1990: Irrungen, Wirrungen

Zeitgeschichte Stets ist der 13. August als Tag des Mauerbaus mit Botschaften gut ausgestattet. Wie war das vor 30 Jahren, als zusammenwachsen sollte, was mutmaßlich zusammengehörte?

Die DDR besenrein übergeben und zuvor möglichst wenig Unheil stiften. So wenig und damit viel zu viel erwartet im Einheitsjahr die Regierung in Bonn von der in Ostberlin. Geht und schwimmt, aber tut es im Aquarium, damit wir euch im Auge haben. Zu denen, die ein Auge werfen, zählt der bayerische Ministerpräsident Streibl (CSU). Am 13. August 1990 verlangt er in der Illustrierten Bunte, dass sämtliche Zahlungen für die DDR sofort zu unterbleiben hätten: „keine müde Mark mehr“. Das solle so bleiben, „bis der Beitritt endlich wirksam wird und die Hobbyminister drüben wieder ihren erlernten Berufen nachgehen“. Eine derart hingebungsvolle Sympathie ausgerechnet am 13. August? 29 Jahre zuvor hatte die DDR ihre Grenze nach Westberlin verriegelt und sich einen Pressverband gegen das Ausbluten zulegt. Was spricht dagegen, sich an den 13. August 1990 zu halten, um dem Einheitsjahr gerecht zu werden? Die Aura des Tages ist unübertrefflich, birgt aber Risiken. Wie schnell werden im Wissen um vollendete Geschichte die Geschehnisse von einst dem ordnenden Griff ausgesetzt? Sie auszuwählen, heißt sich einzumischen ins unabänderlich Gewesene, als Geschichtsbild Betonierte. Weshalb zunächst erzählt werden soll, was auf einen ersten Blick unverfänglich scheint.

Sofern sie es nicht schon am Wochenende des 11./12. August 1990 getan haben, drucken die DDR-Zeitungen am Tag darauf Nachrufe auf die verstorbene Schauspielerin Marianne Wünscher. Gefeiert an der Volksbühne, war sie eine derbe Mutter Wolffen in Gerhart Hauptmanns Biberpelz und spielte diesen Part um einiges proletarischer als Ufa-Star Fita Benkhoff in Erich Engels DEFA-Klassiker von 1949. Die Wünscher reüssierte als schrill deftige Magd in Karl Gassauers Casanova auf Schloss Dux und war in einer der wenigen (Ost-)Berliner Mauergeschichten zu sehen, an die sich das DDR-Fernsehen wagen durfte. Die Filmversion des Romans Familie Rechlin von Jochen Hauser beginnt sechs Monate nach dem Mauerbau im Winter 1962 am Hackeschen Markt. Alle Versuche der dort wohnenden Köchin Ingelore Rechlin, die im Westberliner Bezirk Spandau lebende Tochter zu besuchen, um Familienbande zu erhalten, scheitern an der verweigerten Ausreiseerlaubnis. Bis ein Telegramm eintrifft. „Beate lebensgefährlich erkrankt, müssen mit dem Schlimmsten rechnen.“ Nun erhält Ingelore ihr Visum, fährt vom Grenzbahnhof Friedrichstraße zum Zoo, vom Zoo nach Spandau. Aus der S-Bahn steigend, ist sie zu Tode erschrocken, als ihr die todkranke Tochter zur Begrüßung entgegenrennt. Die Sitten sind rau zwischen Ost und West und an der Spree sowieso. Im Leben wie in der Politik steht die Camouflage hoch im Kurs, solange Westberlin das Zeug zur „Frontstadt“ hat und die Grenze zur Front werden kann.

„Warum wurde vor 29 Jahren die Mauer gebaut?“, fragt die Zeitung Neues Deutschland am 13. August 1990 und zitiert die in der DDR regierungsoffizielle Lesart, wonach der „antifaschistische Schutzwall“ 1961 den Frieden in Europa gerettet habe. Um diese Sicht zu relativieren, werden zwei Schreiben von Rudolf Dölling, damals DDR-Botschafter in Moskau, abgedruckt, die – so das Blatt – „kürzlich im Archiv des Außenministeriums der DDR aufgefunden wurden“. Dölling schildert darin diplomatische Empfänge, bei denen er in Gesprächen mit dem finnischen und thailändischen Botschafter erklärt habe, dass „unsere DDR-Regierung … von einer friedlichen Regelung überzeugt ist, und dass für kriegerische Konflikte keinerlei Ursachen bestehen“. Anfang Juni 1961 hatte es in Wien einen Gipfel zwischen dem sowjetischen Parteichef Chruschtschow und US-Präsident Kennedy gegeben, doch blieb der „deutschen Frage“ jeder Durchbruch verwehrt. Ein von sowjetischer Seite angestrebter Friedensvertrag war so wenig in Sicht wie das Einvernehmen über den Status von Westberlin, das man sich in Moskau als „freie Stadt“ ohne westalliiertes Militär und Bindung an den westdeutschen Staat vorstellte.

