Das Recht zu richten

Trümmerkino Die unmittelbar nach Kriegsende gedrehten DEFA-Filme wollen nicht nur Trostspender sein

Ratten überall. Wenigstens mit denen belebt sich die Stadt. Diesen rastlosen Pfadfindern sollten Sie sich anvertrauen. Denen bleibt nichts verborgen, nicht einmal die verirrte Butterblume im Garten der Reichskanzlei. Die Ratten finden alles und überallhin, in die Sakristei der zerstörten Petrikirche am Spittelmarkt oder in die verschütteten Keller, wo Menschenreste darauf warten, ausgegraben zu werden. Ob Skelett oder verkohltes Bündel, die Ratten wissen, wo sie liegen. Die Tiere waren schon dort. Und kosten es aus. Schauen Sie nur hin, folgen Sie ihnen. Nennen wir es Spaziergang, man hat jetzt ungemein viel Platz in den Straßen Berlins. Was haben Bomben und Granaten, die Feuerstürme, der Ascheregen schon groß übrig gelassen? Wären es nur die Häuser – auch die Menschen sind verschwunden. Wo waren Sie, Fräulein Wallner, als hier die Hölle los war? Als die Bewohner dieser – Ihrer – Straße die Toten verscharrten, gleich dort, wo man sie fand, wenn man sie fand?

Die Illustratorin Susanne Wallner (gespielt von Hildegard Knef) wird im Juli 1941 abgeholt und ins KZ gebracht. Im Mai 1945 ist sie wieder da und hat Angst vor dem Wiedersehen mit der Stadt, Angst vor den Menschen. Was ist nicht alles geschehen? Spielfilme über Rückkehrer aus Zuchthaus und Konzentrationslager, aus Krieg und Gefangenschaft, Todeserfahrung und Todessehnsucht sind es, die im Auftrag des „Filmaktivs der Sowjetischen Besatzungszone“, später der neuen Filmgesellschaft DEFA, unmittelbar nach Kriegsende gedreht werden. Das gilt für Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns wie für Gerhard Lamprechts Irgendwo in Berlin.

Trümmerkino als Mutmacher, als Hoffnungs- und Trostspender. Bei Staudte will die 25-jährige Wallner „nur leben, endlich einmal leben“. Wie soll das gehen inmitten dieser Trümmerwüste, wo die Brandmauern wie Stalagmiten am Himmel kratzen, bevor es kracht und alles in sich zusammenstürzt? Immerhin hat Wallners Wohnung das Schlimmste überstanden und einen Bewohner dazu, den Chirurgen Dr. Hans Mertens, der in den verwahrlosten Zimmern mehr haust als lebt.

Unbekannter Soldat

Auch Mertens ist ein Heimkehrer, zurück aus Polen, zurück von der Wehrmacht, und anders als Wallner dazu verdammt, wie ein Phantom herumzugeistern. Depression, Zynismus und Alkohol ausgeliefert, taumelt er durch die Gegend. Selbst wenn er einmal nichts getrunken hat, sucht er mit Füßen und Händen und Augen nach Halt. Mertens sagt von sich, „ich bin ein ganz besonderer Chirurg, einer, der kein Blut sehen kann. Einer, der das Weinen und Stöhnen seiner gequälten Mitmenschen nicht mehr hören will. Einer, der weiß, dass es sich nicht lohnt, diese Menschheit zu kurieren.“

Bei Gerhard Lamprechts Irgendwo in Berlin ist es der Garagenbesitzer Karl Iller, den der zehnjährige Sohn Gustav sehnlich erwartet und erleben muss, wie sich eine abgerissene Gestalt nach Hause schleppt. Der Gefreite Iller, der Kriegsgefangene Iller, der Hungerleider, ist ausgelaugt wie Mertens. Iller hat den Willen, zu überleben, aber keinen Lebensmut mehr. Dem Krieg entronnen, aber nicht entkommen. Wie soll das Gustav, „der Junge“, verstehen, der die zerbombten Garagen unermüdlich bewacht und seinen Freunden vorgeschwärmt hat: Ist mein Vater endlich da, werden bald wieder Autos betankt und Motorräder repariert? Karl Iller hat keine Kraft mehr, um im Schutt zu wühlen und neu anzufangen. „Die ganzen Jahre draußen im Dreck. Man hält das nur aus, weil man immer an zu Hause denkt. Alles habe ich vor mir gesehen, wie es aussah, als ich wegmusste, und dann kommt man zurück und alles, was man sich so mühsam geschaffen hat, ist zerstört. Ich weiß gar nicht mehr, wie das ist, ein Mensch zu sein.“

Ist es im Staudte-Film Susanne Wallner, die Mertens auffängt und aufrichtet, weil sie ihn liebt, sind es bei Gerhard Lamprecht die Ruinenkinder, die Iller schließlich helfen beim Enttrümmern der Garagen und ihn Mut schöpfen lassen. Anfangs spielen sie zwischen Schutthalden weiter „Stalingrad“ und schießen mit Feuerwerkskörpern, um „Bunker zu sprengen“ und „Panzer zu knacken“ – doch dann erschrecken sie vor sich selbst. Von einem aus der Clique als Feigling beschimpft, klettert Willi, Gustavs Freund, auf die freistehende Mauer einer Ruine, verliert das Gleichgewicht, stürzt ab und stirbt wenig später.

