Der Ruf verklagt sein Echo

Konfrontation Der Kampf um Aleppo ist zur Kraftprobe zwischen Russland und den USA geworden
Der Ruf verklagt sein Echo
Der Krieg als Crash der Systeme

Montage: der Freitag, Material: Proxyminder + okea/istock

Auch der voreingenommene Beobachter – der unvoreingenommene sowieso – wird der Erkenntnis zustimmen: Da die Schlacht um Aleppo einer Entscheidung entgegengeht, wird sie propagandistisch genauso unerbittlich ausgetragen wie auf dem Gefechtsfeld. Was aus westlicher Sicht einleuchtet. Die Bilder einer von Bomben verheerten Stadtlandschaft und aus Ruinen geborgener Toter und Verletzter stehen für sich. Ihnen lässt sich nichts anhaben. Sie sind als Metaphern des Grauens freilich kein singuläres Phänomen. Seit nunmehr fünfeinhalb Jahren wird dieser Bürgerkrieg manchmal auf freiem Feld, in der Regel aber als Straßen- und Häuserkampf ausgetragen. Immer haben Zivilisten darunter gelitten und alle Kriegsparteien das zu verantworten.

Der Vorwurf, Baschar al-Assad und Wladimir Putin bomben eine Stadt in die Steinzeit zurück (so Grünen-Chef Özdemir), mag berechtigt sein oder nicht – er reflektiert vor allem eines: Mit dem völligen Fall von Aleppo wäre eine Kriegswende zum Greifen nahe. Die Einnahme der Stadt brächte Syriens Hauptverkehrsachse von der Grenze zu Jordanien im Süden bis zur Türkei im Norden wieder unter Kontrolle der Regierung.

Gegen Putin verlieren

Für den islamistischen Widerstand wären letzte Nachschubtrassen aus der Türkei gekappt. In einer Region, bestehend aus dem Küstenstreifen, dem Alawiten-Gebirge, dem Großraum Damaskus und der Orontes-Ebene ließe sich ein Rumpfstaat erhalten. Womöglich mehr, käme es zur Verständigung mit der kurdischen Autonomie im Norden. Nicht auszuschließen, dass von Aleppo aus der Vormarsch auf Rakka beginnt, um die syrische Kapitale des Islamischen Staates (IS) anzugreifen. Es wäre damit bestätigt, was Präsident Obama gerade als seinen Erfolg reklamiert hat – sowohl im Irak wie in Syrien verliert der IS an Boden. Freilich werden auch einem Kampf um Rakka Zivilisten zum Opfer fallen, ebenso wie dem gerade stattfindenden Sturm auf die vom IS gehaltene irakische Millionenmetropole Mossul. Den können die Nationalarmee wie die kurdischen Milizen auch deshalb siegesgewiss entfachen, weil die Vereinigten Staaten ihr Luftmonopol ausspielen und Mossul dort bombardieren, wo Stellungen des IS vermutet werden. In Wohngebieten vorzugsweise, zu Lasten der Zvilbevölkerung, versteht sich.

Aleppo und Rakka wieder zurück im syrischen Staat – damit hätte sich das erklärte Ziel des Westens, besonders der USA, vorerst erledigt, Baschar al-Assad zu stürzen, um in Damaskus ein prowestliches, sunnitisches Regime zu etablieren.

Bürgerkrieg in Syrien 2011 – 2016

2011 Antiregierungsproteste greifen von Daraa im Süden auf das ganze Land über. Durch Gewalt auf beiden Seiten eskaliert die Lage. Die Gründung der Freien Syrischen Armee (FSA) durch Deserteure im Juli markiert den Übergang zum Bürgerkrieg.

2012 Der erste UN-Syrien-Vermittler Kofi Annan legt einen Sechs-Punkte-Plan für eine Waffenruhe und Verhandlungen vor, der aber bald scheitert. In einer neuen Verfassung Syriens ist die führende Rolle der Baath-Partei gestrichen.

2013 Die islamistische Al-Nusra-Front erobert Teile von Homs und Aleppo. Nachdem im August bei Gefechten in Ghuta Giftgas eingesetzt wurde, bereiten die USA einen Militärschlag gegen die Assad-Armee vor. Der entfällt, als Damaskus einer Vernichtung sämtlicher Kampfstoffe zustimmt.

