Ein letzter Dienst

Bolivien Evo Morales geht ins mexikanische Exil, was wie eine erzwungene Flucht wirkt, um das eigene Leben zu schützen und dem Land weiteres Chaos zu ersparen
Ein letzter Dienst
In der Stadt El Alto wird Morales von den Wänden gekratzt

Foto Aizir Raldes / AFP - Getty Images

Man denkt unwillkürlich an ein Gedicht von Bertolt Brecht, das überschrieben ist mit: "Bei der Nachricht von der Erkrankung eines mächtigen Staatsmanns". Darin heißt es u.a.: "Wenn der unentbehrliche Mann stirbt, schaut die Welt sich um wie eine Mutter, die keine Milch für ihr Kind hat. Wenn der unentbehrliche Mann eine Woche nach seinem Tod zurückkehrte, fände man im ganzen Reich für ihn nicht mehr die Stelle eines Portiers."

Offenkundig findet sich auch für Evo Morales in Bolivien nicht einmal mehr das. Es scheint für ihn in seinem Land überhaupt kein Platz mehr zu geben. Nicht einmal den geringsten. Geht er ins mexikanische Exil, dann als ein in die Flucht Getriebener, dessen persönliche Sicherheit keine andere Wahl lässt. Die unbedingte Konsequenz des Rückzugs kann Bolivien vor dem endgültigen Absturz ins Chaos oder gar in bürgerkriegsähnliche Zuständen bewahren. Morales dient seinem Land ein vorerst letztes Mal, indem er seinen Anhängern bedeutet: Es lohnt nicht mehr, für mich zu kämpfen. Schont und schützt euch selbst.

Wieder einmal begegnet man dem in Umbruchssituationen aufscheinenden Phänomen, dass zu Kapitulation und Untergang verurteilte Politiker keine Gnade finden und wie Parias behandelt werden. Oft geschieht das, weil sie zu spät erkennen, sich an eine Macht zu klammern, die zerrinnt und schwindet und zur selbstzerstörerischen Zumutung wird? Ihre Feinde stärker werden, je länger sie warten. Die derzeit erinnerten Umstürze in Ostmitteleuropa Ende 1989, nicht nur in der DDR, sind gleichsam ein Beleg dafür.

Längst Grenzen gesprengt

Es hat insofern etwas von Ehrenrettung, wenn sich Morales durch einen Staatsstreich aus dem Amt gedrängt fühlt. Da ihm Armee und Polizei als dem legalen Präsidenten die Gefolgschaft verweigert haben, scheint das ein durchaus zutreffendes Urteil sein. Womöglich wäre zu einem blutigen Putsch gekommen, hätte sich Boliviens Staatschef nicht freiwillig verabschiedet. Die innere Konfrontation, die Plünderungen in La Paz und Amokläufe der Gewalt, sprengen längst Grenzen, die es bis zuletzt und vor der umstrittenen Präsidentenwahl am 20. Oktober stets gegeben hatte.

Dass eine fast 14 Jahre dauernde, von enormen Fortschritten für die indigene Bevölkerung des Andenstaates geprägte Präsidentschaft derart endet, erscheint mehr als tragisch. Es ist für die linken Parteien und Bewegungen des Subkontinents gerade jetzt – in einer ohnehin schwierigen, aber auch herausfordernden Zeit – ein Schock. Morales war mit seinem Credo des „Buen Vivir“ – eines Lebens in sozialer Würde und ohne schonungslose Ausbeutung der Natur – eine Symbolfigur der indigenen Emanzipation, wie es sie seit der Unabhängigkeit Boliviens zu Beginn des 19. Jahrhunderts (1825) nicht gegeben hat.

Er ist bei aller Selbstüberschätzung und -stilisierung, die Morales zum Verhängnis wurde, nicht in solchem Maße diskreditiert, wie das gerade suggeriert und mit besonderem Nachdruck von der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) verbreitet wird. Die ist weder ein Hort der Progressiven noch eine überparteilich Instanz, hält man sich nur vor Augen, wie parteiisch im Venezuela-Konflikt agiert wird und wie passiv die OAS blieb, als 2016 Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff durch ein mehr als zweifelhaftes Amtsenthebungsverfahren abserviert wurde.

Wenn Mexiko Morales Asyl gewährt und der designierte Staatschefs Argentiniens, Alberto Fernandez, sich klar solidarisiert und nicht distanziert, dann geschieht das mumaßlich auch aus Respekt vor der Bilanz des Evo Morales, die jetzt zu einem Vermächtnis wird – aber mitnichten gesichert ist. Dazu zählt die bereits 2006 erfolgte Verstaatlichung des Erdöl- und Erdgassektors, die von den USA ebenso attackiert wurde wie von der oligarchischen Elite des Landes.

Chance zum Gegenschlag

Freilich kann Morales von Mitschuld an seinem Absturz nicht freigesprochen werden. Er hat augenscheinlich unterschätzt, dass es seine Gegner nicht nur als Provokation gedeutet haben, als er sich gegen geltendes Verfassungsrecht eine vierte Amtszeit sichern wollte. Sie empfanden es mindestens genauso als willkommene Gelegenheit, einen aussichtsreichen Gegenschlag zu führen und jemanden aus dem Amt zu jagen, der sich für unersetzbar hielt. Sein Kontrahent beim jüngsten Präsidentenvotum war mit Carlos Diego Mesa die Integrationsfigur der bürgerlichen Opposition, der zu vereinen verstand, was jahrelang zerstritten war. Schließlich handelte es sich auch um den Politiker, den Morales bei seiner ersten erfolgreichen Präsidentenwahl Ende 2005 besiegte. Mesa hat die Gunst der Stunde früh erkannt und zu nutzen gewusst.

Spätestens 2016, als die Morales-Partei "Bewegung zum Sozialismus" (MAS) das Referendum über einer Verfassungsrevision klar verlor, hätte die Einsicht walten sollen, einen alternativen Kandidaten für die Wahl 2019 aufzustellen. Vizepräsident Marcelo García Linera kam in Betracht, nun allerdings ist der genauso diskreditiert und physisch bedroht wie Morales selbst.

Ist es vermessen, von einem linken Caudillismo zu reden, der dann zum Verhängnis wird, wenn Inhaber höchster Staatsämter nicht mehr rational zu analysieren vermögen, wann und wie sie dem korrumpierenden Einfluss von Macht unterliegen? Der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" hat im Moment nur noch einen politische Führer, der ihn zu vertreten vorgibt, aber wohl nicht retten und schon gar nicht dafür werben kann – Venezuelas Nicolás Maduro, vom dem man das ganze Jahr über erwartet hatte, dass er weit vor Morales abtreten müsste.

12:35 11.11.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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