1990: Das letzte Mal

Zeitgeschichte Die Abschiedssaison der DDR-Fußballoberliga droht an manchem Spieltag in Gewalt und Chaos unterzugehen. Stadien werden zu Nahkampfarenen. Einen Toten gibt es auch

Zu meinem ersten Mal kam es mit zwölf. Ich durfte endlich auf die Tribüne, um die Oberligaspiele meines Vereins, des Halleschen Fußballklubs Chemie (HFC), in der höchsten DDR-Spielklasse zu erleben, und mich dem Ansturm der Eindrücke ausliefern. Im Kurt-Wabbel-Stadion gab es fast nur Stehplätze, auf denen es stets eng war, derb und deftig sowieso. Inbrunst und Hingabe der Fans kitzelten die Sinne, ihre verdorbene Sprache, die Schmähungen, die obszönen Sprüche, die niemanden störten. Wenn die Heimmannschaft zur Vereinshymne auflief, ging das magentief und war so herzzerreißend, dass man sich aufzulösen glaubte. Während des Spiels lief ein HFC-Verteidiger über den Platz, der beherrschte, was im DDR-Fußball eher selten, weil erstklassig war. Klaus Urbanczyk zeigte die Grätsche als elegant wuchtiges Tackling, um einen Stürmer ohne Foul, fast kapriziös, vom Ball zu trennen.

Als Jahre später, am 11. August 1990, 14 Oberligamannschaften zu einer letzten Spielzeit antreten, hat sich Urbanczyk längst auf ein Trainerdasein verlegt. Seine Kunst der Grätsche bleibt unerreicht, Nachahmer scheitern und verfallen nur allzu oft der gefürchteten „Blutgrätsche“, die mit Platzverweis geahndet werden kann. Davon gibt es gleich 30 in der Saison 1990/91, als der DDR-Fußball kaum mehr als ein Schattendasein fristet und sich so vieler „Blutgrätschen“ schuldig macht, dass er folgerichtig für immer vom Platz muss. Vereine werden verramscht, Stadien zu Nahkampfarenen, in denen sich Gewalt und Aggressivität austoben, Schiedsrichter zum Harlekin, wenn sie für Spieler bei der Dopingprobe einspringen. Gehälter von 250.000 DM und mehr führen bei ausbleibendem Erfolg (Bundesliga-Aufstieg) todsicher in den Bankrott. Es bürgert sich ein, dass Trainern wie Reinhard Häfner von Dynamo Dresden ständig das Gerücht im Nacken sitzt, durch Westimporte – in diesem Fall Christoph Daum – beerbt zu werden. Nein, diese Abschiedstour lädt nicht dazu ein, der DDR-Oberliga mehr als eine Träne im Knopfloch zu gönnen. Was auch damit zu tun hat, dass die Meisterschaftsserie zu einem auf neun Monate gestreckten Qualifikationsturnier verkommt. DFB und NOFV als ostdeutscher Nachfolger des DDR-Fußballverbandes DFV haben ausgehandelt, dass der Meister und Vizemeister danach in die 1. Fußball-Bundesliga aufsteigen. Wer auf den Rängen drei bis sechs einkommt, hat Startrecht für die 2. Liga West, in der zwei weitere Plätze für Crews aus dem Osten reserviert sind. Auszuspielen durch eine Relegation zwischen den Klubs, die in der Abschlusstabelle die Nummern sieben bis zwölf sind. Wer leer ausgeht, dem winkt der Absturz ins Amateurlager. Viele Betriebe und Kombinate, die Vereine bis dahin alimentiert und deren „Amateure“ als Schlosser, Schmelzer oder Werkzeugmacher beschäftigt haben, sind vom Existenzkampf mit der Treuhand derart in Anspruch genommen, dass Sportförderung entfällt. Der VEB Carl Zeiss Jena kann als Branchenprimus der DDR-Optoelektronik dem dreifachen DDR-Meister FC Carl Zeiss Jena kein zuverlässiger Rückhalt mehr sein, und das Eisenhüttenkombinat Ost muss dem Erstligisten Stahl Eisenhüttenstadt eine bis dato stets solvente Fürsorge entziehen. Von Mäzenen wie der Nationalen Volksarmee (Vorwärts Frankfurt) oder anderen „bewaffneten Organen“ (BFC Dynamo) ganz zu schweigen.

