Amerikaner in Afrika

Alassane Ouattara Aus dem Elfenbeinturm in die Elfenbeinküste. Ein Elite-Ökonom führt als Präsident ein zerrissene Land, das nur eine Alterntive haben kann – nationale Versöhnung

Was ist übrig geblieben von dieser Republik im Westen Afrikas nach einem Jahrzehnt des zermürbenden Bruder- und Bürgerkrieges? Wie viel davon kann der neue Präsident mit Regierungskunst beschenken, wenn er am 21. Mai das Amt definitiv übernimmt? Alassane Ouattara wird einen Staat führen, der mehr in der Erinnerung als in der Realität existiert. Die Elfenbeinküste bleibt gespalten in einen muslimischen Norden, in dem der Rassemblement des Républicain Alassane Ouattaras und die Forces Nouvelles das Sagen haben, und den christlichen Süden, wo Laurent Gbagbos Front Populaire Ivoirien und die vorerst geschlagene Armee des Ex-Staatschefs nicht aufgeben.

Der 69-jährige neue Präsident hätte schon viel gewonnen, wollte er nicht als Sieger regieren. Aber wie soll das gehen – wenn er nun einmal in der Stichwahl Ende 2010 gesiegt hat und Laurent Gbagbo den Rückzug verweigerte, bis er aus seiner Residenz in Abidjan geholt und im Unterhemd vor die Kameras gesetzt wurde? Ouattara schwört einen Eid um den anderen, seine Exekutive werde sich nationaler Versöhnung verschreiben und eine Wahrheitskommission gründen (wie in Südafrika), die dem inneren Frieden eine Schneise schlägt. Mit welchen Wahrheiten wird sie das tun? Denen über Massengräber am Rand der Stadt Douékué, in der Ende März 800 bis 1.000 Menschen massakriert wurden – als Opfer Ouattara-loyaler Kämpfer, die anrichteten, was so gar nicht zu dem weltläufigen Eliten-Ökonomen zu passen schien? Wird sich eine Wahrheitskommission mit dem Vormund Frankreich anlegen? Dem wirft das Gbagbo-Lager vor, mit seinen Legionären im Auftrag Ouattaras am 11. April einen Staatsstreich verübt, Gbagbo gestürzt und die Elfenbeinküste zur Subagentur französischer Interessen in Westafrika gemacht zu haben.

Dogma der Ivoirität

Nationale Einheit, überparteilicher Ausgleich – alles klingt so überzeugend und wirkt doch zu eilfertig, um den Verdacht zu entkräften, hier wird ganz selbstverständlich dem Reflex nachgegeben – es muss sein, hungrig wäre ich gerne satt. Im Moment jedenfalls taugt Alassane Ouattara als Kronzeuge der Aussöhnung bestenfalls dazu, einen Meineid zu schwören. Wie sollte er vor ein solches Gremium treten ohne Bekenntnis eigener Schuld? Würde er die eingestehen, um präsidiale Autorität zu verlieren? Was nichts daran ändert, dass ein historischer Kompromiss gefunden werden muss, damit die Völker der Elfenbeinküste miteinander koexistieren. Dringender noch wäre der Verzicht auf das Mantra der Ivoirität, die eine nationalistische Exklusivität reklamiert, wie sie absurder nicht sein kann.

Der Kakao-Produzent Elfenbeinküste brauchte einst Arbeitsnomaden aus Burkina Faso, Mali, Guinea und Liberia, um gute Zeiten der Prosperität auskosten zu können – der Krisenstaat Elfenbeinküste kreierte, als es damit in den neunziger Jahren vorbei war, eine chauvinistische Ideologie, um Gastarbeiter als Außenseiter zu stigmatisieren. Dadurch wurde die ivoirische Gesellschaft entlang ethnischer und religiöser Grenzen gespalten, was besonders die muslimischen Rebellen im Norden – heute Teil der Gefolgschaft des neuen Präsidenten – zu nutzen verstanden, um das gesamte Staatswesen zu zersetzen.

Sicher, das Concept d’Ivoirité hat auch Ouattara daran gehindert, im Jahr 2000 bei der Präsidentenwahl zu kandidieren, da ihm wegen einer Mutter aus Burkina Faso die über jeden Zweifel erhabene „ivoirische Identität“ nicht zuerkannt wurde. Er erinnerte sich jüngst während eines Interviews: „Meine 80-jährige Mutter wurde damals zu einem Verhör einbestellt, um herauszufinden, ob ich ihr Sohn sei. Freunde wanderten ins Gefängnis – es war eine harte Zeit.“

Gerade weil das Gift der Ivoirité weiter wirkt, werden Ouattaras Gegner kaum je verzeihen, dass es ausgerechnet Frankreich war, das ihm dabei half Laurent Gbagbo den Todesstoß zu versetzen. Ouattara soll am 10. April mit Nicolas Sarkozy telefoniert haben, woraufhin einen Tag später französische Helikopter aufstiegen, die Residenz des Widersachers mit Raketen bedachten, dessen Kapitulation erzwangen und den ivoirischen Bürgerkrieg – vorübergehend – entschieden hatten. Diese Mitgift des Erfolgs könnte die eiternde, immer wieder aufbrechende Wunde dieser Präsidentschaft sein. Alassane Ouattara haftet eben mehr der Geruch eines heimgekehrten als eines einheimischen Präsidenten an.

Weiter aufwärts

Seine Karriere wechselte zwischen der Elfenbeinküste und dem Elfenbeinturm des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er debütierte dort in den siebziger Jahren als promovierter Ökonom, etablierte sich im Überbau des Instituts und entschied, wann und wo Gelder für Afrika fließen durften. 1990 rief ihn der damalige Präsident Houphouët-Boigny als Premierminister nach Abidjan, bevor Ouattara 1994 noch einmal zum IWF wechselte. Es ging weiter aufwärts – der Ivoirer avancierte unter dem Direktor Michel Camdessus gar zur Nr. 2 in der IWF-Hierarchie.

Wer würde es nicht verstehen, wenn sich Ouattara in klimatisierten Vorstandsetagen der US-Hauptstadt mehr zuhause fühlt als in der Rolle des Anführers gewalttrunkener Milizionäre zwischen Korhogo und Douékué? Um so mehr begleiten glänzende Expertisen diesen Amerikaner in Afrika. Michel Camdessus attestiert: „Ich bin von seiner Urteilskraft und seiner Fähigkeit beeindruckt, intelligente Lösungen für extreme schwierige Probleme zu finden. Er sagte mir, er wolle die soziale Einheit in der Elfenbeinküste wieder herzustellen und alle seine Anhänger und Gegner zusammenzubringen, um einen friedliches Land aufzubauen. Kein Zweifel, er ist gut auf sein Land vorbereitet.“ Dieses Land auch auf ihn?

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Ihre Freitag-Redaktion

14:28 19.05.2011
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 41/2021

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