2014 gebildet aus dschihadistischen Milizen, tritt der Islamische Staat (IS) in Erscheinung. Zunächst konzentriert sich der Vormarsch nur auf den Irak, dann erobert der IS Terrain im Nordosten Syriens.

2015 Ende September greifen erstmals russische Jets in die Kämpfe am Boden ein und entlasten die Regierungsarmee, die kaum mehr über Rekrutierungsreserven verfügt und auf den Beistand des Iran wie der Hisbollah angewiesen ist.

2016 Ende Januar beginnen in Genf wieder Syrien-Talks, moderiert durch den neuen UN-Vermittler de Mistura. Im März erobern Assad-Einheiten die Oasenstadt Palmyra vom IS zurück. Die türkische Armee greift kurdische Stellungen in Nordsyrien mit Panzern an. LH

Es wäre eine Niederlage, die psychologisch gesehen dem Scheitern der Besatzungen in Afghanistan und im Irak gleichkommt, weil sie den Glauben an erfolgreiche globale Machtprojektion berührt. Man verliert weniger gegen Assad als gegen Putin. Russland hat sich als geostrategischer Wettbewerber in Szene gesetzt und Vorteile ausgereizt, die ausgerechnet in einer Präferenzzone amerikanischer Außen- und Militärpolitik entstanden sind.

Russland ächzt nicht unter der bleiernen Bürde jahrzehntelangen Interventionsgebarens im Nahen Osten. Es verfügt über kein nahöstliches Stützpunksystem, das nicht nur Omnipräsenz ausstrahlt, sondern von dem auch der Druck zu omnipotentem Verhalten ausgeht. Russland ist in kein diffuses Beziehungsgefüge mit regionalen Potentaten verstrickt, was für Amerika inzwischen mehr Ohnmacht als Macht bedeutet.

So gerieren sich die USA als Schutzpatron der syrischen Kurden, tolerieren aber, wie der NATO-Partner Türkei deren Milizen militärisch attackiert und sich dabei des taktischen Alliierten IS versichert, den die USA ihrerseits zum Hauptfeind erklärt haben.

Zum gegenseitigen Vorteil

Moskau hat sich klar für einen Protegé entschieden, der funktioniert, um zu existieren. Als russische Kampfjets Ende September 2015 erstmals über Syrien aufstiegen, war bald darauf ein Gipfel im Kreml anberaumt, bei dem Präsident Assad mehr einbestellt als eingeladen wirkte. Es wurde keine unverbrüchliche Waffenbrüderschaft zelebriert, sondern ein Agreement zum gegenseitigen Vorteil besiegelt – wir helfen dir, indem wir uns nützen.

Insofern wirken die gerade wieder strapazierten Vergleiche mit dem Kalten Krieg eher deplatziert. Russland und die USA stehen sich zwar als Gegner gegenüber, aber anders als vor 1990. Die russische Regierung ist freier, Interessen wahrzunehmen und Entscheidungen zu treffen, als die amerikanische, die oft laviert, statt zu agieren, weil die Interessengegensätze der nahöstlichen Gefolgschaft sie dazu zwingen.

Feste Allianz: Putin und Assad auf Essgeschirr in Damaskus

Foto: Joseph Eid/AFP/Getty Images

Es kommt hinzu: Mehr als zwei Jahrzehnte vergeblicher russischer Angebote zu paritätischer Partnerschaft mit dem Westen haben ihren Preis, ablesbar an der unaufgeregten Kaltblütigkeit, mit der Wladimir Putin in Syrien handelt. Er führt den Amerikanern vor, sich derart in ihrer Regime-Change-Manie verrannt zu haben, dass sie nun gar wie politische und agitatorische Wasserträger islamistischer Kombattanten in Aleppo wirken. Anderswo werden deren Gesinnungsfreunde in der Regel durch US-Drohnen eliminiert.

