Lutz Herden
14.01.2016 | 16:08 20

Das ging schnell

Anschlag Die türkische Führung hat den Attentäter von Istanbul mit beeindruckendem Tempo benannt. Die deutsche Regierung ist gewillt, der präsentierten Version zu glauben

Das ging schnell

Der deutsche Innenminister lässt sich von Premier Davutoğlu ins Bild setzen

Foto: Bülent Kilic / AFP - Getty Images

Sie fallen auf, die verhaltenen Reaktionen in Berlin zu den Toten von Istanbul. Das Ganze steht in einem gewissen Kontrast zum Tanz auf dem Hochseil der Aufgeregtheit nach den Silvester-Randalen in Köln und anderswo. Dafür bieten sich zwei Erklärungen an. Zunächst einmal könnte man es mit Konsequenzen – genauer: der Kehrseite – des deutschen Parts im Anti-Terror-Krieg zu tun haben.

Debatte überflüssig

Wäre freilich von deutschen (Kriegs-)Opfern die Rede, würde das den deutschen Tornado-Einsatz über Syrien viel des bisher gleichgültigen Zuspruchs kosten. Oft wurde vor den Risiken eines Einstieg in diesen Bürgerkrieg gewarnt, doch konnte es damit nicht schnell genug gehen.

Die großkoalitionäre Übermacht im Bundestag wollte die Tornado-Aufklärer ohne viel Federlesen in die Türkei schicken. Abwägende Debatten über ein riskantes, von den Erfolgsaussichten her umstrittenes Engagement galten als retardierendes Moment, als störend und unsolidarisch, nachdem sich Frankreich mit der Autorität seines Präsidenten für im Krieg befindlich erklärt hatte. Das Votum für die Tornado-Mission galt als alternativlos und hätte es doch verdient, jenseits eines fiebrigen Aktionismus genauer und verantwortungsbewusster erörtert zu werden. Es gibt dafür kein UN-Mandat. Die syrische Regierung zu fragen, hielt man ebenfalls für überflüssig. Deren Staatsgebiet wurde mehr oder weniger für vogelfrei erklärt. Von allen situativen Momenten abgesehen, sind damit immer auch Präzedenzfälle geschaffen, die geltendes Völkerrecht noch stärker aushebeln, als das ohnehin seit Jahren geschieht.

Der zweite Grund für das verhaltene Echo in Berlin dürfte mit der rasanten Geschwindigkeit zu tun haben, mit der die türkische Führung in voller Sollstärke Stunden nach der Tat ihre Version über die Täter verkündete: ein syrischer Attentäter namens Nabil Fadli, der im Auftrag des Islamischen Staates (IS) handelte.

Gratwanderung für Berlin

Präsident Erdogan hielt dazu eine Fernsehansprache. Premier Davutoğlu hatte gleich mehrere öffentliche Auftritte, um zu erklären, wer schuld sei. Innenminister Efkan Ala kam ebenfalls auf eine beachtliche mediale Präsenz. Die Bundesregierung in Berlin nötigt das zur Gratwanderung. Würde sie sich von der offiziellen türkischen Lesart allzu sehr vereinnahmen lassen, müssten die Anschlagsopfer mit mehr Empathie bedacht werden, wie es sich für Opfer im Anti-Terrorkrieg, zumal solche des IS, gehört. Daraus ergäbe sich als Mutmaßung oder Schlussfolgerung: Es wurden eben doch gezielt deutsche Staatsbürger getötet. Doch scheint es wenig opportun, Erdogan und Davutoğlu mit Misstrauen, wenigstens aber Skepsis, zu begegnen und das öffentlich. Sie sind schließlich die Herren der Flüchtlingsregulierung und könnten Kritiker dadurch abstrafen, dass sie getroffene Absprachen mit der EU oder auch mit Kanzlerin Merkel aussetzen.

Vielleicht ein Kurde 

Ungeachtet dessen liegt die Frage in der Luft: Wenn es so prompte Ermittlungserfolge gibt, der Täter feststeht, die Fakten vorzüglich passen, hat es dann nicht im Vorfeld des Verbrechens Erkenntnisse gegeben, die zu mehr Prävention hätten führen müssen? Zum Beispiel im Umfeld der Blauen Moschee, wo es stets viele Touristen gibt. Oder waren es vielleicht keine IS-Täter? Sprengte sich ein verzweifelter Kurde in die Luft, der Angehörige bei den Strafaktionen der türkischen Armee gegen Wohnviertel im Südosten des Landes verloren hat. Darüber kann man nur spekulieren, aber ausgeschlossen scheint es nicht.

