Das Imperium stutzen, die Weltmacht retten

Frontbegradigung Präsident Obama will 90.000 Soldaten innerhalb von 19 Monaten aus dem Irak zurückholen. Das kommt nach sechs Jahren Besatzung dem Eingeständnis einer Niederlage gleich

Wird nach einem Sinnbild des Irak-Krieges gesucht, bietet sich die Aufnahme der amerikanischen Wachsoldatin an, die einen nackten Iraker an der Leine über einen Gefängnisflur schleift. Abu Ghraib als amerikanischer GULag bei Bagdad, als Chiffre für einen sittlichen Offenbarungseid, den jemand leistet, der zu Eroberungen aufbricht, denen er sich gewachsen glaubt, aber dann doch nicht ist.

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Festzuhalten bleibt gleichermaßen, im Irak intervenierten die USA nicht allein, ihnen zur Seite stand mit jener „Koalition der Willigen“ eine Gesandschaft der westlichen Wertegemeinschaft, der es an abendländischer Gravur nicht fehlte. Was sie zu verantworten hat, sind Jahre einer chaotischen und fatalen Besatzung, die genauso zerstörerisch geriet wie die Tage der Aggression zwischen dem 20. März und dem 9. April 2003, als Bagdad fiel. Was sie verschuldet hat, gerinnt in einer Zahl: Es sind mehr als 600. 000 irakische Zivilisten, die seither durch Bomben und Granaten, Terror und Bürgerkrieg starben.

Als ideologische Eiferer haben Ex-Präsident Bush und der ehemalige britische Premier Blair stets darauf bestanden, im Dienste von Demokratie und Moral zu handeln. Es hätte also Barack Obama gut zu Gesicht gestanden, bei seinem Auftritt in Camp Lejeune (North Carolina) mit der Autorität seines Amtes genau das zu widerrufen und die Aggression von 2003 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verurteilen, bevor er auf den Truppenabzug zu sprechen kam. Ob 90.000 US-Soldaten innerhalb von 16, 18 oder 19 Monaten gehen, erscheint zweitrangig, solange dem Irak und seinem Volk keine Gerechtigkeit widerfährt und die USA eine Schuld bekennen, für die es keine Entschuldigung gibt, nur Sühne und Wiedergutmachung. Ein Truppenabzug ist keines von beiden. Bestenfalls das Eingeständnis einer Niederlage.

Die Besatzer haben im Irak weder Massenvernichtungswaffen gefunden noch ein Gravitationszentrum des internationalen Terrors ausgeschaltet, das es dort nie gab. Sie haben weder die große demokratische Katharsis gebracht noch eine Region befriedet, die nichts mehr braucht als genau das. Allein Saddam Hussein wurde gestürzt und hingerichtet, wovon es ein Video seiner Henker gibt, um letzte Zweifel auszuräumen, in welche zivilisatorischen Abgründe man geraten ist.

Sehr viel entscheidender jedoch ist der Umstand, dass sich im Irak die imperiale Anmaßung als Raison d‘être erledigt hat. Präsident Obama muss Fronten begradigen und taktische Rückzüge verordnen, um von der Weltmacht zu retten, was als Imperium gescheitert ist.

Krieger und Täter

Das Land an Euphrat und Tigris wird in den kommenden Monaten nicht wie Phönix aus der Asche steigen, die von den Amerikaner zuvor so großzügig erzeugt wurde. Was nichts daran ändert, dass Obamas Abzugspläne die Entscheidung darüber beschleunigen werden, wer im Nach-Saddam-Staat über Macht, Einfluss und Pfründe verfügt. Ob bei dieser Neuordnung religiöse Gewalt und ethnische Bigotterie oder Augenmaß und Ausgleich die Oberhand gewinnen, wird sich zeigen.

Nur soviel dürfte feststehen, die Regierung Obama wird den Sturm auf die Kommandohöhen des irakischen Staates – ob dazu nun die Milizen des schiitischen Predigers Muqtada al-Sadr oder die alliierten Parteien des schiitischen Premiers Nuri al-Maliki antreten – niemals dem freien Spiel der Kräfte überlassen, sondern nach Kräften zu steuern suchen. Der imperiale Anspruch hat sich nicht erledigt, wenn jetzt irgendwann Truppen und Panzer verladen werden, um Grenzen zu passieren, die sie vordem durchbrochen haben. Für die USA steht in der Region zu viel auf dem Spiel, als dass ein Abgang in Frage käme wie 1972 in Indochina. Überdies schlug im Irak (wie in Afghanistan) die Stunde der Gesinnungstäter, die einen Krieg zur Fortsetzung der Moral mit anderen Mitteln erklärten und entsprechend führten – als Glaubenssache, der fast jedes Mittel recht ist.

