Aleppo in Ankara

Anschlag Der Tod des russischen Botschafters in der Türkei zeigt, dass der politische Mord wieder zum Repertoire von Überzeugungstätern gehört. Das erinnert an vergangene Zeiten
Aleppo in Ankara
Massiver Schutz für das russische Generalkonsulat in Istanbul

Foto Yasin Agkul, AFP

Attentate, die Vergeltungsaktion, öffentliche Hinrichtung, vor allem aber sinnbildliche Handlung sein sollten, gab es in den 20er und 30er Jahren immer wieder. Es wirkte in diesen Taten fort, was es mit dem Ersten Weltkrieg an unglaublichen Zivilisationsbrüchen gegeben hatte. Menschliche Beziehungen wurde in einer Weise brutalisiert, das sie es kaum mehr verdient hatten, so genannt zu werden. Vom Menschen als höherem Wesen blieb nicht viel übrig, eigentlich gar nichts. Der politische Mord stieg zum Kronzeugen für den entgrenzten politischen Kampf auf.

Matthias Erzberger, 1918 deutscher Unterhändler beim Waffenstillstand von Compiègne, wurde 1921 von deutschen Rechtsextremisten erschossen. Desgleichen ein Jahr später Außenminister Walther Rathenau, der sich um einen Ausgleich mit Sowjetrussland bemüht hatte. Der ehemalige Reichskanzler Kurt von Schleicher starb 1934 in seinem Haus bei Berlin, erschossen von SS-Leuten, die zeigen sollten, wie mit Rivalen Hitlers verfahren wird. Ebenfalls 1934 kam der französische Außenminister Louis Barthou bei einem tödlichen Anschlag auf den jugoslawischen König Alexander I. um.

Später wurde in dieser Tat auch eine Vorwegnahme dessen gesehen, was der nächste Weltkrieg an Menschenverachtung und Barbarei freisetzen sollte.

Seht her!

Welche Signal gibt der Mord am russischen Botschafter Andrej Karlow, verübt soeben in Ankara? Die Tat – so sagen es die Bilder und Nachrichten – sah ebenfalls wie eine Exekution aus, vollstreckt von einem türkischen Attentäter, der mit seinen Schüssen Russland für dessen Part in der Schlacht um Ostaleppo bestrafen will, indem er den Krieg auf seine Weise fortsetzt.

Und was bedeutet es, wenn das Video der grausigen Szene in den Nachrichten der ARD unmittelbar nach dem Verbrechen gezeigt wird? Seht her, so ergeht es den diplomatischen Handlangern Putins! Seht her, wird sind nicht nur Nachrichtengeber und zu Objektivität verpflichtet, sondern auch publizistische Kriegspartei und um geistigen Geländegewinn bemüht! Unsere Berichterstattung über Aleppo und Syrien hat schließlich für die Stimmungskulisse gesorgt, die einen Diplomatenmord flankiert. Seht genau hin, das Video mit dem Schützen und seinem am Boden liegenden Opfer ist schon der nächste Schritt bei der geistigen Mobilmachung!

Nicht nur der nächste, auch ein bestürzender, wäre zu ergänzen. Er bezeugt, wie gerade jedes Augenmaß und jedes Mitgefühl verlorengehen.

Angesichts des Diplomatenmords in Ankara von einem Rückgriff auf die Bräuche der 20er oder 30er Jahren zu reden, trifft es nicht ganz. Besser scheint es, von einem Rückfall zu reden. Denn was derzeit passiert, geschieht im Bewusstsein dessen, was seinerzeit aus Hass und Gewalt noch alles werden sollte.

Treffen nicht abgesagt

Um so mehr sollte es angebracht sein, einen Blick auf die unmittelbare Vorgeschichte dieses Anschlags zu werfen. Immerhin hat es offenbar schon vor dem Finale der Schlacht um Aleppo eine russisch-türkische Verständigung gegeben. Sie hat zunächst einmal bewirkt, dass Ankara seine Hand nicht mehr länger über die islamistischen Brigaden in Ostaleppo wie Nordsyrien hielt, deren Nachschub mutmaßlich bis vor kurzem als Transit über die Türkei laufen konnte.

Als die syrische Regierungsarmee den Osten Aleppos weitgehend eingenommen hatte, war die Evakuierung von Kombattanten und Teilen der Bevölkerung gleichfalls russisch-türkischen Absprachen zu verdanken. Was bedeutet das? Zunächst einmal schert Ankara – vorübergehend zumindest – aus einer westlichen Phalanx im Syrien-Krieg aus, die nicht offiziell besteht, aber objektiv vorhanden ist, da die Türkei als Frontstaat des Bürgerkriegs von etlichen NATO-Partnern militärisch unterstützt wird.

Ein Treffen der Außenminister der Türkei, Russlands und des Iran wurde trotz des Anschlags auf Botschafter Karlow nicht abgesagt. Was darauf hindeutet, dass jenes pragmatische Arrangement der vergangenen Tage über die Räumung von Ostaleppo hinausgehen könnte. Träfe das zu, wäre an gemeinsame Anstrengungen für eine Waffenruhe in Syrien zu denken oder an Verhandlungen, die dazu führen. Für Präsident Erdoğan wäre damit eines gesichert, er wird Einfluss auf eine syrische Nachkriegsordnung haben, dafür jedoch einen Preis zahlen: die Akzeptanz eines vorläufigen Fortbestands der Präsidentschaft Baschar al-Assads und des Baath-Systems, das sich erholen kann, aber von fremder Hilfe abhängig bleibt.

Damit hat sich vorerst, vermutlich nicht endgültig, erledigt, was sich 2011 als Erdoğans Intention für eine Neuordnung Syriens unter neoosmanischen Vorzeichen herauskristallisiert hatte, und von der AKP als Partei eines politischen Islam vertreten wurde – ein sunnitisches, von den Gegnern Assads regiertes Syrien unter türkischer Dominanz. Das ist letztlich daran gescheitert, dass dafür nie durchsetzungsfähige Partner im Anti-Assad-Lager gefunden wurden. Unter anderem deshalb, weil sich die sunnitische Handelsbourgeoisie dafür nicht rekrutieren ließ und nicht aufgeben wollte, was ihr an sozialem Status im Assad-Staat zugestanden war.

Suche nach neuen Partnern

Zudem gab es eine dschihadistische Ausrichtung der entscheidenden Kampfverbände in Syrien, mit denen Ankara kaum offen paktieren konnte, wollte es nicht in völligen Widerspruch zur westlichen Allianz gegen den Islamischen Staat (IS) geraten.

So ließ sich dem Willen zu regionalmächtigem Handeln nur durch die Suche nach neuen Partnern genügen. Russland bot sich an, zumal Erdoğan nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Armee vor gut einem Jahr dringend etwas unternehmen musste, um mit Russland einem Zustand der permanenten Konfrontation zu entgehen. Staatschef Putin wird ihm zu verstehen gegeben haben, wie er sich erkenntlich zeigen kann.

13:16 20.12.2016
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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