1989/90: Die Lawine

Zeitgeschichte „Das Duell“ aus der Reihe „Polizeiruf 110“ erzählt, wie zum 40. DDR-Jubiläum der Staat die Kontrolle über sich selbst verliert. Und letzten moralischen Kredit verspielt

Gib diesem unglückseligen Land einen Tritt. Es will endlich von sich selbst erlöst sein, damit in Deutschland wieder alles so sein kann, wie es immer war. 40 Jahre DDR, das ist mehr als einst gedacht, nun aber genug. Hat Volker Braun das gemeint, als er 1990 sein Gedicht Das Eigentum schrieb? „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. KRIEG DEN HÜTTEN, FRIEDE DEN PALÄSTEN. Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.“ Der Tritt ins Nichts der historischen Selbstaufgabe. Wer hat zugetreten, damals im Herbst 1989, als sowieso alles zu spät schien?

Die Frage wird nie erschöpfend zu beantworten sein. Umso mehr beschäftigt sie den Film Das Duell aus der Polizeiruf-110-Reihe des Deutschen Fernsehfunks (DFF). Gedreht im Sommer 1990 und ausgestrahlt am 4. November gleichen Jahres, lässt sich diese 143. Folge (Regie: Thomas Jacob) auf Zeitgeschichte ein wie nie zuvor. Es wird nacherzählt, detailversessen reflektiert, vor allem aber erinnert, was am 7. und 8. Oktober 1989 passiert ist, als in der DDR-Hauptstadt das 40. Staatsjubiläum gefeiert werden soll. Aber nicht wirklich gefeiert wird, weil vor aller Augen eine Lawine ins Tal rollt und mehr mit sich reißt, als gut sein kann. Sie erfasst Menschen und Straßen in Ostberlin, wenn Lastwagen mit Räumschilden auffahren, Hundertschaften der Bereitschaftspolizei hintendrauf, Wasserwerfer im Tross.

„Provokatorisch-demonstrative Handlungen und feindliche Aktivitäten sind mit allen Mitteln und entschlossen zu unterbinden. Es sind weitere Reservekräfte bereitzustellen, um unbedingt einen störungsfreien Ablauf der Feierlichkeiten am 7. Oktober zu gewährleisten“, lautet der Befehl aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), dem Jacobs Werk seinen Prolog verdankt.

Zu jenen Reservekräften zählt die Kripo. Sie wird bis auf Weiteres dem MfS unterstellt und wechselt – gezwungenermaßen – auf die Seite der Täter. So findet die Lawine immer ungestümer ihren Weg. Am Ende wird ein Land darunter begraben sein. Noch aber ist es nicht so weit, noch ist der altgediente Polizeiruf-Kommissar Beck fassungslos. Es gibt für ihn „keinen einzigen Mann“ zur Unterstützung, als er den brutalen Einbrecher Holm auf frischer Tat ertappt, aber allein nicht stellen kann, stattdessen ohnmächtig zusehen muss, wie er untertaucht und verschwindet.

„Keine Überraschung zulassen und dem Gegner keine Möglichkeit geben, dort aktiv zu werden, wo er uns nicht vermutet.“ Die Order lässt Dämme brechen am 7. Oktober 1989. MfS und Polizei holen zu einer Strafaktion gegen die Opposition aus, als sollte ein drakonisches Exempel statuiert werden. Hunderte werden „zugeführt“, drangsaliert, verhört. Es hat den Anschein, als hätte es der Staat darauf angelegt, letzten moralischen Kredit zu verspielen und sich selbst in den Orkus zu treten.

Nicht nur in Ostberlin, ebenso in Dresden, Leipzig und Plauen werden Demonstranten und Unbeteiligte verhaftet und wie Kriminelle behandelt, was sich herumspricht. Kritische Solidarität mit der DDR schlägt um in erbitterte Distanz. Schock und Entsetzen reichen bis weit in die Mitgliedschaft der SED. Perfekter kann politische Demontage kaum gelingen. Ist sie allein von den Ereignissen erzwungen, eine Art Selbstverstümmelung bis zur Kenntlichkeit? Oder steckt mehr dahinter? Soll der Sturz Erich Honeckers beschleunigt werden, um zu retten, was noch zu retten ist? Nachdem Beck die erste Runde im Duell mit Holm verloren hat, wandert er durch die nächtliche Stadt und wird Zeuge, wie Verhaftete von Uniformierten verprügelt werden. „Was läuft da ab?“, rätselt der Kommissar, „Ist das Konterrevolution? Ich bin mir auf einmal nicht mehr sicher, ob das unsere Leute sind, die da in unseren Uniformen stecken.“

Becks 18-jähriger Sohn Andreas wird vor der Ostberliner Gethsemanekirche verhaftet, muss auf einem Polizeirevier stundenlang mit dem Gesicht zur Wand stehen, kommt schließlich frei, als der Vater für ihn bürgt, dann aber den Dienst quittieren muss. Es fällt das Wort Sippenhaft.