Warum sollte der IS den türkischen Staat und mit dem Tourismus eine Schlüsselbranche dieses Staates ins Mark treffen? Als Tayyip Erdogan nach Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges 2011 von dem Wunsch besessen war, Präsident Assad zu stürzen und in Damaskus ein sunnitisches Vasallenregime zu installieren, war für diesen Coup jeder Alliierte recht.

Ab 2013 galt das besonders für den IS mit seiner militärischen Schlagkraft, die andere Rebellenverbände in den Schatten stellte. Es gab für diese Kollaboration noch einen anderen Impuls: Mit Hilfe des IS ließen sich die Kurden schwächen, nicht zuletzt die auf Demokratie und Selbstbestimmung bedachten im Norden Syriens. Deren Volksverteidigungseinheiten (YPG) sind mit den Hêzên Parastina Gel (HPG) und damit einem Teil der PKK verbündet – also kämpfte der IS auch gegen den Feind Nr.1 der AKP-Regierung.

Nur theoretisch

Als Gegenleistung konnten die Dschihadisten Ausbildungscamps und Rekrutierungsbüros in der Türkei unterhalten. Ihr Waffentransfer durchlief dieses Land. Das meiste Erdöl, das der IS in von ihm beherrschten Teilen des Nordirak fördern lässt, wird in die Türkei verkauft. Warum sollten die Dschihadisten dieses gewachsene Beziehungsgefüge durch ein Attentat gefährden? Aausgerechnet jetzt. Es heißt doch, der IS sei in die Defensive gedrängt.

Der Nahost-Experte Michael Lüders meint, die Türkei bekämpfe „den Islamischen Staat nur theoretisch“. Warum sollte der also dem türkischen Staat und damit einem Regime schaden wollen, das praktisch sein Partner ist?

Kommentare (20)

Medienbeobachter 14.01.2016 | 17:51

Warum sollte der IS den türkischen Staat und mit dem Tourismus eine Schlüsselbranche dieses Staates ins Mark treffen?

Weil es einfach war! Weil Deutschland in Afghanistan, Mali und jetzt in Syrien Krieg führt. Weil Deutschland sich immer mehr Feinde in Syrien und den mittleren Osten macht.

Wenn dann einzelne IS-Kämpfer, „Terroristen aus der Region“, ,…. meinen, sie können in der Türkei Anschläge gegen Deutsche (Europäer, Touristen) ausführen und dabei auf das "Gastrecht" der Türkei nicht besonders viel Rücksicht nehmen, sollte das nicht so verwunderlich sein.

Wenn Erdogan gleich versucht hätte, den Anschlag den Kurden in die Schuhe zu schieben, wäre das für alle nachvollziehbar gewesen.

Der IS hat sich allerdings immer noch nicht zu dem Anschlag bekannt.

smukster 15.01.2016 | 02:51

Die türkische Regierung brauchte einen Befreiungsschlag; sie musste sich entscheiden, ob sie weiterhin den IS unterstützt oder nicht - ewig konnte die bisherige Ambiguität nicht beibehalten werden. Insofern kommt ihr der Anschlag als Katalysator recht gelegen; andererseits ist ob der drohenden "Gefahr", dass Ankara seine Unterstützung in nächster Zukunft einstellen würde, eine IS-Täterschaft durchaus plausibel. Fehlgeleitete Fanatiker gibt es viele - durchaus möglich, dass der oder die Täter sich zwar zur IS-Ideologie bekannten, sich aber nicht mit dessen Führung abstimmten.

Für die zumeist wenig religiösen Kurden wäre so ein Anschlag kulturell-ideologisch völlig untypisch. Nicht unmöglich, aber extrem unwahrscheinlich.

janonmac 16.01.2016 | 22:25

Erdogan ist durch und durch verlogen. Wir können und dürfen diesen Irren weder etwas glauben noch auf ihn in irgeneiner Weise bauen. Die Idee dass die Türkei unsere Grenzen schützt ist an Absurdität nicht zu überbieten. Mich würde es nicht wundern wenn dieser Anschlag von der Türkei selbst aus organisiert wäre. Dann könnte sie sich wieder als Opfer des IS hinstellen in einer Zeit wo die Russen immer mehr Beweise zusammen tragen wie stark die Türkei den IS wirtschaftlich unterstützt.

