Das Vokabular holt auf

Afghanistan Für Deutschland wird wieder "gefallen", vorerst nur in Afghanistan. Die Heroen-Semantik von Verteidigungsminister Jung bleibt nur das Fazit schuldig: Wir führen Krieg

Wer einen Krieg führt und dafür Menschen opfert, sollte sagen können, weshalb dies geschieht, mit welchem Sinn und Zweck. Und wie lange dieser Zustand andauert. Auch dürfte es angemessen sein, etwas darüber zu erfahren, ob dieser Krieg zu gewinnen ist. Wann es soweit sein könnte. Welcher Preis dafür zu entrichten ist. Die Bundesregierung kommt bisher erstaunlich selten in Verlegenheit, mit Blick auf Afghanistan darauf überzeugende Antworten zu geben. Für den dortigen Krieg gilt, was uns die mediale Diskursmaschine ansonsten gern für den Umgang mit der Wirtschaftskrise ins Gehirn stanzt: Bei den Menschen noch nicht angekommen! Also reden wir lieber über Piratenparteien oder Milchpreise, an denen keiner stirbt.

Es gibt freilich Ausnahmen. Sie treten dann ein, wenn Nachrichten aus Afghanistan in Deutschland "ankommen", in denen die Rede davon ist, dass Soldaten der Bundeswehr bei ihrem Einsatz gefallen sind. Noch fehlt der Zusatz: für Volk und Vaterland. Die Semantik hängt zurück, holt aber auf. Wer hätte vor zehn Jahren für denkbar gehalten, dass es wieder Gefallene gibt. Man sollte denen, die wie Verteidigungsminister Jung das Wort immer selbstverständlicher in den Mund nehmen, nichts schenken und den Satz zu Ende denken: Gefallen wird im Krieg.

Würde die Regierung Merkel diesen Satz in ihr Vokabular heben, müsste sie auf die eingangs formulierten Sinnfragen antworten. Was sie tunlichst vermeidet, um sich stattdessen aus der Vorratskammer gestanzter Formeln zu bedienen. Die klingen um so erbärmlicher, je öfter dafür in Kundus und anderswo Soldaten fallen. Eine davon lautet, man tue in Afghanistan doch beides, schaffe Sicherheit und leiste ein gewaltiges Wiederaufbauprogramm, um die Bevölkerung zu gewinnen. Wer die Woche für Woche einlaufenden Nachrichten über die allein bei Luftangriffen getöteten afghanischen Zivilisten hört, muss sich fragen, ob die Bevölkerung auch dadurch gewonnen werden soll. Wenn ja, scheinen die Erfolge auszubleiben. Eine andere Erklärung gefällt sich in der Versicherung, man müsse in Afghanistan militärisch präsent bleiben, bis dort eine eigene Armee für die nötige Sicherheit sorgen könne. Wer die Geschichte dieses Landes kennt – und das wäre von allen zu erwarten, die Soldaten dorthin schicken – sollte wissen, dass es eine solche Armee noch nie gab und angesichts der am Hindukusch herrschenden "somalischen Verhältnisse" – der Existenz vieler Völker, Clans und Warlords – bis auf weiteres nicht geben wird.

Diese "Erklärungen" haben jedoch ein Gutes. Weil sie mit der Realität in Afghanistan wenig bis nichts zu tun haben, tritt die Wahrheit um so klarer und unbestreitbarer hervor. Ein militärisch erstarkender Widerstand führt Krieg gegen eine ausländische Besatzungmacht und zwingt diese, Gleiches zu tun. Es seit denn, sie zieht ab. Wie lange diese Schlacht dauert, ist offen. Nur eines ist sicher, sie dauert schon um einiges länger als der Zweite Weltkrieg.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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