Auf der Kippe

Sogwirkung Allen zweckoptimistischen Deutungen zum Trotz bleibt der Arbeitsmarkt die erhoffte Frühjahrsbelebung schuldig. Europas Rezession zehrt an der deutschen Konjunktur

Es entsteht der Eindruck, Wirtschaftslage und Konjunktur haben derzeit weniger etwas mit Produktion, Absatz und Gewinn zu tun, sondern mit der Jahreszeit. Seit das Frühjahr wie ein Frühsommer daher kommt, überschlagen sich in Deutschland die Wirtschaftsauguren mit Prognosen der Zuversicht. Sie erklären ihre Datensätze zu Signalanlagen des Aufschwungs. Und wenn es dazu nicht reicht, dann zu todsicheren Indikatoren einer sich doch immerhin stabilisierenden Konjunktur. Deutschland sei "die Konjunkturlokomotive" für und in Europa , heißt es. Nur was hat sie an Lasten zu bewältigen? Inwieweit verlangsamt das ihr Tempo?

Volatiles Umfeld

Gerade werden die aktuellen Marktzahlen der Bundesagentur für Arbeit zum Objekt des zweckoptimistischen Tunnelblicks. Eine Quote von 7,0 Prozent im April und ein Rückgang der Erwerbslosenzahl seit März um etwa 65.000 auf 2,96 Millionen – stützen sie tatsächlich die Erwartung, dass 2012 die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt nur bei 2,8 Millionen Betroffenen liegen und zum Mittelwert von 6,25 Prozent tendieren wird? Die Aprilzahlen lassen daran zweifeln. Rechnet man die von der Jahreszeit abhängenden Schwankungen heraus, ergibt sich saisonbereinigt ein Anstieg von 19.000 Arbeitnehmern ohne Job. Die so genannte Frühjahrsbelebung der Beschäftigung fiel schwächer aus als erwartet. Zu fragen ist, inwieweit der bereits jetzt erkennbare Nachfrageausfall in den südeuropäischen Euroländern der deutsche Exportwirtschaft statt bloßen Einbußen Einbrüche verheißt.

Auch wenn die Bundesagentur für Arbeit wieder einmal die Robustheit des einheimischen Arbeitsmarktes rühmt, so resultiert die doch entscheidend aus einer Flexibilität, für die fast eine Million Leih- und Zeitarbeiter sorgen. Davon lassen sich in kurzer Zeit beachtliche Teile in eine Arbeitsmarktreserve – sprich: „industrielle Reservearmee“ – auslagern, wenn Absatzverlust und Profitschwund zu kompensieren sind. Nicht zuletzt in dieser Disponibilität liegt aus unternehmerischer Sicht der Sinn prekärer Beschäftigung. Nur, wie belastbar ist diese Knautschzone der Flexibilität, die dem Stammpersonal großer Betriebe Arbeitsplätze sichert und anzeigt, wie viel mäßig bis schlecht bezahlte Beschäftigung in Deutschland in einem außerordentlich volatilen Umfeld verrichtet wird?

Angeschlagene Kundschaft

In seiner Konjunkturprognose für das Frühjahr 2012 musste jüngst auch das unternehmerfreundliche Institut der deutschen Wirtschaft Köln einräumen, dass gut 43 Prozent der befragten Firmen seit Herbst eine Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Unsicherheit konstatieren. Das gelte besonders für die Hersteller von Investitionsgütern, die den Unsicherheitsfaktor in einer Größenordnung von 49 Prozent beziffern. Dazu passen die Konjunkturaussichten für einen Teil der Stammkundschaft deutscher Außenhandelsmatadoren. In den USA stagniert derzeit die Erholung. Es wird in diesem Jahr bestenfalls mit einem Wachstum von zwei Prozent und keiner wirklichen Erholung des Arbeitsmarktes gerechnet, der bei einer Quote von acht Prozent verharren dürfte.

Die Eurozone als wichtigste Ausfuhrdomäne der deutschen Wirtschaft ist mehrheitlich einer Rezession verfallen, gegen die sich allein wegen der Schuldenbilanzen wenig ausrichten lässt. Es gab im April für alle 17 Eurostaaten mit einer durchschnittlichen Erwerbslosenquote von elf Prozent einen Spitzenwert, der alles übertrifft, was seit Ausbruch der Finanz- und Verschuldungskrise Anfang 2010 zu verbuchen war. Der mit der Anti-Krisenstrategie in der Währungszone verbundene Verlust an nationaler Souveränität verhindert eine eigenständige, den nationalen Markt reflektierende Konjunkturpolitik. Damit hat die hiesige Exportwirtschaft bereits jetzt zu kämpfen.

Legten die Ausfuhren im Vorjahr noch um über acht Prozent zu, so gehen alle Prognosen und Gutachten für 2012 von einer Zuwachsrate um gut drei Prozent aus. Da auch die preisbereinigten Einfuhren um etwa drei Prozent expandieren werden, heißt das in der Konsequenz, dass der Außenhandel bis auf weiteres nicht den gewohnt nennenswerten Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten kann. Es bleibt als Hoffnungsfaktor allein die Binnennachfrage. Und hier wiederum kommt der Arbeitsmarkt ins Spiel, der nicht nur mit seinen Beschäftigungsreserven volkswirtschaftliche Relevanz beanspruchen kann, sondern auch als Schöpfer oder Vernichter von Kaufkraft.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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