Acht Minuten bis zum Atomkrieg

Unternehmen "Nachrüstung" Als die NATO einst beschloss, neue Mittelstreckenraketen in Westeuropa zu stationieren

Historische Vergleiche bedienen gern den Gedanken: Was es schon einmal gab, mag ein Recht auf Wiedervorlage genießen. Werden derzeit die US-Raketenpläne für Osteuropa debattiert, gerät des öfteren auch eine NATO-Entscheidung von 1979 ins Blickfeld, bei der es gleichfalls um die Stationierung neuer, atomarer Waffen ging. Übersehen wird dabei häufig, dass sich vor 28 Jahren Nordatlantikpakt und Warschauer Vertrag als hochgerüstete Militärblöcke gegenüberstanden und ein Ende des bipolaren Zeitalters nicht absehbar war.

Es ist der 12. Dezember 1979, als der NATO-Rat in Brüssel mitteilen lässt, durch eine Stationierung von Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern (Cruise Missile) in Westeuropa die militärische Balance mit dem Ostblock verändern zu wollen. Das Unternehmen firmiert unter dem Label "NATO-Doppelbeschluss", was suggerieren soll, diese Mittelstreckenraketen zu dislozieren, sei die eine Option - dies durch Verhandlungen mit der Sowjetunion zu vermeiden, die andere. Das zweite mehr ins Militärische langende Etikett des Brüsseler Beschlusses versichert sich des Begriffs "Nachrüstung".

Es sei zunächst dahin gestellt, ob der damals reklamierte Handlungsbedarf wegen einer sowjetischen Übermacht bei atomaren Mittelstreckenraketen tatsächlich existiert hat. Schon von der Wortwahl und Absicht her erscheint jeder Vergleich mit heutigen US-Plänen in Sachen "Missile defense" für Polen und Tschechien fragwürdig, sollte es dabei - wie behauptet - um Gefahrenabwehr gegenüber dem Iran gehen. Bisher verfügt Teheran weder über Mittelstreckenraketen, die dank ihrer Reichweite West- oder Mitteleuropa anfliegen könnten, noch sieht es sich in der Lage, derartige Trägermittel mit Atomsprengköpfen auszustatten, so dass eher von "Vorrüstung" als von "Nachrüstung" zu reden wäre. Es sei denn, ein möglicher US-Raketenschild richtet sich eben doch gegen Russland, um dessen Mittelstreckenpotenziale (die SS-24 M1) neutralisieren zu können. In der Rüstungsgeschichte des Atomzeitalters fehlt es bekanntlich nicht an Versuchen, von veränderten militärischen Kräfteverhältnissen politisch Gebrauch zu machen - für die USA mag das angesichts der nicht unbelasteten Beziehungen mit der Russischen Föderation verlockend sein.

Henry Kissinger warnt

Doch zurück zum "NATO-Beschluss" von 1979. Die westliche Allianz fühlt sich Ende der siebziger Jahre einer - wie es heißt - wachsenden Bedrohung durch landgestützte Mittelstreckenraketen des Typs SS-20 ausgesetzt, deren Basen im Westen der UdSSR liegen. SS-20 können nach Erkenntnissen der NATO mehr als 2.000 Kilometer weit fliegen, gelten als treffsicher und - verglichen mit den Vorgängern SS-4 und SS-5 - als variabler in der Zielauswahl. Henry Kissinger, Sicherheitsberater des 1974 wegen der Watergate-Affäre zum Rücktritt genötigten Richard Nixon, insistiert: Westeuropa, das atlantische Bündnis überhaupt, würde durch die SS-20 "politisch und militärisch erpressbar". Die Sowjetunion verschaffe sich eine Etage unterhalb der Master-Ebene Interkontinentalraketen (Reichweite bis zu 10.000 Kilometer) einen enormen Vorteil. Dies nicht nur, weil Moskau mit den SS-20 seine Erstschlagkapazität anreichern, sondern das dicht besiedelte Westeuropa mit seiner sensiblen Infrastruktur im NATO-Kernland angreifen könne. Wovon Kissinger nicht spricht, die sowjetische Fähigkeit, Westeuropa in Schutt und Asche zu legen, besteht seit der Stationierung erster Mittelstrecken-Potenziale 1964/65. Aber weder Chrustschow noch Breschnew haben diesen Joker je gespielt, um Paris, London oder Bonn politisch unter Druck zu setzen - aus Sicht des Kremls sind die SS-20 eine Kompensation für US-Langstreckenraketen, die über äußerst treffgenaue Mehrfach-Sprengköpfe verfügen, was die Verteidigung des Flächenstaates UdSSR erheblich tangiert. Außerdem soll dieser Raketentyp eine Antwort auf die Mittelstrecken-Arsenale der Atommächte Frankreich und Großbritannien sein, die nicht auf Schweden oder Griechenland, sondern Osteuropa gerichtet sind.

