Deng und Konfuzius

Ein-Kind-Ehe Chinas Familien-Politik greift nicht mehr auf Methoden der achtziger Jahre zurück, doch sind Familien in den Großstädten weiter gehalten, dem Kinderreichtum abzuschwören

Die ab 1979 beginnende Reformpolitik unter dem Patronat von Deng Xiaoping war mit einer vehementen Orientierung auf die Ein-Kind-Familie verbunden und wurde 1980 durch ein Parteiedikt mit dem Charakter eines offiziellen Programms ausgestattet. Zum Gesetz erhoben wurde dieses Dogma freilich nie – weder von der Regierung noch vom Nationalen Volkskongress. 1980 lebten in der Volksrepublik 980 Millionen Menschen. Die Prophezeiung – es werde zur Jahrtausendwende ein Bevölkerungswachstums auf 1,3 bis 1,5 Milliarden Menschen geben – stellte nicht nur die Nahrungsmittelversorgung in Frage, sondern bedrohte auch die Pläne zur wirtschaftlichen Modernisierung.

Urbane Aufsteiger

Bis 1970 wurden einer chinesischen Familie im ländlichen Raum im Durchschnitt fünf Kinder geboren, dennoch war eine staatliche Familienplanung von Anfang an umstritten, weil sie nicht zuletzt mit den bis dahin gültigen Axiomen des Maoismus kollidierte, der Kinderreichtum ausdrücklich guthieß. Methoden der Empfängnisverhütung und geforderte Abtreibungen widersprachen zudem der ländlichen Lebensweise, während unter den Intellektuellen und in der Klasse der jungen urbanen Aufsteiger die Ziele der Familienplanung am ehesten unterstützt und akzeptiert wurden. In der Konsequenz ergab sich eine Bevölkerungsentwicklung, die seit 1990 wie folgt aussieht:

1990 – 1,15 Mrd.

1995 – 1,21 Mrd.

2000 – 1,27 Mrd.

2005 – 1,31 Mrd.

2010 – 1,34 Mrd.

2020 – 1,43 Mrd. (Prognose)

Dabei wurde die Ein-Kind-Politik bei den Bauern nie so streng durchgesetzt wie im städtischen Raum, wo heute allein an der Ostküste mit 115 Millionen Menschen zehn Prozent der Bevölkerung auf 50.000 Quadratkilometern leben, also 350 bis 360 Einwohner pro Quadratkilometer, auch für Ballungsräume der EU ein absoluter Spitzenwert.

Gewisse Lockerung

Seit 2002 wird die Familienplanung erkennbar liberalisiert, zwei Kinder gelten auch in den Städten wieder als zulässig, während in etlichen Gegenden wie der Küstenprovinz von Zhejiang die Geburtenquoten bereits ganz abgeschafft worden sind. Aufklärungskampagnen auf dem Lande über verschiedenen Formen der Verhütung ersetzen behördlichen Druck. Allerdings hat es noch keinen definitiven Abschied von der Ein-Kind-Politik gegeben.

An der zentralen Rolle der Familie für die Sozialisation in der Volksrepublik gibt es keine Abstriche, wobei sich alte mit neuen Werten verbinden. Mit der stärkeren Individualisierung der Lebensstile hat die Familie noch an Bedeutung gewonnen. Es gelten sowohl die Ideen des Konfuzianismus, der das Verhältnis zwischen dem folgsamen Sohn und seinem Vater zum unverzichtbaren Ordnungsprinzip erklärt und als Metapher für die Gesellschaft begreift – als auch sozialis­tische Wertvorstellungen, die sich auf die Trinität Familie – Kollektiv – Gesellschaft beziehen. Die Zerstörung seiner Familie gilt als größtes Unglück, das einem Chinesen widerfahren kann.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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