Folie Kulturkampf

Der Westen zieht in dieser Lage die „humanitäre“ Karte. Sie würde stechen, wäre sie mit der Aufforderung an den Al-Qaida-Ableger Al-Nusra-Front gespielt, aus Aleppo abzuziehen und so die Zivilbevölkerung zu schonen. Wie ohnehin erstaunt, dass den gut verbunkerten Dschihadisten im Westen nicht wenigstens in einem Nebensatz angekreidet wird, Wohnviertel als Schutzschild zu missbrauchen und Menschen defacto als Geiseln. Stattdessen wird mit der Folie Kulturkampf betrieben: Wenn Assad und Putin eine Stadt in die Steinzeit bomben, ist das nicht Krieg, sondern Barbarei. Womit sich wieder zeigt, wie eindimensional westliche Konflikterzählungen geraten, wenn sie allein vom Moment zehren, der einem kausalen Niemandsland entstammt. Als würde der Ruf sein Echo verklagen.

Nehmen wir die syrische Exilopposition beim Wort, die gerade erklärt hat, Amerika verfolge „strategische Ziele in Syrien“, an denen sich nichts ändern dürfe. In der Tat, sie bestanden bei Ausbruch des Bürgerkrieges in der Maxime, Präsident Assad um jeden Preis zu stürzen, um die Syrien-Verbündeten Iran und Hisbollah im Libanon zu treffen, sprich: das Gravitationszentrum schiitischer Macht in der Region zu schwächen und ein säkulares, auf Souveränität bedachtes Regime zu schleifen. Davon profitieren sollten die US-Alliierten Saudi-Arabien, Katar, Oman sowie andere Golfstaaten, der NATO-Partner Türkei und der strategische US-Verbündete Israel. Darin spiegeln sollte sich westliche Ordnungsmacht, die all diesen Beteiligten genügt, indem sie eigene Interessen bedient – ein schwerer Trugschluss, wie man inzwischen weiß.

Fast ein Durchbruch

Es erscheint müßig, nach irgendeinem Rechtskodex zu suchen, der einem solchen Ansinnen einen Hauch von Legitimation verschafft hätte. Es soll nur danach gefragt werden, ob fünfeinhalb Jahre Bürgerkrieg und 450.000 Tote die US-Regierung irgendwann zu der Einsicht brachten, ihre Agenda des Maximalismus auf ein Maß zu reduzieren, das den grauenvollen Zuständen auf dem Kriegsschauplatz Syrien angemessen war. Mehr noch, ob es zu einer „humanitären“ Diplomatie kam, die Maximalismus verabschiedete?

Die Antwort lautet, eine Aussicht auf eine Lösung des Konflikts besteht, seit Russland eingegriffen hat und den USA die Aussichtslosigkeit eines Assad-Sturzes vor Augen hält. Im Bewusstsein dieser Tatsache, so schien es, verabredeten die Außenminister Lawrow und Kerry am 10. September eine Waffenruhe, die einem Durchbruch nahekam. Man wollte nach sieben Tagen Feuerpause über ein koordiniertes Vorgehen gegen alle islamistischen Kampfverbände in Syrien, nicht nur den IS, verhandeln. Dass daraus vorerst nichts wurde, hat viel mit dem Angriff der US-Luftwaffe auf den Stützpunkt der syrischen Regierungsarmee in Deir al-Zor zu tun, zu dem es irrtümlich gekommen sein soll, obwohl die Basis seit Jahren auf solchen Topografien der Fronten verzeichnet ist, wie sie auch Zeitungen abdrucken. Kerry fand wohl zu wenig Rückhalt in den eigenen Reihen. Nur stand außer Frage, dass nach dieser gebrochenen Waffenruhe mit Angriffen der syrischen Armee und russischer Luftkräfte auf Bastionen des Widerstandes in Aleppo zu rechnen war. Offenbar sollte es dazu kommen.

Copyright Curtis LeMay

Man wüsste gern, ob die rhetorische Keule von den „Steinzeitbombern“ über Aleppo in Kenntnis des historischen Copyrights geschwungen wird. Beanspruchen kann das der einstige US-Luftwaffengeneral Curtis LeMay, der in den späten 60er Jahren Städte in Nordvietnam mit seinen B 52-Staffeln „in die Steinzeit zurück bomben“ wollte. Dabei ging es um Zielgebiete wie Hanoi oder Haiphong, die wohlgemerkt weit außerhalb des damaligen südvietnamesischen Kriegsschauplatzes lagen.

06:00 19.10.2016
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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