Freilich will nicht bis zum Hals in solcher Geschichte stecken, wem am 13. August 1990 der Jubel nicht im Halse steckenbleiben soll. Rainer Eppelmann, Abrüstungs- und Verteidigungsminister der finalen DDR, gibt sich euphorisch: Bis Dezember sind in Berlin letzte Mauerreste abgeräumt. Westberlins Innensenator Erich Pätzold (SPD) will sich dagegen weniger dem sichtbaren Beton „als der Mauer in den Köpfen“ widmen. Was nicht von der Hand zu weisen ist, taugt doch der deutsch-deutsche Arbeitsmarkt nicht als Humus des Zusammenwachsens. Wie die Arbeitsverwaltung der DDR mitteilt, hat sie Anfang August 272.017 Arbeitslose registriert, das sind 129.921 mehr als am 1. Juli 1990, als die DDR von der DM geflutet wird. Zugleich verzeichnet die BRD mit 28,4 Millionen Beschäftigen den höchsten Stand seit 1949. Da schleift die Einheit ihre Wurzeln mehr hinter sich her, als welche zu haben. Zur prekären ökonomischen Lage kommt im Osten die klägliche politische. Die DDR-Volkskammer hangelt sich von einer Verfassungsänderung zur nächsten, um die DDR ohne Verfassungsbruch abwickeln zu können. Kurz vor dem 13. August wird über ein Wahlgesetz für die am 2. Dezember anstehende erste gesamtdeutsche Parlamentswahl debattiert, um bundesdeutsches Wahlrecht auf die „fünf neuen Länder“ auszudehnen, obwohl es noch keinen Einigungsvertrag, geschweige denn einen Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes gibt. Ein aufschlussreicher Vorgang, schließlich wird am 13. August 1990 von jeder Kanzel verkündet, vor 29 Jahren sei den DDR-Bürgern jegliches Selbstbestimmungsrecht genommen worden. Wie steht es um Demokratie und Chancengleichheit, wird nun ein Wahlrecht dekretiert, das mit der Fünf-Prozent-Klausel für privilegierte und unterprivilegierte Parteien im Einheitsstaat sorgt? In einem gesamtdeutschen Wahlgebiet hätten ostdeutsche Wettbewerber wie die PDS und Bündnis 90 wegen der Sperrklausel keine Chance auf parlamentarische Präsenz. Die SPD-Ost ringt sich daraufhin zu einer Geste durch, die sie „Huckepack“ nennt: Ein paar ihrer Listenplätze könnten an DDR-Bürgerrechtler gehen. Am 13. August fragt Wolfgang Ullmann für Bündnis 90 die SPD-Fraktion in der Volkskammer: „Was haben Sie sich dabei gedacht? Wir müssen doch heraushören, die Bürgerrechtsbewegungen seien nicht gehfähig und müssten Huckepack genommen werden. Und wenn ich dann höre, dass Abgeordnete dieses Hauses, ausgerechnet der SPD, ein Urteil darüber abgeben, welche Fraktionen … verzichtbar sind, dann wird mir angst und bange.“ Tatsächlich erreicht das Wahlgesetz nicht die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit. Von den 88 SPD-Parlamentariern wollen 13 nicht erscheinen, auch werden ungültige Stimmen abgegeben. Ein kleiner Betriebsunfall, findet die Vize-Regierungssprecherin, Dr. Angela Merkel. Die Kammer werde das Gesetz schon verabschieden. Was auch geschieht, doch entscheidet das Bundesverfassungsgericht am 29. September 1990, dass für die vorgesehene Wahl das Fünf-Prozent-Quorum getrennt für West und Ost gelte. Es reicht demnach, in einem der beiden Landesteile die Hürde zu nehmen.

Und Ingelore Rechlin? Sie muss ihre drei Tage Westberlin allein vertreideln. Tochter und Schwiegersohn können im eigenen Restaurant die Gastarbeiter-Kellner „keine Sekunde aus dem Auge lassen“. So lernt die Westbesucherin im Tiergarten eine Enten fütternde Rentnerin kennen, die sie zu Kartoffelpuffer mit Apfelmus einlädt. Als am Abend in Spandau Langusten-Cocktail und Steak Hawaii kredenzt werden, ist der Hunger schon gestillt und der Appetit verflogen. Nicht mit der letzten Bahn, schon früher fährt Ingelore zurück zum Hackeschen Markt. Da man erst spät mit ihr rechnet, holt niemand sie ab. Die Familie sitzt beim Skat, als die Wünscher in der Tür zum Wohnzimmer steht: „Mutter ist wieder da.“

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06:00 22.08.2020
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 03/2021

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