Gegen Holm ermittelt fortan niemand mehr, und das hat Folgen. Holm wird zum Mörder, als er auf der Flucht nach einem weiteren Einbruch kaltblütig eine Frau überfährt. Der Staat kann seine Bürger nicht mehr schützen, weil er alle Hände voll damit zu tun hat, sich selbst zu schützen, sagt uns das. Was nur bedingt der Wahrheit entspricht. Der bald nach dem 7. Oktober von Bürgerrechtlern, Künstlern, Opfern der Übergriffe und Ostberliner Stadtverordneten gebildete Untersuchungsausschuss schreibt in seinen Protokollen nirgends, dass die Polizei Pflichten verletzt und nur noch Regimekritiker gejagt hätte.

Doch weiter im Film. Zum Nichtstun verdammt, sitzt Beck grübelnd zu Hause. Mit der DDR hadern – ja. Ihr selbst „den Gnadentritt“ versetzen – nein. Es könnte ein Tritt ins eigene Spiegelbild sein. Man schützt seine Biografie erst recht, wenn sie einem wie Feuer auf der Haut brennt. Warum ein mit Anstand verbrachtes Leben preisgeben? Weil von einem Tag zum anderen die Finsternis so schwer wird, dass man sich unter fremde Himmel wünscht? „Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen“ (Volker Braun).

In den vorangegangenen Ausgaben finden sie weitere Texte zur Freitag-Serie Wendezeichen 1989/2014, eine Rückschau auf den Herbst 1989 und seine Folgen

Als Beck den Sohn im Bürgerkomitee trifft, das die Zusammenstöße vom 7./8. Oktober aufklären will, bekennt er wie ein geschlagener Sisyphos die Jahrhundertschuld: Ich wurde zum kleinen Rädchen in einer großen Maschine und wollte doch nur meine Arbeit machen. „Ja, das ist deine Tragik“, urteilt Andreas über den Vater, der sich im Beichtstuhl eingerichtet hat. „Damit muss meine Generation leben, und das schon zum zweiten Mal.“

Resignation und Pathos. Man merkt dem Film an, dass er gedreht wurde, als der Untergang der DDR besiegelt war und Klarheit herrschte über den Gang der Dinge. Immerhin darf der Vater dem Sohn noch zuraunen, er solle seinerseits „zu keinem Rädchen werden in einer anderen Maschine“. Die Sorge ist unbegründet. Das unabhängige Untersuchen von staatstragender Gewalt hat sich schon ein Jahr später erledigt. Gegen Ende des 1990er Einheitsjahrs gibt es bürgerkriegsartige Szenen, als im Ostberliner Bezirk Friedrichshain die Mainzer Straße von Hausbesetzern, Szenekneipen und „Volxküchen“ gesäubert wird. Räumfahrzeuge, Wasserwerfer und Stoßtrupps der Polizei sind aufgeboten und so unschlagbar, dass MfS-Obristen davon nur träumen könnten, wären sie nicht längst aus allen Träumen gefallen. Hunderte Verletzte der Straßenschlacht vom 14. November 1990 sehen sich durch Sanitäter versorgt, aber weder von bürgerbewegten Ermittlern noch investigativen Staatsanwälten gehört. So relativieren sich die Eindrücke und Erfahrungen mit den Systemen, von denen nicht jedes Gleiches verkraften kann.

Nachdem Egon Krenz als neuer SED-Generalsekretär die „Wende“ ausgerufen hat, darf Beck wieder im Dienst erscheinen, als Kronzeuge für die andere Kripo, die kein MfS vereinnahmt hat, aber die dennoch gezeichnet ist. Die Wende ist kaum mehr als ein Wimpernschlag. Eine personell aufgehübschte DDR-Führung hofft vergeblich, es gäbe eine Chance, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Tatsächlich kann sie bleiben, wo der Pfeffer wächst. Die Lawine hat inzwischen die Mauer hinweggerafft. Auf den Herbst der Wende folgt ein Winter der Begierde.

So geht die Geschichte auch über diesen Polizeiruf 110 und seine Aufklärungsmission hinweg, wie es so ihre Art und das Schlechteste nicht ist. Mit dem Epilog kommt der Kriminalfilm wieder zu seinem Recht und Das Duell zu einem Finale. Wegen seiner Verbrechen schwer unter Druck, versucht Holm, über die offene Grenze nach Westberlin zu fliehen, doch das Loch in der Mauer erweist sich als zu klein. Holm bleibt stecken, Beck ist am Ziel, ausgerechnet im ehemaligen Grenzstreifen, der zum Niemandsland wurde. Als die Handschellen einrasten, wird die Szene zum Sinnbild einer absurden Situation. Da stehen sie sich gegenüber: der Kommissar und der Täter. Die Rollen sind wieder so verteilt, wie es seine Ordnung hat und als üblich gilt beim Polizeiruf 110. Und doch ist alles anders.

06:00 11.10.2014
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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