Abzug vor dem Abzug

Afghanistan Unter dem Eindruck der Massenproteste hat die Bundeswehr einen kleinen Stützpunkt im Norden vorzeitig geräumt, doch kommt das eher einer Frontbegradigung gleich

Seit US-Soldaten – vorsätzlich oder nicht – im Internierungslager Bagram Koran-Schriften verbrannt haben, kocht der Volkszorn, entladen sich Wut und Empörung. Auch nach den Freitagsgebeten. Demonstrationen münden in Aufruhr und Aufstand gegen die fremde Militärpräsenz. Zehntausende oder mehr halten einer Afghanistan seit über elf Jahren in Schach haltenden Besatzungsmacht vor Augen, dass sie längst nicht mehr als Beschützer wahrgenommen wird und schleunigst das Weite suchen sollte. Offenbar erscheint die ISAF-Präsenz vielen Afghanen als Ausdruck anmaßender Fremdbestimmung, die sich über die Zeit retten will, bis das magische Abzugsjahr 2014 anbricht.

Was danach an militärischen Restposten übrig bleibt, ist unklar. Immerhin hat zumindest die US-Regierung bereits zu verstehen geben, dass man das Land danach nicht allein zu lassen gedenke – was wohl heißen soll, nicht sich selbst überlassen werde. Politisch gibt es ihn also bereits, den Einstieg in die Präsenz nach dem Abzug, was den Afghanen nicht verborgen bleiben dürfte.

Es fällt auf, dass sich die Protestierenden in vielen Gegenden gezielt in Richtung ausländischer Militärbasen bewegen, diese zuweilen angreifen und die damit verbundenen Risiken augenscheinlich nicht scheuen. Und es lässt sich gleichfalls kaum verhehlen, dass Verbände der afghanischen Nationalarmee, teilweise auch der Polizei, an diesen Attacken beteiligt sind, anstatt die bedrohten ISAF-Refugien zu schützen. Wenn das Oberkommando in Kabul von der Gefahr eines Flächenbrandes spricht, zeigt das unmissverständlich, wie ernst die Lage genommen wird. Schließlich rühren sich in einem solch brisanten Augenblick auch die Taliban, um Öl ins Feuer zu gießen, das ohne ihr Zutun wahrscheinlich mit gleicher Intensität lodern würde. Im – wie es heißt – III. Kommuniqué der Gotteskrieger zum Vorfall in Bagram werden die „tapferen afghanischen Muslime“ aufgefordert, die Basen und Konvois der internationalen Militärs anzugreifen. Afghanen sollten Ausländer fangen, schlagen und töten, „damit diese lernen, den Koran nie wieder zu schänden“.

Warum die Zeit strecken

Derartige Appelle zu Rache und Vergeltung passen wenig zu dem stets von Neuem beschworenen Gebot, mit den Taliban zu verhandeln, vor allem mit ihnen eine Nachkriegsordnung für den Staat am Hindukusch auszuhandeln. Die sollte dazu angetan sein, dem Land einen Bürgerkrieg, wie er 1989 nach dem Abzug der Sowjets ausbrach, und einen Rückfall in jenes Kalifat zu ersparen, zu dem Afghanistan unter der Taliban-Diktatur zwischen 1996 und 2001 geworden war. Der jetzt ausgebrochene Vulkan des Zorns schärft das Bewusstsein dafür, wie schwer es wird, diesen Minimalzielen näher zu kommen. Es könnte aussichtslos sein, sie erreichen zu wollen. Was soll in den knapp drei Jahren bis zum angekündigten Auszug der NATO-Kontingente geschehen, damit die Erwartung anders ausfällt? Welchen Sinn hat es, die Besatzungsmacht bis in das Jahr 2014 hinein zu strecken?

Die Bundeswehr reagiert auf die Unruhen, indem sie den kleinen Stützpunkt Talokan im Norden vorzeitig räumt. Überzogene Deutungen dieser Demission verbieten sich – im März sollte das Areal ohnehin verlassen werden, weil es mitten in der Stadt liegt und sich nur schwer sichern lässt. Insofern geht es nur um eine militärisch-taktische Optimierung, die einer Frontbegradigung gleichkommt. Das Ganze ist weit entfernt von einem politischen Eingeständnis des Kalibers: Es lässt sich nicht mehr halten, was längst unhaltbar geworden ist. Wollte die Regierung Merkel dieser Expertise folgen, würde sie sich nicht länger im Takt der US-Exit-Strategie wiegen, sondern selbst den Takt schlagen und eigene Wege gehen. NATO-Staaten wie die Niederlande und Kanada haben diese Courage bereits besessen oder sind wie Belgien dazu entschlossen - und haben sich vom Kriegsschauplatz Afghanistan verabschiedet.

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Ihre Freitag-Redaktion

13:15 24.02.2012
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 37/2021

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