1989: Ganz normal anders

Zeitgeschichte In Ostberlin wird der DEFA-Film „Coming Out“ uraufgeführt. Er ist seiner Zeit voraus, doch bleibt inmitten der Wendewirren zu wenig Zeit, dem Werk gerecht zu werden

Hier weiß keiner, wie der andere heißt. Hier ist jeder allein. Und jeder hat Angst“, sagt Achim, der Kellner aus dem „Burgfrieden“. Was er meint, ist die Angst, die in den Augen der anderen steht und jeden beobachtet, aus weichen Knien in Magen und Nacken steigt, ständig im Kopf kreist. Angst vor dem Coming-out jenseits vom „Burgfrieden“, der Ostberliner Schwulenbar Ende der 1980er, die Refugium sein kann, nicht muss. Für den Lehrer Philipp ist sie Sehnsuchts- und Schmerzensort, hier hat er den 19-jährigen Matthias getroffen, den er liebt, mit dem er zusammen war für eine Nacht, um ihn wieder allein zu lassen. Nicht zu erlösen von Warten und Hoffen. Einen anderen zu lieben, das Schwerste und Schönste, was ein Mensch erleben kann, wird für Philipp zur Katastrophe. Er will nicht wahrhaben, was er weiß, und droht sich selbst, erst recht den Geliebten zu zerstören, der Tabletten nimmt, aber gerettet wird.

Dass beider Herzen nach verschiedenen Seiten jagen, um sich zu verlieren, ist die vom Leben gezeichnete Botschaft des DEFA-Films Coming Out, des ersten Spielfilms, der in der DDR eine solche Geschichte erzählt. Als 1988/89 gedreht wird, sind Drehbuchautor Wolfram Witt und Regisseur Heiner Carow ihrer Zeit voraus. Weniger, weil in ihrem Land homosexuelle Liebe per se tabuisiert wäre, sondern als Randerscheinung bei Randexistenzen gilt, die geduldet, aber nicht sonderlich geachtet werden. Diesen Spiegel hochzuhalten, ist Ausdruck eines starken künstlerischen Willens. Nur wer findet sich und schaut hinein? Als der Film am Abend des 9. November 1989 im Ostberliner Kino International uraufgeführt wird, geht die Zeit nicht über ihn hinweg, doch bleibt im Sog von Wendewirren und Grenzöffnung wenig Zeit, um seiner Fabel die Beachtung zu gönnen, die sie verdient. Bedauerlicherweise, denn Liebesgeschichten sind stets auch Zeitgeschichten. Die von Matthias und Philipp – und Tanja unbedingt. Sie beginnt an einer Ostberliner Oberschule, an der sich der Deutschlehrer Philipp Klarmann und die Kunsterzieherin Tanja, einst Kommilitonen an derselben Hochschule, wiedertreffen und näherkommen. Man zieht zusammen, alles scheint in geregelten heterosexuellen Bahnen, bis Tanja eines Abends ihren alten Freund „Redford“ einlädt, der eigentlich Jakob heißt. Philipp wirft das aus der – wie sich zeigt – ganz und gar nicht geregelten Bahn. Jakob war ein enger Schulfreund, wenn nicht Philipps Jugendliebe, und hat nie verwunden, wie einst erstickt wurde, was sich anbahnte. Als Philipp allein mit ihm reden will, entladen sich bei Jakob Enttäuschung und Wut. „Es ist dir heute noch genauso peinlich wie damals.“ Philipp will widersprechen: „Das ist doch überhaupt nicht wahr, seitdem ich dich wiedergesehen habe, ist alles anders.“ – „Nicht wahr? Du meinst das anders. Es ist nicht wahr, dass du mit mir nicht mehr in einer Klasse bleiben wolltest? Du bist nicht krank geworden aus Ekel vor mir? Du hast nicht deine Eltern zu mir geschickt – peinlich, peinlich, unser Sohn wurde zu homosexuellen Handlungen verführt. Und du weißt auch nicht mehr, dass mir deine Eltern das Fahrrad geschenkt haben und den Zirkelkasten – als Ersatz für dich?“

Die Filmhandlung lässt Philipps Flucht aus Jakobs Wohnung eine Szene im Fußgängertunnel unter dem Alexanderplatz folgen. Ein Junge wird von drei Älteren verspottet – „hey, Schwuli“ – gehetzt – „hey, Schwuli“ – geschlagen – „hey, schwule Sau“. Bis der Junge in die Nacht entkommt. Philipp wagt es nicht einzugreifen, er rast in Panik davon, zum zweiten Mal am selben Abend.

