Der Blick in den Spiegel

Taliban-Attentat Der Kampf gegen die Präsidentenwahl in Afghanistan hat Kabul erreicht. Die Taliban greifen mit einem Attentat auf das NATO-Hauptquartier die Zitadelle des Gegners an

Die Präsidentenwahlen am 20. August können die Taliban mit ihrem Attentat auf das NATO-Hauptquartier von Wochenende in Kabul nicht mehr verhindern. Aber sie können mit einer solchen Aktion zu verstehen geben, dass eine Zitadelle der Macht wie diese keine mehr ist, wenn sie angreifbar, unter Umständen auch verwundbar ist. So ähnlich dürfte das Motiv für den Anschlag vom 15. August gewesen sein: Handlungsmacht demonstrieren und auf der Ebenbürtigkeit mit dem Gegner pochen. Aber damit ist es nicht getan. Mit in den Tod gerissen hat der Selbstmordattentäter sieben seiner Landsleute, darunter auch Kinder. In diesem Wahnsinn bündelt sich der Wahnsinn dieses Krieges, den in Deutschland ein ehemaliger Verteidigungsminister der SPD und ein regierender Verteidigungsminister der CDU noch mindestens zehn Jahre führen wollen.

Der so mörderische wie selbstmörderische Attentäter von Kabul bedeutet ihnen, was das heißt. Er verkörpert das Gesetz dieses Krieges: Ich muss rücksichtslos sein, um handlungsfähig zu bleiben. Nur wenn das geschieht, werde ich siegen – ob ich das erlebe oder nicht. Kriegsopfer sind in meinem Land allgegenwärtig! Also auch in Kabul. Politik heißt über Leichen gehen, Krieg erst recht. Und lege ich die meine nicht neben die sieben der anderen? Was passiert seit acht Jahren, wenn afghanische Dörfer bombardiert werden, weil dort Taliban oder andere Kämpfer der bewaffneten Opposition vermutet werden?

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Mit den Taliban hat die Kriegführung des Westens, wie sie seit Ende des Ost-West-Konflikts möglich ist, einen passenden Gegner gefunden. Es hat wenig Sinn, wenn der Ruf sein Echo verklagt. Das eine braucht das andere. Der aufgeräumte Ton, in dem Korrespondenten die präzisen Einschläge während der Bombardierungen von Kabul im Oktober 2001 oder von Bagdad im März 2003 beschrieben und selten ein Wort darüber verlieren wollten, wie viele Menschen im Moment der Einschläge ihr Leben verlieren könnten, findet ein Echo in der erbarmungslosen Konsequenz, mit der sich Mitte August 2009 ein Attentäter dem NATO-Hauptquartier in Kabul nähert. Jeder Tag dieses Krieges zwingt zum Blick in den Spiegel. Deshalb wächst ja die Zahl derer, die das nicht mehr ertragen können, täglich und atemberaubend schnell.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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