Auf der Schwelle

Türkei Präsident Erdoğan riskiert einen militärischen Crash mit Russland
Auf der Schwelle
2011 ließ Tayyip Erdoğan seinen „guten Freund“ Baschar al-Assad fallen

Foto: AFP/Getty Images

Die Erregung über die Rede des russischen Premiers Dmitri Medwedew auf der Münchner Sicherheitskonferenz war noch nicht verebbt, da erreichte deren Teilnehmer die Nachricht vom Telefonat zwischen Barack Obama und Wladimir Putin wie ihrem Plädoyer für eine Waffenruhe im Raum Aleppo und darüber hinaus. Vermutlich haben sich beide auch darüber ausgetauscht, dass mit der Türkei eine weitere Kriegspartei in den Konflikt eingestiegen ist. Seit Tagen birgt der Beschuss von Positionen der kurdischen Selbstverteidigungsmilizen YPG in Nordsyrien ein gehöriges Eskalationspotenzial. Folgen Bodentruppen, wird gefragt.

Es bleibt festzuhalten, dass ein NATO-Mitglied die territoriale Integrität eines souveränen Staates verletzt – ein Verstoß gegen die UN-Charta wie den NATO-Vertrag von 1949. Die angestrebte regionale Feuerpause, auf die sich die Syrien-Kontaktgruppe am 12. Februar in München verständigt hat, dürfte unter diesen Umständen kaum zu haben sein. Doch Tayyip Erdoğan gibt sich unbeirrt und riskiert gar ein Zerwürfnis mit den Amerikanern, die kurdische Militäreinheiten in Syrien wie im Irak als effiziente Alliierte in ihrer Anti-IS-Allianz schätzen und maßvoll aufgerüstet haben. Offenbar bleibt dem türkischen Staatschef außer markigen Sprüchen nur die Flucht nur vorn, um zu kaschieren, wie sehr er sich mit Syrien verrechnet hat.

Es gab Zeiten, in denen die Familien von Tayyip Erdoğan und Baschar al-Assad gemeinsame Urlaube verbrachten Ankara solidarisierte sich in stramm antiisraelischer Diktion mit dem Verlangen nach Rückgabe der seit 1967 von Israel besetzten Golan-Höhen an Syrien – es wurde über eine Freihandelsunion gesprochen. Als dann aber im März 2011 ein Aufstand gegen das Baath-Regime ausbrach, vollzog Ankara die 180-Grad-Wende. In der Erwartung, der Sturz Assads sei unaufhaltsam, ließ man den „guten Freund“ in Damaskus fallen und wandte sich einer bewaffneten Opposition zu, die ihr militärisches Rückgrat in der Muslimbruderschaft von Homs und Aleppo fand. Das Kalkül: Sollte sich in Damaskus eine islamisch-sunnitische Macht etablieren, würde die Türkei mit ihrer islamisch-sunnitischen Regierungspartei AKP der gebotene Schirmherr sein. Man träumte davon, in Syrien – einem nahöstlichen Schlüsselstaat – als Regionalmacht Fuß zu fassen. Je länger freilich der Krieg dauerte, desto mehr wurde klar, dass sich die neo-osmanische Ambition erledigt hatte. Spätestens seit dem Eingreifen Russlands dürfte der türkische Präsident definitiv begriffen haben, wie sehr er sich verzettelt hat. Da wirkt ein Zweifrontenkrieg gegen die Kurden wie eine letzte Zuflucht – im Inneren gegen die PKK, in Nordsyrien gegen die kurdische Autonomie, die zur Keimzelle kurdischer Staatlichkeit werden kann, was Ankara verhindern will.

Erdoğan scheint entschlossen, aus dem Windschatten der USA und der NATO zu treten, um sie unter Druck zu setzen. Kommt es zu einer erneuten Konfrontation zwischen türkischem und russischem Militär wie beim Abschuss eines Suchoi-Kampfjets am 24. November 2015, würde die westliche Allianz auf der Schwelle zum Bündnisfall stehen. Und sie auch überschreiten wollen?

06:00 16.03.2016
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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