Der Abschied auf Raten ist zu Ende

Kuba Fidel Castro zieht sich endgültig aus seinen Ämtern zurück

Es war am 31. Juli 2006 gegen 21.15 Uhr Ortszeit, als der 32-jährige Carlos Valenciaga als persönlicher Sekretär des Maximo Líder im Abendprogramm des kubanischen Fernsehens (ICRT) die Botschaft an die Bevölkerung verlas, Comandante Fidel Castro sehe sich wegen Magen-Darm-Blutungen und eines komplizierten chirurgischen Eingriffs gezwungen, vorübergehend seine Amtsgeschäfte an seinen Bruder Raúl zu übergeben. Er hoffe, so bald wie möglich auf seinen Posten zurückzukehren. Was seither passierte, ist bekannt.

Man empfand die interimistische Präsidentschaft von Raúl Castro unwillkürlich als Generalprobe für eine Zeit nach Fidel. Auch wenn es oft hieß, er sei bald genesen und werde die Arbeit wieder aufnehmen, auch wenn er sich während der letzten Monate immer wieder über Artikel in der Granma zu Wort meldete, auch wenn immer wieder versichert wurde, nicht zuletzt von prominenten Besuchern wie Hugo Chávez, Fidel Castro stehe kurz vor der Rückkehr in all seine Funktionen - Kuba hatte über anderthalb Jahre lang Gelegenheit, sich an seine Abwesenheit zu gewöhnen. Der Übergang begann am 31. Juli 2006 - je länger er dauerte, ohne dass Castro wieder öffentlich in Erscheinung trat, desto unwiderruflicher schien er zu sein, und desto sinnvoller erwies sich dieser schleichende Abschied, um Erschütterungen des Landes zu vermeiden.

Das ändert nichts daran, dass dieser Rückzug eine Zäsur ist, die für den Karibikstaat ihresgleichen sucht. Über 70 Prozent der heute lebenden Kubaner waren noch nicht geboren, als der Comandante mit seiner Guerilla aus der Sierra Maestra im Januar 1959 in Havanna einzog. Alles was danach geschah, die abgewehrte Invasion in der Schweinebucht, die Blockade der Amerikaner, Castros öffentliches Bekenntnis zum Sozialismus, die Raketenkrise, das militärische Engagement in Angola und Äthiopien, die begonnene Korrekturphase als Kubas Perestroika, der Zusammenbruch des Sozialismus in Europa und damit der für das wirtschaftliche Überleben Kubas eigentlich unentbehrlichen Partner, die so genannte "Sonderperiode" nach 1991 und die ersten Anzeichen einer gewissen ökonomischen Erholung, die Gipfeltreffen der Nichtpaktgebundenen, die Meetings in Havanna oder anderswo jedes Jahr am 26. Juli, dem Jahrestag des Sturms auf die Moncada-Kaserne 1953 - das alles schien ohne Castro undenkbar, er war immer dabei. Er hat die Ereignisse geprägt. Ohne ihn wären sie anders verlaufen oder hätten vielleicht so nie stattgefunden.

"Ich glaube, das Geheimnis dieser Revolution besteht darin, dass sie vom Beginn bis zum Ende loyal zu ihren Prinzipien gestanden hat und entschlossen ist, diesen Weg für 30 oder 100 Jahr weiterzugehen", hatte Fidel Castro Anfang 1989 zum damals 30. Jahrestag der Revolution vor seinen Landsleuten erklärt. Er konnte seinerzeit kaum ahnen, wie sehr Kuba mit dieser Überzeugung schon in kürzester Zeit allein bleiben würde. Wie sehr auch er selbst einsamer sein würde, bevor sich neue Allianzen abzeichneten mit der Bolivarischen Bewegung von Chávez in Venezuela oder dem Präsidenten Morales in Bolivien - als ein regelrechter Sog zu mehr Selbstbewusstsein und Souveränität den lateinamerikanischen Kontinent erfassen sollte.

Schob 1961 hatte Castro bei einem Treffen mit Intellektuellen formuliert: "Innerhalb der Revolution alles - gegen die Revolution nichts!" Je mehr das sozialistische Kuba in den neunziger Jahren um seine Existenz kämpfte, je mehr es international isoliert zu werden drohte, desto weniger wollte Castro gegen Intoleranz und Dogmatismus gefeit sein. Er scheute Reformen - in der Ökonomie weniger als für das politische System, wo sie gerade im Interesse des Erhalts der Revolution geraten schienen. Aber es verbietet sich, von außen zu urteilen - nicht das Schicksal eines solchen Landes und all seiner Generationen im Nacken, sondern nur eigenes mentales Wohlbefinden und die Koexistenz mit dem Zeitgeist im Blick. "Ich glaube, er ist einer der großen Idealisten unserer Zeit und vielleicht ist gerade das seine größte Tugend, wenn es auch seine größte Gefahr gewesen ist", schrieb der Kolumbianer Gabriel García Márquez vor nicht so langer Zeit - im Januar 1989 - über Kubas Präsidenten.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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