Brav, alter Maulwurf

Im ersten Graben Drei Jahrzehnte lang hatte Karl-Eduard von Schnitzler mit seinem „Schwarzen Kanal“ den Klassenfeind im Visier und Spaß dabei
Lutz Herden | Ausgabe 52/2013 63

Wir sind bei Szene V des ersten Aufzugs. Hamlet will Horacio und Marcello auf sein Schwert schwören lassen. Doch beide zaudern, da hilft dem Prinzen von Dänemark der „Geist unter der Erde“ und ruft: „Schwört!“ Hamlet ist irritiert und dankbar „Brav, alter Maulwurf! Wühlst so hurtig fort? O trefflicher Minierer!“

Es ist eher unwahrscheinlich, jedenfalls nicht überliefert, dass William Shakespeare Karl-Eduard von Schnitzler kannte. Doch hat er ihn vielleicht geahnt? Den Jahrhunderten vorausgreifend, den Epochen sowieso, der Zukunft zugewandt? Wie treffend hat der Dichter das Tätigkeitsprofil des unermüdlichen Agitators beschrieben. Wühlst so hurtig fort. Heute noch? Aber sicher doch! Auch ohne Schwarzen Kanal wirkt dein Vermächtnis nach und erinnert an Zeiten, als du – O trefflicher Minierer! – mit deiner Sendung immer wieder montags das ideologische Flaggschiff des Ostfern-sehens auf Feindfahrt brachtest. Gegen 21.30 Uhr hieß es: Leinen los! 30 Jahre lang war ein Ufa-Schinken dein Vorprogramm. Wenn Zarah Leander und Marika Rökk, Hans Albers und Heinz Rühmann gingen, dann kamst du – brav, alter Maulwurf!

Gerupfter Pleitegeier

Am 30. Oktober 1989 jedoch ist statt der Schiffs- die Reißleine gezogen. Karl-Eduard von Schnitzler und seinem Kanal werden durch eine vom Wendefieber befallene Intendanz nur noch vier Minuten und 23 Sekunden Sendezeit zugebilligt, um abzumustern. 1.518 Mal hat sich bis dahin der zum Pleitegeier gerupfte, später mit schwarz-weiß-roter Schärpe umwickelte Bundesadler auf die Fernsehantennen im Osten gesetzt. Dazu war – gleichsam verfremdet – das großdeutsche „Von der Maas bis an die Memel“ intoniert worden. Und jetzt? Der Macher und Moderator vom Frühjahr 1960 bis Herbst 1989 wird stillgelegt, bleibt sich aber im Gegensatz zu manch wendewütigem Zeit- und bald auch Ex-Genossen treu: „Einige mögen jubeln, wenn ich diese Fernseharbeit nun auf andere Weise fortsetze“, lächelt er mit mimischer Inbrunst. „Nicht, dass ich etwas zu bereuen hätte – der Umgang mit der oft unbequemen Wahrheit ist schwer, aber er befriedigt. Der Klassenkampf geht weiter!“ Wühlst so hurtig fort, o trefflicher Minierer. Stehst immer noch im Klassenkampf – erst recht eine Woche vor dem Mauerfall. In der schlingernden DDR will das kaum mehr jemand hören. Das Sein bestimmt nicht mehr das Bewusstsein, sondern verstimmt es gründlich. Was würde Karl Marx dazu sagen?

Bis zu diesem 30. Oktober 1989 hat der Schwarze Kanal fast 30 Jahre lang in Bild und Ton aus Nachrichten- und Magazinsendungen von ARD und ZDF zitiert. Die Auswahl gehorcht der Absicht, die andere Seite „beim Wort zu nehmen“, sie bloßzustellen und ihr „nichts durchgehen zu lassen“ (von Schnitzler). Da kurz vor den Winterspielen 2014 in Sotschi Olympiaboykotte wieder en vogue sind, bietet sich ein Kanal vom Sommer 1980 an, um zu zeigen, wie die Sendung gestrickt war.

Pistolenschütze aus Kirgisien

Seinerzeit blieben die USA und die Bundesrepublik Deutschland – nicht aber Frankreich und Großbritannien – den Sommerspielen von Moskau wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan fern. Also beginnt Kanal Nr. 1.046, ausgestrahlt Ende Juli 1980, mit Ausschnitten aus der ARD-Tagesschau vom 19. Juli 1980, Originalton West: „Heute Nachmittag, genau 16.36 Uhr, brennt das Olympische Feuer im Lenin-Stadion von Moskau. Aber es ist eine Flamme ohne Glanz. Niemand kann sich uneingeschränkt über diese Olympischen Spiele freuen. Sensationen gab es nicht, das war eine Veranstaltung, die lang, wenn nicht langweilig war. Der erste Olympiasieger wurde bereits heute Vormittag ermittelt. Es ist Alexander Milentjew, ein Polizist aus Kirgisien, einer Sowjetrepublik, 100 Kilometer entfernt von Afghanistan. Er gewann das Pistolenschießen.“

Kommentar von Schnitzler: „Na, so was. 100 Kilometer von Afghanistan entfernt, ein Kirgise, Sieger im Pistolenschießen und auch noch Polizist. Also, wenn das nicht was zu bedeuten hat. Eine hübsche Mischung von Hinterhältigkeit, Dummheit und Wut. Es hat eben nicht geklappt – Olympische Spiele in einer sozialistischen Hauptstadt und dann auch noch in Moskau, das sollte nicht sein. (...) Seit 1974 bemühte man sich gegen die Olympiastadt Moskau. Wie gesagt, vergeblich. Es gibt keine Rumpfspiele, kein Dorfsportfest, und was man noch alles in den unabhängigen, überparteilichen und pluralistischen Medien lesen konnte am 19. Juli, als Weltklasse-Athleten ins Lenin-Stadion einmarschierten.“

