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RUßLAND Wie kriminell ist die Olifarchie?

Die Revolution verfolgt ihre Kreaturen. Rußlands »neue Oligarchen« sehen sich plötzlich als Kriminelle attackiert - der Bannstrahl von Premier Primakow trifft Boris Beresowski und damit nicht irgendeinen Wirtschaftsmagnaten, sondern den Banker, der 1996 mit seinem Geld maßgeblich für die Wiederwahl Präsident Jelzins sorgte. Wird nun Beresowskis Unternehmertum in die Nähe offener Wirtschaftskriminalität gerückt, dann kann das nur bedeuten, ihm muß Jelzins Gunst abhanden gekommen sein. Ob das mit physischer Schwäche oder politischer Resignation oder aufflackerndem taktischen Kalkül des Präsidenten zu erklären ist, sei dahingestellt. Tatsache ist, seit Amtsantritt der Regierung Primakow im September 1998 gehen in Moskau die Uhren so, wie seit 1991 nicht mehr (weshalb auch ein deutscher Kanzler selbstverständlich keine Kreditzusagen mehr geben kann). Es zeigt sich immer deutlicher, wie Jelzin mit seinen beiden gescheiterten Premierministern Tschernomyrdin und Kirijenko selbst gescheitert ist. Die Hofkamarilla kränkelt nun erst recht, auf politische Verschwindsucht lautet der Befund. Wie sonst wäre es denkbar, daß Jewgeni Primakow im Augiasstall der neuen Oligarchen vom Schlage Beresowskis unterwegs sein darf. Jeder ahnt, er wird dabei nicht nur auf den Patriarchen des Imperiums Logowas stoßen. Auch die Gussinskis (Bankgruppe Most), Smolenskis (Stolitschny-Bank) oder Kasmins (Sberbank) könnten ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Die Präsidentenmacher '96 werden offenkundig ausgeschaltet, bevor sie sich im Jahr 2000 erneut in Szene setzen können. Ohne Zweifel hat die Machtpyramide des Systems Jelzins an innerem Halt verloren wie nie zuvor. Doch noch wird sie abgestützt, weil ihr Einsturz ein Beben auslösen könnte, von dem niemand weiß, was danach von der postsowjetischen Nomenklatura übrig bleibt.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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