Reduzierte Vorwarnzeit

Mit anderen Worten: Das tatsächliche Kräfteverhältnis, wie es 1979/80 zwischen Warschauer Vertrag und NATO besteht, wird durch den Beschluss von Brüssel nur höchst selektiv wahrgenommen. Bezogen auf eine solche Optik sind Parallelen zu heutigen Vorhaben der USA in Osteuropa in der Tat unübersehbar. Unterstellen wir, der geplante Sperrriegel richte sich wirklich gegen irgendwann vorhandene iranische Offensiv-Raketen, dann sollte es in einem Anflug von Fairplay denkbar sein, das regionale Kräfteverhältnis im Nahen und Mittleren Osten nicht vollends auszuklammern und in Betracht zu ziehen, dass Israel über ein eigenes Nuklearpotenzial verfügt, das Teheran zu recht als Bedrohung empfindet, weil es damit "politisch und militärisch erpressbar" ist. Die Widersinnigkeit eines selektiven Blicks, der je nach Interessenlage Realitäten ausblendet, kann offensichtlicher kaum sein - das galt für die NATO 1979 ebenso, wie es fast drei Jahrzehnte später für die USA gilt.

Und noch etwas sollte mit Blick auf die NATO-Pläne von einst erinnert werden - wie nie je zuvor fiel damals der Faktor Zeit im Wettlauf um strategische Vorteile ins Gewicht, denn eines stand von Anfang an außer Zweifel: Durch eine Stationierung von Pershing II und Marschflugkörpern in der BR Deutschland und Italien verkürzte sich die so genannte "Vorwarnzeit" - die Frist vom Auslösen des Atomalarms bis zu Gegenmaßnahmen oder deren Widerruf - für die Sowjetunion auf acht bis zehn Minuten. Da sich die nuklearen Systeme beider Seiten in permanenter Feuerbereitschaft befanden, konnte unter diesen Umständen schon ein kleiner Fehler - eine menschliche Fehlleistung oder eine technische Havarie - zu einem Inferno führen. Einmal abgeschossene Raketen ließen sich nicht mehr zurück holen.

"Der Atomkrieg ist vom Frieden nur wenige Minuten getrennt", schrieb 1982 der Friedensforscher Alfred Mechtersheimer in seiner Studie Rüstung und Frieden. Der Widersinn der Sicherheitspolitik über die möglicherweise irreversiblen Folgen der "Nachrüstung". Es lag auf der Hand, sollte sich für die Sowjetunion die Reaktionszeit bei einem möglichen Atomangriff extrem reduzieren, würde sie eine Antwort geben, die der Gegenseite Gleiches zumutete - etwa die Verlegung taktischer Kernwaffen mit kurzer Reichweite nach Tschechien und in die DDR (wie es ab 1984 auch geschah), deren kurze Flugzeiten für die Stationierungsorte der Pershing II ein hohes Risiko heraufbeschworen. Das ewige Axiom des Nuklearzeitalters ließ sich auch in diesem Fall nicht umgehen: Jeder Rüstungsschritt bedingt unausweichlich eine Konfrontation auf höherer Stufe - statt des erstrebten Gewinns bleibt ein Verlust an Sicherheit.

Das war so, als die NATO seinerzeit "nachrüstete" - und das wird so sein, sollten die Amerikaner demnächst in Osteuropa Raketensysteme aufbauen, gegen wen auch immer.


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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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