Wenn das keine Gaudi ist

Der Kanal missioniert durch Agitation, dem Westfernsehen wird per Kommentar der ideologische Aufguss verpasst. Was bei ARD und ZDF für sich selbst spricht, wird sicherheitshalber „übersetzt“ – oft sprachlich brillant, stets aggressiv und klassenkämpferisch gesalbt. Zur 500. Sendung gesteht von Schnitzler: „Jeden Montag dem Feind auf die Finger klopfen, das macht Spaß, auch wenn es eine ernste und bitter notwendige Sache ist.“

Für die Soldaten der Nationalen Volksarmee ist die Sendung bis zum Schluss „Pflichtempfang“. In Mannschaftsstärke rücken sie ein in den Fernsehraum der Kompanie – und tun es gar nicht so ungern. Können sie doch ausnahms- und ausschnittweise Westfernsehen gucken. Hier erleben sie Dallas und Denver, sehen den Gift spuckenden Gerhard Löwenthal im ZDF-Magazin, das faschistoid lustige „Mainz bleibt Mainz“ und die bräsig schunkelnden Kastelruther Spatzen. Na, wenn das keine Gaudi ist!

Der Schwarze Kanal kennt nur Schwarz und Weiß, Feind und Freund, die da drüben – wir bei uns. In den achtziger Jahren freilich kollidiert die minimierte Farbskala mit dem deutsch-deutschen Getändel, das im September 1987 bei den von Bonn bis München veranstalteten Honecker-Festspielen eindrucksvoll gekrönt wird. „Mit diesem Staatsbesuch in der BRD wurde dem höchsten Repräsentanten der DDR die Ehre zuteil, die ihm gebührt“, freut sich Karl-Eduard von Schnitzler im Schwarzen Kanal und merkt nicht (oder will es nicht wahrhaben), wie auch unter seinen Füßen der Maulwurf scharrt. Als 1988 mehr als eine Million DDR-Bürger in den Westen reisen und Fruchtzwerge kosten dürfen, wird dem Schwarzmaler des „überlebten Systems“ nur noch von den Treuesten der Treuen geglaubt. Ansonsten legt man Wert darauf, das Haar in der Suppe selbst zu finden, wozu nach dem 3. Oktober 1990 ausreichend Gelegenheit sein wird.

Womit der treffliche Minierer als „Geist unter der Erde“ wieder seine Grabschaufeln bemühen müsste, wenn er nur wüsste, in welchem „Kanal“ er auftauchen könnte. Für den „Schwarzen“ gab es den „Schwarzen Montag“ im Oktober 1989. Dabei wäre nun so viel darüber zu erzählen, was das neue System außer Fruchtzwergen noch auffährt, um die Menschen im Osten glücklich zu machen: Abwicklung, Arbeitslosigkeit, Ein-Euro- und Mini-Jobs – jede Menge Einstiegschancen ins prekäre Dasein. Die Zuschauer wüssten jetzt besser, was gezeigt und worüber geredet wird, wenn montags die Ufa-Klamotte überstanden ist.

Die Irrtümer

Doch leider – der Kanal ist Geschichte, weil man selbst einem Karl-Eduard von Schnitzler nicht durchgehen lassen darf, womit er eben nicht Recht hatte:

1. Er nannte den Kapitalismus eine parasitäre und faulende Gesellschaftsordnung. Inzwischen hat sich herausgestellt, selbst die Würmer ekeln sich vor ihm, also kommt der Kapitalismus weiterhin durch.

2. Er war überzeugt, in diesem System seien alle Menschen käuflich. Tatsächlich ist für Millionen auch der niedrigste Preis zu hoch. Also lässt man sie im Mittelmeer ertrinken oder in Eritrea verhungern.

3. Er dozierte, der bürgerliche Staat entscheide mit seinen Gesetzen, wer Geld hat und wer nicht. Auch dies ein Irrtum. Das Geld der Banken entscheidet, ob der bürgerliche Staat eine Chance hat.

4. Er beharrte darauf, es sei die Diktatur der Bourgeoisie, von der die Massen in Schach gehalten würden. Tatsächlich ist es die Diktatur einer ganzjährigen Karnevalsgesellschaft, in der alles gesagt werden darf, sich aber keiner dafür interessiert.

5. Er glaubte, die Welt sei eine Kugel, auf der alle Menschen Platz fänden. Heute wissen wir: Die Welt ist eine Scheibe. Wer sich nicht festhält, stürzt vom Rand und kommt nicht wieder hoch.

Epilog

Nach dem 3. Oktober 1990 hing am Haupteingang des DDR-Fernsehens in Berlin-Adlershof ein Plakat, worauf geschrieben stand: „Der Schwarze Kanal ist verschwunden, zwei Kanäle sollen bleiben!“ (gemeint waren beide Programme des Ostfernsehens) „... und sie werden nicht rot sein“, hatte jemand als Versprechen angefügt.

Sofern das nicht ironisch gemeint war, sprach daraus der Wunsch, doch bitte bitte weitersenden zu dürfen aus dem schönen Adlershof – ein Fettauge mehr in der einheitsdeutschen Medienbrühe. Immerhin hatte man Karl-Eduard von Schnitzler als ideologischen Triebtäter vom Hof gejagt – ein Bauernopfer, damit die Dame DDR-Fernsehen nicht vom Brett musste, auch wenn sich der König DDR längst in die Büsche geschlagen hatte, um als „Fußnote der Geschichte“ (Stefan Heym) zu überwintern. Oder als Maulwurf, so gar nicht brav und so gar nicht alt! O trefflicher Minierer!

 

06:00 28.12.2013
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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