1989: Schwäne in der Panke

Zeitgeschichte In der Wochenzeitung „Sonntag“ wird mit der Serie „Lebensadern“ zum 40. Jahrestag der DDR gefragt, was den Sozialismus im Innersten zusammen- und über Wasser hält
1989: Schwäne in der Panke
Lässig und schlagfertig, die Jungs von der ordnenden Zunft

Bild: der Freitag

Sie schauen den Leuten draußen vor der Tür in die Augen und fragen sich, wer ist noch tauglich für den Rest der Nacht? Die Ordner der Nachtdisco Café Nord an der Schönhauser Allee in Ostberlin haben einen gefährlichen Beruf. Manchmal sind sie als Rausschmeißer gefragt, riskieren Kiefer oder Nasenbein oder beides. Roland, Rabschi, Mike oder Ingo waren einst Hammerwerfer, Boxer und Maurer, haben Gardemaß zwischen 1,80 und 1,90, einen so festen wie lässigen Blick und verstehen sich als Wegbereiter von Ordnung und Umsatz. „Erst wenn eener als Erster zuhaut, dann jibt’s man so ’n kleenen ‚Streifschuss‘“, sagt Peter Ascher, der Chef.

Was Jutta Voigt und Fritz-Jochen Kopka mit ihrer Reportage Garde Nord im Sonntag vom 16. Juli 1989 vorlegen, ist nicht nur eine süffig geschriebene, milieuechte Geschichte aus dem Bezirk Prenzlauer Berg in den späten 1980ern. Sie liefern zugleich eine Erklärung dafür ab, weshalb diese Wochenzeitung, der ostdeutsche Vorgänger des Freitag, in der DDR das Dasein eines geschätzten Einzelgängers auskostet und mehr Sympathisanten als Leser hat. Im Café Nord fühlen sich die Autoren anfangs wie Käfer, die auf den Rücken fielen und gern wieder auf die Beine kämen. Sie versuchen das, indem sie sich zunächst einer am frühen Abend noch verkehrsberuhigten Zone widmen. „Eine Stunde vor Öffnung wartet das Lokal in totalem Frieden. Tischreihen stehen stramm wie ein Bataillon … noch fehlt der hitzige Überfluss an Menschen, Musik und Bewegung. Ein Kellner streicht die Tischdecken glatt, der Discotheker macht eine Anspielprobe, der Griller sortiert die Steaks. Peter Ascher heißt der Gaststättenleiter. Der Patron legt den Arm um die Barfrau, die Eisblöcke holt. Das ‚Café Nord‘ ist volkseigen. Ascher führt es, als wäre es seins.“

Mit Garde Nord nimmt eine Serie von Artikeln Fahrt auf, die seit Juni 1989 in jeder zweiten Sonntag-Ausgabe platziert wird und mit der Dachzeile „Typisch DDR: zum 40. Jahrestag“versehen ist. Da die Lebensbäume des Sozialismus gerade nicht in den Himmel schießen, werden seine „Lebensadern“ ergründet, um zu wissen, was ihn im Innersten zusammenhält. Die Redaktion hat es vermieden, im Editorial eine Agenda zu verkünden. Der Leser merkt auch ohne Lesehilfe, dass ein lebensweltlicher Blick auf den DDR-Arbeitsalltag geworfen wird, dessen Probleme als „Phänomene“ beschrieben sein wollen. Der Sonntag, mehr Exot als Fanal in der DDR-Medienlandschaft, schadet mit solcherart Unterlassung keineswegs seinem Renommee, im Gegenteil, er bedient es. Man darf sich eines Zuspruchs sicher sein, der weit über die Auflage von gut 40.000 Exemplaren hinausgeht. Wenn der neue Sonntag am Freitag die Kioske erreicht, kann er innerhalb einer Stunde vergriffen sein, in Ostberlin schneller als anderswo. Geheimtipps für Zu-Spät-Gekommene sind Zeitungshändler an den Endstationen der S-Bahn in Erkner, Strausberg oder Königs Wusterhausen.

Volker Brauns 1988 am Berliner Maxim-Gorki-Theater inszeniertes Stück Die Übergangsgesellschaft hatte den Gedanken souffliert: Ein Volk gibt sich auf, wenn es sich nicht in die Welt stellt. Gemessen an solcher Mahnung lässt die Auswahl der Lebensadern Weltläufigkeit vermissen, doch beiläufig gerät sie auch nicht. Die Redaktion folgt dem Ruf der Kohle und steigt am 4. Juni 1989 mit einem Thema in ihre Serie ein, das für die DDR-Ökonomie eine existenzielle Zumutung ist. Mit dem Feature Berge versetzen geht es nach Schwarze Pumpe, ins Senftenberger Revier, wo täglich zwischen 530.000 bis 620.000 Tonnen Rohbraunkohle aus 18 Tagebauen geholt werden. Und es doch bei Großkraftwerken wie Boxberg bestenfalls für den Vorrat eines Tages reicht. „Berge versetzen“ kann daher heißen: wegen der Flöze Ortschaften abbaggern, Straßen verlegen, Flüsse umleiten – die Heimat verheizen, also Lebensadern kappen, um andere zu erhalten. Zu Wort kommen Kronzeugen der unerlässlichen wie unerbittlichen Selbstverstümmelung. Vizegeneraldirektor Patzig etwa, schon immer und ewig im Bergbau: In der Braunkohle reiche ein Menschenleben aus, befindet er, „um zwei Landschaften am selben Platz kennenzulernen, die ursprüngliche, natürlich gewachsene und die Bergbaufolgelandschaft“.

