Brenneisen der Sezession

Sudan Staatsgründungen sind nicht a priori Sternstunden der Menschheit oder Glücksfälle der Geschichte. Schon gar nicht für Afrika, das bald seinen 54. Staat vorweisen wird

Wenn der Südsudan triumphiert, muss Afrika nicht gewonnen haben. Staatsgründungen sind kein Allheilmittel gegen innerstaatliche Konflikt, schon gar kein Wundpflaster. Im Gegenteil, sie lassen Staaten ausbluten – vorhandene und visionäre, die reale Republik Sudan wie den – noch virtuellen – staatlichen Neuzugang im Süden dieses Landes. Schon ist die Sezession dem öffentlichen Bewusstsein und unserem Denken wie mit einem Brenneisen als alternativlos „auferlegt“.

Warum eigentlich? Können Nord und Süd nur als zwei unabhängige Staaten einer Region, nicht aber als zwei autonome Partien einer Föderation miteinander auskommen, obwohl dadurch beiden besseres ökonomisches Auskommen beschieden wäre? Auch für den Südsudan gilt, politische Mündigkeit ist ein Versprechen auf staatliche Existenzfähigkeit, keine Garantie. Aber die Würfel sind gefallen. Afrika wird ein neuer (sein 54.) Staat gutgeschrieben, während unweit von dessen Wiege ein anderer (Somalia) als gescheitert abgeschrieben ist. Ein Kontinent der Metamorphosen eben. Dessen Bevölkerung explodiert und verstädtert. Der es mit regionalen Wanderungsbewegungen zu tun hat, mit aufsteigenden und vergessenen Regionen, mit religiösem Fanatismus und sozialem Fatalismus. Nur selten decken sich Afrikas Konfliktlinien mit Afrikas Grenzziehungen.

Die größtenteils in den sechziger Jahren souverän gewordenen Staaten Afrikas übernahmen als Staatsgrenzen Demarkationen, mit denen einst Kolonialmächte ihre Claims abgesteckt hatten. Bis auf die Trennung Eritreas von Äthiopien 1993 blieb dem Kontinent jedoch die große Sezessionswelle erspart. Abgewendet war sie nie.

Der Norden und Süden der Elfenbeinküste könnten durch einen Bürgerkrieg endgültig voneinander lassen. Die ostkongolesischen Provinzen sind einem überforderten Zentralstaat kaum in blinder Treue zugetan. Angola darf sich seiner Ölregion Cabinda niemals ganz sicher sein. Somalia wird weiter in Clan-Lands unter islamischem Vormund zerfallen. Wie gern würde die Frente Polisario als Befreiungsfront der Sahrauis die Westsahara von marokkanischer Despotie erlösen. Nigeria wirkt deterritorialisiert, weil das Staatsgebiet in Parzellen mit eigener Rechtsprechung und religiöser wie ethnischer Grundierung zerteilt ist. Und was geschieht mit Darfur? Wird es den sudanesischen Kernstaat endgültig ins Mahlwerk des Selbstaufgabe schicken?

Es gibt auf diesem Kontinent viele Warteschleifen für einen Staaten sprengenden Separatismus, der zur Erfolgsgeschichte werden kann, wenn ihm die richtigen Lobbyisten zur Hand gehen. Um so mehr ist zu fragen, welches Exempel wollen die Paten des südsudanesischen Alleingangs nun statuieren – ob es sich um Hillary Clinton, George Clooney oder UN-Generalsekretär Ban Ki-moon handelt. Wenn ihnen die Stabilität Ostafrika etwas wert ist, sollte der Präsident in Khartum nicht der Geschlagene sein. Vielleicht hat Omar al-Bashir schon mehr als einen Fuß in seinem Niedergang. Doch winkt Rettung, falls er kaltblütig bleibt und sich nicht davon beirren lässt, dass es zunächst als Triumph über das arabisch-islamische Afrika ausgekostet wird, dass der sudanesische Süden dem Norden entkommt. Nur wie, darum geht es, wenn die Abstimmung vorüber ist. Mit welchem Grenzverlauf, welchem Anteil an den Öl- und anderen Ressourcen? Der Zuordnung welches Volkes zu welchem Staat?

Nicht die Staatsgründung allein, auch der Umgang damit auf den Machtaltären unserer Zeit entscheidet über das Schicksal des Sudan. Die UNO und die USA werden darüber befinden müssen, ob sie den vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagten und damit international geächteten Omar al-Bashir als Partner behandeln oder abschreiben. Ein Teil der politischen Elite des Nordens ist dabei, Letzteres zu tun. Der Präsident wird zum Schuldigen für die absehbare Verstümmelung des Staates ausgerufen. Sollte al-Bashir fallen, wer wird ihn ersetzen? Seine Gegner verklären bereits den Verlust des Südens zur Herausforderung für die arabische Nation und den islamischen Staat, die Niederlagen nicht hinzunehmen. Wenn sich die politische Führung in Khartum radikalisiert, wird die Unabhängigkeit des Südens alles andere als der unwiderruflich letzte Akt eines 40 Jahre dauernden Bürgerkrieges sein.

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Ihre Freitag-Redaktion

12:30 10.01.2011
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 43/2021

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