Von daher berührt ein Rückzug nicht nur das amerikanische Selbstwertgefühl, er tangiert auch die Überzeugung von der missionarischen Berufung als Weltordnungsmacht. Der pensionierte US-Militär Ralph Peters hat diese Hybris für das Magazin USA Today im November 2006 wunderbar auf den Punkt gebracht: „Der Irak war die letzte Chance für die arabische Welt, in den Zug Richtung Modernität zu steigen und der Region eine Zukunft zu geben“, schrieb er. Nach dieser Logik, der jedes Schamgefühl fremd sein dürfte, müsste der Irak seine Zukunft nun verspielt haben. Und wer glaubt ernsthaft daran, dass ein Land ohne Zukunft in einer Region mit fragwürdiger Zukunft sich selbst überlassen bleibt? Dass die US-Armee den neutralen Beobachter gibt und nicht auf all das zurückgreift, was ihr nach einem Rückzug aus dem Irak an Potenzial außerhalb des Irak bleibt? Die Basen in Jemen, Katar, Kuweit oder Oman, die Flugzeugträger im Golf – da bietet sich eine ideale Infrastruktur, um entfesselte Kombattanten in Basra, Kerbala oder wo sonstwo notfalls aus der Luft in Schach zu halten. Man wird den Irak gewiss nicht mehr an der kurzen Leine halten wie Feldwebel Lynndie England einst in Abu Ghraib, aber zügeln schon.

Nixon und Obama

So werden auch die noch bis mindestens 2011 stationierten 50.000 Mann weniger als Friedhofswärter für die verlassenen Monsterbasen gebraucht, in denen sich die Amerikaner im Irak verschanzt haben wie weiland in Südvietnam, sondern vorzugsweise eine mobile Eingreifreserve sein, die zum Kampfeinsätzen in der Lage ist.

Die Zahl 50.000 weckt eigentümliche Erinnerungen. Anfang der siebziger Jahr hatte das Team Nixon-Kissinger die Zahl der GI‘s in Südvietnam in nur 18 Monaten von 550.000 auf 50.000 herunter gefahren. Die Zurückgelassenen besetzten damals in der Tat nur noch Nachrichten-, Wach- und Etappendienste. Eine symbolische Nachhut auf Abruf, die aus Image-Gründen aushielt, aber strategisch ohne Wert war. Eine schwer bedrängte südvietnamesische Armee konnte durch dieses Korps weder entlastet noch ersetzet werden – es sei denn die Air Force griff ein.

Barack Obama muss sich im Irak nicht derart entblößen. Er steht unter keinem vergleichbaren Druck wie seinerzeit Richard Nixon in Vietnam. Es gibt freilich Erwartungen, die der Wahlkämpfer geweckt hat, bevor er Präsident wurde. Da hörte man das Versprechen, wir gehen ohne Wenn und Aber. Jetzt lautet die Entscheidung: Wir gehen und bleiben, wir nehmen uns so viel Zeit, wie wir brauchen. Im Klartext: Wir werden nicht so schnell aufgeben, was wir erobert haben.

März 2003

Ohne UN-Mandat beginnen die USA und ihre Alliierten eine Intervention gegen den Irak. Auch wenn Bagdad schon am 9. April eingenommen wird, enden die Kampfhandlungen offiziell erst am 1. Mai.

Dezember 2003

Saddam Hussein wird in einem Erdloch südlich der Stadt Tikrit entdeckt und von US-Truppen festgenommen.

Juni/Juli 2004

Die erste irakische Übergangsregierung wird gebildet. Parallel dazu kommt es zu schweren Gefechten mit Aufständischen in Falludscha, Kerbela und andere Städten.

April 2005

Das provisorische Parlament wählt Kurdenführer Dschalal Talabani zum Präsidenten.

Oktober 2005

Bei einem Referendum wird die neue Verfassung angenommen, die den Irak als föderalistischen Staat definiert und den Islam zur nationalen Religion erhebt. Der Prozess gegen Saddam Hussein beginnt.

Dezember 2006

Präsident Bush gesteht die dramatische Sicherheitslage im Irak ein und verspricht, mehr Soldaten zu entsenden.

März 2007

General David Petraeus übernimmt das Oberkommando im Irak und setzt sich für eine Aufstockung der Truppen auf 160.000 Mann ein. Zu diesem Zeitpunkt haben die Kämpfe zwischen den rivalisierenden Gruppierungen ihren Höhepunkt erreicht. Es gibt bis zu 900 Anschläge pro Woche.

September 2008

General Raymond Odierno löst General Petraeus ab, der den Irak für teilweise befriedet erklärt.

Januar 2009

Vor seiner Vereidigung verspricht Barack Obama, die US-Truppen innnerhalb von 16 Monaten abziehen zu wollen.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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