Der Funke Leben

KZ-Opfer Am vergangenen Wochenende haben sich die letzten Zeugen des NS-Terrors zum Gedenken in Bergen-Belsen, Sachsenhausen und Ravenbrück getroffen

Sie bezeugen die Unbesiegbarkeit des Lebens aller Barbarei zum Trotz. Nur von ihnen ist zu ermessen, was es bedeutet hat, ob die Befreier vor 65 Jahren eine Stunde früher oder später kamen. Ob es längst, fast oder doch nicht vergeblich war. Die Überlebenden der Konzentrationslager Bergen-Belsen, Ravensbrück und Sachsenhausen haben sich am vergangenen Wochenende vielleicht zum letzten Mal gemeinsam an den Tatorten erinnert. Die meisten sind heute weit über 80 Jahre alt. Ihre Mahnung wird irgendwann fehlen, obwohl sie unersetzlich ist. Erst wenn diese Zeitzeugen ausbleiben, wird die hierzulande sonst so rege Aufarbeitungsgemeinschaft beweisen können, was sie zu leisten vermag. Das kollektive Gedächtnis ist eine windige Sache und oft das Gewissen nicht wert, auf das es sich beruft. Was also wird bleiben? Zeremonien in den Gedenkstätten, die in Wirklichkeit Rituale sind? Es gibt Hoffnung, wenn den NS-Verbrechen nur ein Teil der tatkräftigen Hingabe zuteil wird, mit der sich Politiker, Historiker und Journalisten über die DDR-Hinterlassenschaften beugen.

In seinem Roman Der Funke Leben beschreibt Erich Maria Remarque Szenen des Grauens, die nie abreißen wollten im Lageralltag zwischen Überleben und Sterben – „den großen Appellplatz, den die SS humorvoll den Tanzboden nannte“, den Scharführer, der sich nach dem Mord an zwei Häftlingen eine Tasse Bohnenkaffee gönnte, „vier Leute, denen die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren, und deren Füße die Erde nicht mehr berührten“, das Krematorium, die Seuchenbaracke. Dieser apokalyptische Stoff passt nicht zur Gefallsucht eines Zeitgeistes, der an Hitlers Parvenüs und Paladine so viel Zeit verschwendet, dass sie ihm für die Biografien eines Ernst Thälmann oder Rudolf Breitscheid fehlt. Fehlen soll. Eine Mehrheit in der Bundesrepublik Deutschland hat ganze vier Jahrzehnte gebraucht, den ­ 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ anzunehmen. Wie sollte sie ernsthaft Zehntausende von KZ-Häftlingen verstehen, denen dieser Tag vom ersten Augenblick an nichts anderes war?



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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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