Armee und Volk

Ägypten Die Streitkräfte haben sich Zeit gelassen, bevor sie Präsident Mursi unter Verschluss nahmen. Vollstrecker einer revolutionären Mission sind sie damit noch lange nicht
Aufgebracht: Die Anhänger der Muslimbrüder beharren auf ihr Recht
Aufgebracht: Die Anhänger der Muslimbrüder beharren auf ihr Recht

Foto: Massoud Hossaini/ AFP/ Getty Images

Man sollte sich in der Politik oder bei deren Reflexion möglichst selten oder besser gar nicht in Illusionen wiegen. Deshalb gibt es nichts zu beschönigen an den Geschehnissen der vergangenen drei Tage in Ägypten – es hat ein Militärputsch stattgefunden, und alle beschwörenden Floskeln von der "permanenten, fortgesetzten oder vollendeten Revolution" wirken unfreiwillig komisch. Sie schrammen nicht nur haarscharf, sondern weit an der Wirklichkeit vorbei. Mohammed Mursi mag kein sehr geschickter Politiker gewesen sein, doch war er ein demokratisch gewählter Präsident. Warum das so betonen? Weil in Ägypten seit mehr als einem halben Jahrhundert nur hohe Offiziere regiert haben: Auf Gamal Abdel Nasser folgte Anwar as-Sadat folgte Hosni Mubarak folgte der Oberste Militärrat unter Marschall Mohammed Hussein Tantawi. Mursi war der erste Zivilist.

Die Armee war immer schon ein Staat im Staat, wenn sie will, kann sie jetzt vorübergehend wieder der Staat an sich sein. Möglicherweise helfen die Muslim-Brüder dabei, indem sie sich auf eine Kraftprobe mit den Streitkräften einlassen und den bewaffneten Konflikt riskieren. Den können sie nur verlieren, aber den Obristen damit die Rechtfertigung liefern, das Land müsse befriedet werden und befriedet bleiben Sie könnten sich aus der Verantwortung nicht zurückziehen, das Volk habe sie ihnen schließlich übertragen, der Ruf der Straße und so weiter.

Menetekel Algerien

Mit dieser Selbstermächtigung erinnert Ägypten im Juli 2013 an Algerien zum Jahreswechsel Dezember 1991/92, als dort der Versuch unternommen wurde und letztlich gescheitert ist, durch eine Machtübernahme der Armee das Land zu befrieden. Die Islamische Heilsfront (FIS) hatte seinerzeit – durchaus vergleichbar mit dem Wahlsieg der Muslim-Brüder und Mohammed Mursis vor einem Jahr in Ägypten – beim Votum über ein neues Parlament triumphiert. Doch die Regierung in Algier erkannte das Ergebnis nicht an. Sie verweigerte sich, obwohl alle Wahlbeobachter der Abstimmung einen regulären Verlauf attestierten.

Weil sie durch diese Sabotage gnadenlos ausmanövriert wurden, radikalisierten sich viele Anhänger der FIS und ging als fanatisierte Gotteskrieger in den Untergrund. Algerien verfiel einem Bürgerkrieg, der über zehn Jahre dauerte und dessen Grausamkeit alttestamentarische Züge trug. Es gab Massaker, bei denen sich ein regelrechter Tötungswahn entlud und so viel Hass säte, dass der Ruf nach Rache und Vergeltung der Todesmaschinerie keinen Stillstand gönnte. Wer einmal tötet, tötet eben wieder. Es gibt eine Schuld, die ist so groß, dass es unmöglich ist, sie abzutragen. Für die Schuldbeladenen kommt nicht mehr darauf an, wird sie wieder und wieder erneuert. Ein solches Verhängnis muss Ägypten nicht beschieden sein, aber seit einer Woche steigt die Zahl der Toten bedenklich.

Demokratie für wen?

Die Arabellion wurde und wird aus so vielen Quellen gespeist. Ein Staat kann kaum das Gefäß sein, sie aufzufangen, zumal dieser Staat wie in Ägypten keine neutrale Instanz ist, sondern die Kainsmale des 2011 überwundenen Regimes nicht von heute auf morgen los wird. Den Sturz von Mubarak im Februar 2011 bewirkten sozialer Protest, moralische Verzweiflung, religiöse Selbstermutigung, islamistischer Gestaltungsanspruch, Wut auf korrupte Eliten, ökonomische Interessen – eine Gesellschaft muss das erschüttern. Ob sie daran zerbricht und sich neu finden muss, zeigt sich in diesen Tagen.

Die Anhänger der Muslimbrüder sind vermutlich nicht geschlossen in das Lager der säkularen Opposition oder gar zur Armee übergelaufen. Sie dürften auf ihren Rechten und Wertvorstellungen bestehen und von einem merkwürdigen Eindruck verfolgt werden: Die Demokratisierung Ägyptens war wohl nicht für sie gedacht.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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