ARD als Plakatkleber der FDP

KOMMENTAR Jiri Hodac und Jürgen Möllemann

Da am Ausgang des tschechischen Fernsehstreits kaum mehr Zweifel bestehen, werden auch hierzulande die Kommentare wieder eindeutiger. Zunächst abwägende Beobachter geben sich als überzeugte Parteigänger des Medienpluralismus zu erkennen. Prag wird ein Sieg für die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens attestiert, Tschechien eine bestandene Reifeprüfung in Sachen Demokratie - Intendant Jiri Hodac war nicht Herakles im Augiasstall, sondern die eklige Tarantel auf dem Sahne-Soufflé der EU-Evaluierung. Schade nur, dass nicht ebenso resolut registriert wird, wie in Deutschland öffentlich-rechtliche Anstalten gerade die mediale Demokratie und damit ihren Verfassungsauftrag düpiert haben.

Die Rede ist von einer überdimensionierten Widerspiegelung der Balg- und Raufkultur einer Oppositionspartei, die nach jahrelangem Devotionalien-Handel mit politischen Versatzstücken ihr Heil nun in Hochstapelei und Größenwahn sucht. Das sollte wohlgemerkt das gute Recht der "Freien Demokraten" bleiben. Allerdings wäre zu fragen, ob der Redebrei der Westerwelle, Gerhardt, Möllemann eine Woche lang die öffentlich-rechtlichen Kanäle verstopfen muss. Sollte die vom Grundgesetz auferlegte Pflicht zu ausgewogener, überparteilicher Berichterstattung - vor allem aber der Kulturauftrag dieser Anstalten - nicht einen Deich dagegen errichten lassen?

Seit mehr als zwei Jahren sitzt die FDP in keinem ostdeutschen Landesparlament mehr. 1994 bereits wurde sie aus dem Berliner Abgeordnetenhaus gewunken (ein Abschied ohne Wiederkehr bisher - 1999 gab es in der Hauptstadt mickrige 2,4 Prozent), auch das Europa-Parlament kommt ohne die westdeutsche Regionalpartei aus. Im Bundestag kurvt die FDP mit 6,2 Prozent der Mandate zwischen Grünen (6,7) und PDS (5,1). Woher also der Hang, das Gladiatoren-Spektakel einer ostdeutschen Splitter- und gesamtdeutschen Sechs-Prozent-Partei zur nationalen Schicksalsschlacht aufzublasen (und damit der FDP zumindest in Baden-Württemberg auch noch den Wahlkampf abzunehmen)? Haben ARD, ZDF, Deutschlandfunk und andere wirklich nur noch die Chance, im wabernden Sumpf einer selbstgefälligen Event-Kultur zu überleben? Wenn ja, dann sollten sie sich ehrlicherweise privatisieren lassen und nicht die Gebühren erhöhen. Vielleicht zwingt die Suche nach Marktlücken wieder zu mehr Qualität nach dem Credo Information statt Entertainment. Aber da besteht offenbar wenig Hoffnung.

Im untergehenden Rom wurden die Ausgaben für den "Circus Maximus" immer wilder und weiter gesteigert. Als das Imperium in die Agonie trieb, sollte das Volk mit Brot und Spielen bei Laune gehalten werden. Das öffentlich-rechtliche System ist längst auf die schiefe Bahn geraten, um die willfährige Konkubine eines alles Politische durch- und zersetzenden Fun- und Zirkuskults zu werden. Jetzt degeneriert es sogar zum eifrigen Plakatkleber einer Sechs-Prozent-Partei.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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