Autonomie auf abruf

KOMMENTAR Nordirlands wievielte Chance?

David Trimble ist mit seinem bisher knappsten Abstimmungssieg bei einem Sonderkonvent der Ulster Unionist Party (UUP) gerade so an der größten Niederlage vorbeigeschrammt, die ihm und damit dem Friedensprozess beschieden sein kann: Eine mehrheitliche Verweigerung durch das Establishment der einflussreichsten protestantischen Formation. Auf Dauer entkommen jedoch, ist er dem Debakel nicht. Im Gegenteil: Das Karfreitagsabkommen besitzt nun, was ihm besser erspart geblieben wäre: Es hat eine Galionsfigur zu verkraften und scheint damit verletzbarer denn je. Verliert Trimble den sichtlich erodierenden Rückhalt in seiner Partei, steht die Regionalexekutive erneut zur Disposition. Wird die suspendiert, hat London keine andere Wahl, als die Selbstverwaltung ein weiteres Mal aufzukündigen.

Wohl ist die nordirische Regierung vorerst wieder im Amt. Doch mit einem klar angeschlagenen Ersten Minister droht sie - zumindest was ihren protestantischen Part angeht -, als Dame ohne Unterleib zu enden. Der bröckelnde Anteil des Pro-Trimble-Lagers innerhalb der UUP verleiht dem Kabinett in Belfast nicht gerade einen Stabilitätsbonus. Mit der anstehenden Marschsaison des Oranier-Ordens schwelt schon der nächste Konfliktherd. Sollten sich die radikalen Unionisten in ihrem Marsch- und Provokationsdrang eingeschränkt fühlen, dürften sie die Schuld dafür diesmal weniger bei der katholischen Community, sondern bei Trimble selbst suchen. Der untergräbt mit seinem Brückenschlag über konfessionelle Splittergräben hinweg die - offenbar unverzichtbare - Tuchfühlung mit der schillernden unionistischen Eroberungsgeschichte versunkener Jahrhunderte. Trimble kann nur beten, dass es nicht zur Eskalation kommt, wenn die Marschsäulen wieder vor den katholischen Wohnvierteln von Portadown stehen. Bei einem Ausbruch der Gewalt könnte die nordirische Regionalexekutive eine Reifeprüfung sondergleichen - oder ihr Waterloo erleben. Bietet sie der extremistischen Herausforderung couragiert die Stirn, wahrt sie die Chance auf eine wirkliche Autonomie. Siecht sie im Streit dahin, wartet auf Nordirland bestenfalls ein Schicksal als autonomes Mündel unter britischer Vormundschaft. Für Trimbles Gegner wäre das ein Erfolg, für die Katholiken - vor allem in der IRA - eine Bestätigung dafür, wie lebenswichtig es war, in der Entwaffnungsfrage nicht zu kapitulieren. Dann allerdings hätten all jene Recht, die an keine "Stunde Null" - einen Neuanfang im Frieden - glauben konnten, sondern weiterhin den "Tag X" nicht ausschließen wollten, an dem wieder die Waffen zu Wort kommen. Der UUP-Konvent hat in dieser Frage weder eine Vorentscheidung heraufbeschworen, noch den Weg zum Frieden verkürzt. Er hat für das Kräftemessen die demokratische Arena wieder frei gegeben, mit der es in Nordirland ein schnell erschöpfbares Reservoir an Erfahrung gibt.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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