Gerhard Lamprecht, der 1931 mit großartigen Kinderdarstellern Erich Kästners Roman Emil und die Detektive so frisch und Berlin-authentisch verfilmt hat, leuchtet das Antlitz des sterbenden Jungen wie das eines Heiligen aus. Als hätte der Unbekannte Soldat ein Kindergesicht, das alles überdauert, was kommt und geht. Ein unglaubliches, erschütterndes, fast schon sakrales Pathos. Der Regisseur setzt ein Denkmal, weil er endlich einen Helden gefunden hat, der es verdient?

Was ist der Frieden? Diesmal mehr – fragt Dr. Mertens, die verkrachte Existenz – als das kurze Atemholen bis zum nächsten Massensterben? Ihn verfolgt bis in die Ohnmacht hinein das Grauen einer Geiselerschießung, die er Weihnachten 1942 bei seiner Wehrmachtseinheit in Polen nicht verhindern konnte. Drinnen in der Unterkunft stand ein prächtiger Tannenbaum, festlich geschmückt, draußen wurden Menschen an die Wand gestellt. Drinnen sangen Männer inbrünstig: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“ – da wurde es draußen langsam stiller, die Salven waren verhallt, die Menschen lagen herum. „36 Männer, 54 Frauen, 31 Kinder. Munitionsverbrauch 347 Schuss“, lautete die Meldung vom Kompaniechef, von Hauptmann Ferdinand Brückner, der den Exekutionsbefehl gab und sich davon nicht abbringen ließ, als ihn Leutnant Mertens um Gnade bat, wenigstens für Frauen und Kinder. „Aber was können denn die Kinder dafür“, schreit er sich die Toten von der Seele und wird sie doch nicht los. Erst recht nicht, als es nach dem Krieg in Berlin zum Wiedersehen mit dem einstigen Kompaniechef kommt.

Brückner ist der Sprung in den Frieden gelungen und sichtlich bekommen. Von der Front in die Fabrik, die eigene, versteht sich, in der aus Stahlhelmen Kochtöpfe gestanzt werden. „Mein Unternehmen läuft, 120 Arbeiter vollbeschäftigt. Meine Wohnung tipptopp in Ordnung. In den Fenstern nur Scheiben, keine Pappe mehr. Brückners Kompanie marschiert wieder.“ Nach der Geiselerschießung zum Wiederaufbau angetreten! Vom Kriegsverbrecher zum Friedensgewinnler, ein Muster, was sich durchsetzen wird und fortan viele Anhänger findet, besonders im Westen Deutschlands.

Die Mörder sind unter uns, deshalb wollte Staudte diesen Film drehen. Sie bleiben unter uns als liebende Familienväter und tüchtige, um ihre Leute besorgte Fabrikanten, die ein Weihnachtsfest ausrichten und einen Tannenbaum schmücken, der noch immer ein prächtig gewachsener ist.

Auch singen sie wieder, in der Petrikirche am Spittelmarkt, die kein Dach mehr hat. Nur mehr brüchiges Mauerwerk hält Gotteshaus und Gemeinde zusammen. Der Gesang verhallt unter freiem Himmel wie einst die Salven in Polen. Es klingt so ergreifend, so unschuldig, so anmutig wie nie zuvor. „Stille Nacht, heilige Nacht ...“ Pechschwarz und schneeweiß liegt sie über dem gesteinigten Berlin.

Wolfgang Staudte, der für seinen Film auch das Drehbuch schreibt, hält einen Neuanfang nur für denkbar, werden Täter wie Brückner zur Verantwortung gezogen und bestraft. So gibt er seinem Projekt zunächst den Arbeitstitel Der Mann, den ich töten werde. Die Geschichte soll damit enden, dass Mertens seinen einstigen Vorgesetzten am Heiligen Abend des Jahres 1945 zur Vergeltung für den Geiselmord stellt und erschießt. Die Sowjetische Militäradministration, die sich als Dienstherr um die DEFA kümmert, will ein solches Finale aus zwei Gründen vermeiden. Ihr liegt wenig daran, dass ein Film als Aufforderung zur Selbstjustiz verstanden werden kann. Außerdem soll das erste Weihnachtsfest im Frieden nicht derart vom Erbe des Krieges überschattet sein. Sie lässt Staudte keine Wahl, er soll sich für einen alternativen Schluss entscheiden: Susanne Wallner, die ahnt, was Mertens vorhat, ist ihm zu Brückner gefolgt und hindert ihn daran, mit der Pistole in der Hand abzudrücken. Eine sich anschließende Montage zeigt Leichen in den Konzentrationslagern, Massengräber und Schlachtfelder, Soldatenkreuze in Reih und Glied. Der Reigen des Grauens wirft einen Schatten auf Brückner, der hinter Gittern steht und schreit. „Aber ich bin doch unschuldig. Denken Sie doch an meine Kinder ...“ Bis ihn die Botschaft verstummen lässt: „Wir haben nicht das Recht, zu richten, aber wir haben die Pflicht, Anklage zu erheben, Sühne zu fordern im Auftrag von Millionen unschuldig hingemordeter Menschen.“

Damit endet der Film, seiner Entstehung geschuldet, möglicherweise eine Spur zu appellativ. Jedoch erscheint die wie ein Schwur wirkende Proklamation nicht nur angemessen. Sie ist zugleich geeignet, Staudtes Werk als Dokument der Zeitgeschichte zu würdigen. Als beide Filme 1946 in die Kinos kommen, ist die Nachkriegsgesellschaft viel zu sehr mit sich und dem täglichen Überleben beschäftigt, um „Anklage zu erheben“.

Ohnehin bleibt zu fragen, und das bis heute, konnten Sühne und Strafe nur Tätern wie Brückner gelten, während ein ganzes Volk den kollektiven Freispruch für geboten hielt?

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 12.05.2020
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 31/2020

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