Bilito 19.01.2016 | 21:57

Sie argumentieren auf Basis von Glaubensgrundsätzen bezüglich der Rolle Erdogans, der türkischen Regierung, des IS, etc. jede abweichende Betrachtung (auch die des Herrn Herden)gilt Ihnen als Unglaube/Verschwörungstheorie/unmöglich. Glauben aber entzieht sich jeder rationalen Betrachtung, kann nicht argumentativ enkräftet werden. Warum sollte ich also Ihre Glaubensgrundsätze angreifen?

Ayhan B. Eren 20.01.2016 | 10:10

Ich argumentiere auf der Basis von Glaubensgrunsätzen? Sie können doch nicht jeden, der einen türkischen Namen hat und Erdogan nicht als der Teufel persönlich und alle anderen als Engel betrachtet, als ein Mitglied der islamischen Gesellschaft identifizieren. Es würde mich schon sehr interessieren, in welchen meiner Argumente Sie die Position eines praktizierenden Muslims endeckt haben wollen. Denn ich bin ein überzeugter Agnostiker und das schon seit über 50 Jahren!

Deswegen auch meine vollste Zustimmung zu der Passage in Ihrer Antwort, "Glauben aber entzieht sich jeder rationalen Betrachtung, kann nicht argumentativ enkräftet werden. Warum sollte ich also Ihre Glaubensgrundsätze angreifen?".

Bilito 20.01.2016 | 12:11

Ich habe Sie zweifelslos nicht den Anhänger irgendeiner Religionsgemeinschaft geschimpft und folglich brauchen Sie sich diesen Schuh nicht anzuziehen. Glaube ist nicht die Zugehörigkeit zu einer Kirche o.ä. sondern eine unbeirrbare Überzeugung, die sich gerade auf Nicht-Wissen stützt.

Der Paranoiker z.B. glaubt an objektiv falsche Voraussetzungen und baut darauf logische Gedankengebäude auf. Innerhalb seiner eigenen Logik kann ihm daher kein Denkfehler nachgewiesen werden, auf Zweifel an seinen falschen Grundannahmen=Glaubensgrundsätzen reagiert er überempfindlich, nachtragend bis hin zu aggressiv.

Und bitte behaupten Sie nun nicht, ich bezeichnete Sie als Paranoiker, denn das ist nicht der Fall. Da Sie jedoch ohne tatsächliches Hintergrundwissen kategorisch von der Grundannahme ausgehen, „die Türkei“ sei das Opfer, Erdogan und die Regierung nicht in den Anschlag verwickelt, wenn Sie den Artikel des Herrn Herden allein dafür ablehnen, dass er diese Möglichkeit nicht ausschließen mag, dann reden wir von einem unverrückbaren Glaubensgrundsatz Ihrerseits, der sich jeder rationalen Diskussion selbstverständlich entziehen muss.

P.S.: Viele Gläubige merken erst spät, dass und wie lange sie unbewiesenen und nicht zutreffenden Annahmen unbeirrbar gefolgt sind. Z.B. lernt so mancher Deutsche gerade, dass nicht jeder Politiker, der lauthals Freiheit, Demokratie und Pluralismus schreit, dies auch wirklich meint.

Nil 20.01.2016 | 12:41

Sehr viele Menschen im In- und Ausland hatten grosse Hoffnungen in den Friedensprozess mit der PKK gesetzt. Es ist einfach nur noch unfassbar, wie die Tuerkei in so eine Gewaltspirale hineingezogen werden konnte. Wo ist der Weg zum Ausstieg? Wo sind die Konflicktforscher, Psychosoziologen, also einer Art wissenschaftlicher Beirat zur Erarbeitung moeglicher Loesungen? Das Ganze ist ein zivilisatorischer Rueckschlag. Ganz zu schweigen von den Problemen im Nachbarland. Wer kann hier das Vermitteln organisieren? Wo sind die Stimmen Spezialisten und der Vernunft? Ich weis es nicht!