt, lange genug, in weitem Bogen. Strittmatter fragt sich, ob Passion und Inbrunst in Evas Versen eine unerfüllte körperliche Liebe anzeigen. Sie selbst schreibt in ihrem 1986 erschienenen Buch Mai in Pieštany, den Reflexionen über die jährlichen, gemeinsamen Kuren in der Slowakei, die Liebe sei kein Halt mehr wie noch vor Jahren, aber: „kein Gras wird auf uns sein, kein Stein“.

Schon 1980 zeichnet sich ab, dass von den Söhnen keiner das Anwesen übernehmen wird. Erwin Strittmatter allein kann Schulzenhof auf Dauer nicht erhalten. Es bleibt nur, die Pferde zu verkaufen, die Islandponys früher oder später auch. Dann lässt sich nicht mehr wie gewohnt teilhaben am Sein und Werden auf dem Vorwerk, das Vergehen und Abschied nie Raum zu geben schien. Die Last der Gewissheiten schleicht nun erst recht durch die Träume. Aber wann war das je anders? Und wie sehr half es doch, dem Leben ins Gesicht zu sehen, um zu erkennen, wie es wirklich war? Und darüber zu schreiben, um es ertragen zu können.

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06:00 31.12.2020
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 24/2021

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