Der Ofen glüht noch

Tunesien Ein Land will sich von 23 Jahren Diktatur befreien, aber noch ist keine Regierung in Sicht, die aus einem politischen Umsturz einen sozialen Umbruch werden ließe

Dieses Exempel war überfällig. Für Nordafrika, aber auch den Nahen Osten überhaupt. Demokratie ist kein Schenkungsakt eroberungssüchtiger Konquistadoren wie im Irak, sie kann nicht von oben dekretiert werden. Sie entsteht, wenn sich in einem Land wie Tunesien schon keiner mehr daran erinnern kann, was das eigentlich ist. Sie erlebt eine Wiedergeburt, wenn Massenproteste das Gesetz des Handelns an sich reißen und ein Ancien Regime der Despotie zur Abdankung zwingen. Der 14. Januar 2011 wirkt wie ein 14. Juli, auch wenn es keine Bastille zu schleifen gibt. Vorerst jedenfalls nicht. Der Ofen der Revolte und Rebellion aber glüht, es können sich noch Tausende die Finger daran verbrennen. Ausnahmezustand wird in diesem Augenblick für Tunesien vorzugsweise mit Anarchie übersetzt

Dennoch gibt die Selbstermächtigung von Tunis dem Maghreb ein ermutigendes Flammenzeichen. Von Marokko über Algerien bis Ägypten existieren parallele Systeme der Günstlings- und Clan-Ökonomie, die über einem sozialen Unterbau thronen, der überlebt, aber nicht lebt. König Mohammed VI., die Präsidenten Bouteflika und Mubarak haben seit der Flucht Ben Alis eine Gnadenfrist, deren Verfallsdatum nicht im Ungefähren liegt. Wieder einmal zeigt sich, wenn Macht zur Mafia degeneriert und sich nur vollgepumpt mit krimineller Energie reproduzieren kann, wird sie morsch und verkommt. Sie verliert mit jeder moralischen Legitimation auch jede politische Widerstandskraft. Es gibt ein letztes Aufbäumen in zügelloser Brutalität wie in den zurückliegenden Tagen, als in Tunesien das Erwartbare eintrat. Aber auch ein Amoklauf der Polizei muss irgendwann enden – wenn sich die Täter am letzten Bürger vergangen haben und über Friedhöfe wachen. Und dann?

Die EU hat den Oberaufseher über eines ihrer Ferienparadiese verloren, in dem sich der europäische Wohlstandsbürger als Entwicklungshelfer fühlen durfte, wenn er dank wohlfeiler All-Inclusive-Pakete Almosen unter die Einheimischen streute. Brüssel schätzte Ben Ali nicht als Musterdemokraten, führte ihn jedoch von der Nomenklatura her als "reformorientierten prowestlichen Politiker". Tunesiens Ex-Präsident verdiente es, in die euro-mediterrane Partnerschaft (EUROMED) aufgenommen zu sein, so dass man sich zuletzt fragte, weshalb Alexander Lukaschenko nicht Weißrussland in vergleichbaren Assoziationen für Osteuropa vertritt. Offenbar haben deutsche Reiseunternehmen die weißrussische Tourismusbranche noch nicht so entdeckt und schätzen gelernt wie die tunesische.

Auch wenn sich Ben Ali und seine Entourage nunmehr im Exil einrichten müssen, entschieden ist noch nichts. Der Diktator geht, seine Ein-Parteien-Diktatur bleibt – Interims-Staatschef Mohamed Ghannouchi war ein Paladin des Flüchtigen. Die alte Macht könnte sich halten, indem sie das Land vorübergehend sich selbst, Aufruhr und Anarchie, Zerstörung und Plünderung überlässt. Aufbrachte Tunesier setzen Geschäften, Banken und Märkten weiter den roten Hahn aufs Dach, so dass die Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung und einer Autorität wachsen dürfte, die das Chaos aufhält oder eindämmt. Revolten des Zorns sind eine revolutionäre Kritik der Verhältnisse, aber keine Revolutionen, die Gesellschaften andeuten, dass ihrem Status quo das Daseinsrecht entzogen wird. Tunesien fehlt eine artikulationsfähige politische Opposition – wie sollte es nach 23 Jahren des Absolutismus anders sein? Aber in Zeiten, da aus einem Umsturz ein Umbruch werden kann, lernen Menschen in einer Stunde mehr als in Jahren gewöhnlicher, stupider Alltäglichkeit. Zunächst einmal haben sie die kollektive Orgie des Selbstverzichts und der Unterordnung beendet.

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10:50 15.01.2011
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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