Es kreist im Sonntag kein widerständiger Gedanke um die negative Utopie, der früher oder später die Zukunft abhandenkommen muss. Einen Gegenentwurf leistet man sich trotzdem, wenn Wolfgang Sabath in seiner Reportage Der neue Wald über das Aufforsten im Norden Ostberlins und Kiefernschonungen schreibt, die noch der „markante Geruch von Rieselfeldern“ durchzieht. Mehr als ein Jahrhundert lang kamen in dieser Gegend die Fäkalien der Großstadt an und stanken. Um dieses Erbe abzustreifen, werden Millionen Bäume gepflanzt, auch um Feinstaub zu binden und ökologische Schneisen zu schlagen, auf denen sich durchatmen lässt. Der Verfasser nennt das ausdrücklich „eine Vision“, deren Geheimnis es vorerst bleibt, ob in Pankow wieder Schwäne durch die Panke ziehen.

Wie sollte es anders sein – den Autoren klebt das Land an den Sohlen, ohne dass solches den Fluss ihres Erzählens stört, erst recht nicht, wenn es gilt, die Nischen auszuleuchten, von denen die DDR mehr besetzt als gesegnet ist. In ihrer Nische haben sich der Herrenschneider Uli Haase und der Designer Thomas Greis etabliert, „zwischen sowjetischer Militärmission und einst noblen Mietshäusern“ in Berlin-Karlshorst. Das Label Haase & Greis, dem sich die Serienepisode Mode machen in der DDR zuwendet, steht für ein privates Atelier mit Sommer- und Winterkollektion, für Mannequins auf dem Steg, DDR-Schickeria links und rechts vom Steg, für ein strenges Arbeitsregime, worauf der Sonntag ausdrücklich verweist. Wer für H & G Muster entwirft, Stoffe zuschneidet und Kleider näht, durchläuft eine Probezeit. Firmenchef Haase: „Also, ausklinken und abducken gibt es hier nicht. Entweder man macht mit oder nicht. Und das jeden Tag.“ Das klingt für den in DDR-Unternehmen gebräuchlichen Schlendrian, wenn soziale Sicherheit als Freiheit von Verantwortung missverstanden wird, unverhofft radikal. Da trifft es sich – und Querlesern des Blattes dürfte das aufgefallen sein –, wie der Sonntag im Sommer 89 die Französische Revolution zu ihrem 200. Jahrestag in den Zeugenstand zitiert und Walter Markov hört, den Nestor der DDR-Historiografie. Der spricht von einer „Übergangslandschaft der Jakobiner“, in der sich 1793 die „Selbstorganisation des Volkes“ und eine „revolutionäre Regierung“ begegneten. Da kann man der DDR mit ihren 40 Jahren nur wünschen, sich ihrer unvollendeten Geschichte bewusst zu sein, mit der sie es immerhin bis zu einer „Übergangsgesellschaft“ gebracht hat. In der fiel so manches an, aber auch aus, wird der Ansprüche zur Staatsgründung 1949 gedacht.

Die Serie endet im Frühherbst 1989 so abrupt, wie sie im Frühsommer begann. Chefredakteur Wilfried Geißler teilt der Redaktion mit, andernorts sei der Eindruck entstanden (haben daran Ausreißer wie Garde Nord und Haase & Greis ihren Anteil?), mit den Lebensadern werde „bürgerlicher Boulevardjournalismus“ betrieben. Das jedenfalls habe der Sonntag-Herausgeber, der DDR-Kulturbund, bemängelt. In Wahrheit ist es die Agitationskommission im ZK der SED, die moniert, dass es nicht DDR-förderlich sei, was im Sonntag als DDR-typisch reflektiert werde. Daraus folgt kein Verbot, doch weiß die Redaktion, was zu tun ist. Die Serie läuft aus, wiederum ohne den Leser mit Erklärungen zu behelligen. „Man muss nich allet uff Krawall machen. Man muss sich das einfach anhörn und sagen, is jut, is jut, hast recht, dufte ...“, ließ Peter Ascher als Vormund der Nachtarbeiter im Café Nord ausrichten.

Es hätte sich gelohnt, weiter nach Lebensadern Ausschau zu halten, auch wenn fortan mehr die Lebenslinien der DDR beschäftigten, die sich im (N)irgendwo zu verlieren drohten.

06:00 16.08.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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