Chancen einer Weltordnung

KOMMENTAR Fluchtpunkt Dover

Mit den 58 umgekommenen Emigranten von Dover darf sich eine Weltordnung auf ihren toten Punkt gebracht sehen. Eine Entwicklung kann bekanntlich nur dadurch zu Ende gedacht werden, indem auch ihre schlimmstmögliche Wendung in Betracht gezogen wird. Die Tragödie von Dover weist in diese Richtung - und jeder weiß, sie ist wiederholbar und kann sogar noch gesteigert werden. Fast könnte man meinen, das flächendeckende Entsetzen über den Leichenfund im Container des holländischen Gemüse-Transporters erklärt sich nicht zuletzt auch vor diesem Hintergrund. Es enthüllt ein Bewusstsein für Mitschuld und einen Bedarf an Gewissen - es enthüllt aber auch ein fehlendes Bewusstsein für den verräterischen Hochglanz von Heuchelei.

Die rigide Zumauerung von Schengen- Europa - vor allem gegenüber dem Süden - ermuntert Menschenhändler, denen Menschenleben nichts wert sind. Sie sind die Profiteure einer immer weiter ins Extreme abdriftenden Polarisierung von Arm und Reich - insofern auch Nutznießer einer Globalisierung, die einem radikalen Marktliberalismus folgt, der ganze Kontinente ins Abseits stellen muss, will er seinen Dogmen nicht untreu werden.

Aber all diese Erkenntnisse sind nicht neu, sie werden auch künftig weder die Standortneurose westeuropäischer Regierungen, noch eine von ihnen repräsentierte saturierte Bürgerlichkeit zu erschüttern vermögen. Besitzstandswahrung kann sich im globalen Standortwettbewerb keine Anflüge von Humanität leisten, so sehr sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen gehobenen zivilisatorischen Anspruch reklamiert, in dessen Namen auch Kriege geführt werden dürfen.

Gravierende Unterschiede zwischen der Asyl- und Einwanderungspolitik Blairs oder Schröders lassen sich nicht erkennen, so dass Vorgänge wie in Dover für die deutsche Ostgrenze nicht ausgeschlossen werden können. Das Entwicklungsgefälle zwischen dem Kerngebiet der EU und den Regionen und Staaten Ostmitteleuropas, die demnächst in die Osterweiterung einbezogen werden, liegt momentan bis 30: 1 - welche Sogwirkung allein davon ausgeht, muss hier nicht näher beschrieben werden. Verzicht oder Konservierung der Wagenburg-Mentalität des Westens gegenüber dem Osten werden recht bald erfahren lassen, welcher Art Sinnstiftung sich die Osterweiterung rühmen darf: Einer stringent ökonomischen oder einer, die sich einer sozialen Dimension nicht entzieht. Letzteres würde allerdings die Union in ihrer jetzigen Verfasstheit in Frage stellen.

Die Toten von Dover wurden entdeckt, als sich im portugiesischen Feira gerade der Europäische Rat versammelte - er tat dies auch, um über eine Grundrechtscharta der EU zu befinden, die Ende des Jahres in Nizza beschlossen werden soll. Dabei grassiert offenbar die Befürchtung, diese Rechtsharmonisierung könne womöglich den Einstieg in eine europäische Sozialcharta bedeuten, wie das der französischen Regierung vorschwebt. Warum eigentlich nicht - und warum nicht gerade jetzt - vor der Osterweiterung?, ließe sich fragen. Wäre das nicht eine der Lehren aus der Tragödie von Dover?

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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