Um den freien Fall in die ökonomische Selbstbestimmung abzufedern, werden Leistungsträger in den Westen verkauft. Ein erster Ost-West-Transfer erregt schon Ende 1989 Aufsehen, als Nationalspieler Andreas Thom vom BFC Dynamo für 3,6 Millionen DM zu Bayer Leverkusen gelotst wird. Später folgen von Dynamo Dresden Ulf Kirsten (ebenfalls nach Leverkusen) und Matthias Sammer (VfB Stuttgart), Thomas Doll und Frank Rohde zieht es vom BFC zum Hamburger SV und so weiter. Ausverkauf verheißt Aderlass, die Qualität mancher Spiele wird zum Diätprogramm, was die Kulisse mit Verschwindsucht honoriert. Liegt in der Saison 1988/89 der Zuschauerschnitt pro Spiel noch bei 10.200, sinkt er ein Jahr später auf 8.303, um ab August 1990 mit 4.087 alles zu unterbieten, was es in 42 Jahren DDR-Oberliga (gerechnet ab der Ostzonen-Meisterschaft 1948) je an Zuspruch in den Stadien gegeben hat. Wegen seiner DDR-Vergangenheit besorgt, ist mancher Klub auf eine neue Identität bedacht. Aus dem BFC Dynamo, zuletzt der DDR-Serienmeister, wird der FC Berlin (später wieder der BFC, freilich nun bis zur Regionalliga durchgereicht). Der FC Vorwärts Frankfurt nennt sich fortan Victoria 91 Frankfurt, der 1. FC Karl-Marx-Stadt Chemnitzer FC. Aufsteiger Chemie Böhlen verschwindet kurz von der Bildfläche, um nach einer Fusion mit Chemie Leipzig als FC Sachsen Leipzig wieder aufzutauchen.

Am 6. Spieltag (28./29. September 1990) ist der erste Spielabbruch fällig und wird nicht der letzte sein. Im Georg-Schwarz-Sportpark treffen Sachsen Leipzig und Carl Zeiss Jena aufeinander. Erst hat Schiedsrichter Siegfried Kirschen – ein von der UEFA gern und häufig eingesetzter DDR-Referee – dem Hausherrn ein Abseitstor regelkonform aberkannt, schließlich einen Foulelfmeter versagt. Kirschen rennt schon zum Punkt, besinnt sich aber eines Besseren, als er sieht, dass der Linienrichter das vorherige Foul eines Leipzigers reklamiert. Dies passiert in der 79. Spielminute, in der 80. fliegen Steine, Flaschen und Bierbüchsen. In der 83. müssen die Mannschaften in die Kabine, ein Abgang ohne Wiederkehr. Die Randale hat sich zum Platzsturm hochgeschaukelt. Am Abend sagt Sachsen-Trainer „Jimmy“ Hartwig (mit Vorgeschichte in Augsburg) im ZDF-Sportstudio über den Schiedsrichter: „Er hat sich benommen wie ein kleines Schweinchen.“ Am nächsten Tag legt der rhetorisch versierte Metaphoriker im Sachsen-Radio nach. Weil Ostpolemik zum Zeitgeist passt, nimmt er sich Jena-Coach Bernd Stange vor, der von 1983 bis 1988 die DDR-Auswahl trainiert hat. Hartwig: Es könne eben nicht sein, „dass der kleine Hartwig gegen den großen Nationaltrainer gewinnen darf“.

Übertroffen wird der 28. September in Leipzig durch den 3. November, wieder in Leipzig. Die leicht erreg- und reizbare Gefolgschaft des FC Berlin ist zum FC Sachsen unterwegs, stoppt in Halle den Zug und rüstet sich mit Schottersteinen aus. Weder Bahnpersonal noch Polizei kann verborgen bleiben, was sich anbahnt und nicht mehr zu zügeln ist, als die meisten Berlin-Anhänger – obwohl im Besitz von Tickets – vom Spiel ausgesperrt werden. Auf dem Bahngelände Leipzig-Leutzsch wütet daraufhin ein Straßenkampf. Statt angekündigter acht Hundertschaften stehen den Steine werfenden Hooligans nur 219 Polizisten gegenüber. Da die DDR-Bereitschaftspolizei einheitsbedingt aufgelöst ist, sind es vorrangig ehemalige Abschnittsbevollmächtigte und Kriminalisten, die sich als „Systemnahe“ im Außendienst bewähren. Kurz nach 15.00 Uhr wird Schießbefehl erteilt, Minuten später gibt es drei Schwerverletzte. In Gesicht und Rücken getroffen, liegt der 18-jährige Berliner Mike Polley am Boden und stirbt. Die Saison hat einen Fußballtoten. Zwar wird viel ermittelt, aber nie geklärt, sondern totgeschwiegen, wer die tödlichen Schüsse abgab.

Entschieden wird die Meisterschaft am 4. Mai 1991 durch ein 3 : 1 von Hansa Rostock über Dynamo Dresden. Am 18. Mai, dem letzten Spieltag, steht fest, dass sich diese beiden Klubs in der 1. Bundesliga versuchen dürfen. Was bleibt? Zwischenzeitlich in Berlin zu Hause und etwas älter, war mir der Fußball in jener Zeit entglitten wie der flüchtige Traum am Morgen. Was mir widerfuhr, deckte sich mit frühen Beobachtungen in der Halleschen Kurve, wenn mancher dort bei miserablen Spielen anfangs aufschrie, sich bald stiller Wut überließ und irgendwann in kontemplativer Resignation versank. Mein zeitweiliger Abstand zum Fußball war kein Abschied.

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06:00 02.10.2020
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