Als Staat war die DDR beim Thema Homosexualität gnädiger und toleranter als das Gros ihrer Bürger. Bereits 1968 wird der Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, kassiert (was im Westen erst nach der Wiedervereinigung 1994 geschieht). Gleichgeschlechtliche Intimität gilt nur noch als strafbar, sind unter 18-Jährige beteiligt. 1988 wird auch dieser Paragraf 151 ersatzlos gestrichen. Schon 1957 hat das Ostberliner Kammergericht entschieden, „dass bei allen unter Paragraf 175 fallenden Straftaten weitherzig“ verfahren werden sollte. Von homosexuellen Beziehungen gehe „keine Gefahr für die sozialistische Gesellschaft“ aus. Warum wollte die sich dann nicht daran messen, was möglich gewesen wäre? Weshalb wurde der Umgang mit einer Minderheit – 1989 geschätzt 700.000 Menschen von 16,8 Millionen – nicht zur Probe für reklamierte Humanität? Hätte es vor allem ein gesellschaftliches Coming-out geben müssen?

Stattdessen sagt Achim, der Kellner, über seine Gäste: Und jeder hat Angst. Auf Philipp trifft das auch deshalb zu, weil er um seinen Beruf fürchtet. „Ich bin Lehrer, und ich bin gern Lehrer … Weißt du, was das heißt, Lehrer und schwul“, heult er im „Burgfrieden“ Walter an, genau den Falschen und doch Richtigen. Mit einem rosa Winkel auf der Häftlingskluft und dem Gestapo-Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ wird der 1938 als „artfremder Perverser“ ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, schließt sich dort den Kommunisten an, um zu überleben, und ist in der DDR „Aktivist der ersten Stunde“. „Wir haben gearbeitet wie die Besessenen und haben die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft. Aber gleichzeitig waren all die Vorurteile noch da. Heute ist es scheißegal, ob einer, der neben dir arbeitet, Jude ist oder sonst was – bloß die Schwulen, die haben wir vergessen.“ Nach seinem Monolog, der wie ein Nekrolog klingt, steht Walter auf – ringsherum dröhnt Karaoke-Lärm, der seine Worte ungerührt aufsaugt –, lässt Philipp und ein Tablett Weinbrand zurück, die meisten Gläser leer. „Was hat man dir, du armes Kind, getan?“

Der Vorzug von Carows Film ist die ehrfürchtige Anmut, die ihn schildern lässt, was denkbar ist – der Verzicht auf narzisstische Attitüden des Selbstmitleids, auf schrilles Emanzipationsgehabe, jeden auch nur andeutungsweise voyeuristischen Umgang mit dem „Anderssein“. Einer in der DDR nach dem 9. November 1989 – auch von außen – angeheizten inneren Konfrontation fehlt solcher Mut zum Maß. Dies umso mehr, je weiter die Zeit ohne Mauer voranschreitet.

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn?“ Philipp lässt in seiner Deutschstunde Goethes Mignon rezitieren. „Dahin! Dahin / möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn! / Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach / Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach / Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, getan?“ Dass Philipp sich annimmt, wird geradezu herausgefordert, als der Pädagogische Rat seiner Schule wegen „gewisser Vorkommnisse“ zu spontanen Hospitationen in seinen Stunden übergeht. Es kommt zum Kräftemessen: der ins Zwielicht Geratene, unter Beobachtung Stehende gegen die um den guten Ruf ihrer Anstalt besorgte Direktorin. Philipp verzögert den Beginn seines Unterrichts und schaut aus dem Fenster auf die graue Fassade gegenüber, den Schulhof, einen Bagger, alles steht still. Eine Szene, die wie ein Strafgericht beginnt, wird zur Befreiung. Der Lehrer lächelt und sagt seinen Schülern: „Ja!“ Ja, es ist so, ich bin schwul und bereit, ich selbst zu sein. Was ihr davon haltet, beirrt mich nicht länger.

Heiner Carow wollte diesen Film unbedingt drehen und hat dafür auch die Reputation eines Vizepräsidenten der Akademie der Künste zu nutzen gewusst. Sein Drehbuch für den Simplicius Simplicissimus hingegen blieb seit 1981 in der Schublade, vor und nach der „Wende“. Ein solcher Film hätte sich angeboten als künstlerisches Äquivalent zu Coming Out. Tröstet doch Simplex seinen Sohn, der Angst hat, mit dem Boot in die Welt fahren, mit den Worten: Die Welt ist nicht böse, noch ist sie gut. Sie ist, wie sie ist. Sei kein Feigling.

Info

Dieser Beitrag ist Teil unserer Wende-Serie 1989 – Jetzt!

06:00 24.10.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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