Der Wundertäter als Auslaufmodell

IWF & Weltbank Weltbank und IWF sollen die internationalen Geldmärkte sanieren, doch fehlt ihnen der Mut, eigene Anachronismen zu kassieren, wie das die Frühjahrstagung gezeigt hat

„Es sind noch erhebliche Fortschritte nötig, um auf der Höhe der Zeit zu sein." So US-Finanzminister Timothy Geithner, der den IWF vor dessen Frühjahrstagung in Washington regelrecht verwarnt hatten, er setze die Beschlüsse des Londoner G20-Gipfel viel zu zögernd um. Doch blieb dieser Vorwurf ein halbherziges Manöver, weil Geithner auf jede Ursachenanalyse verzichtete. Wenn der Währungsfonds derzeit vieles von dem schuldig bleibt, was eigentlich getan werden müsste, dann auch, weil die unumgänglichen inneren Reformen dieses globalen Finanzinstituts verschleppt oder gestundet werden. Allein die in London Anfang April beim G20-Gipfel beschlossene Verdreifachung der IWF-Kreditreserven (von 250 auf 750 Milliarden Dollar) für den möglichen Eingriff in Krisenstaaten, deren Solvenz wackelt, steht bisher nur auf dem Papier. Es kann diese Aufstockung nur geben, wenn auch Schwellenländer wie China, Brasilien oder Indien ihren Anteil bezahlen. Doch die zögern mit der Überweisung und haben sich zu einem Junktim entschlossen. Erst wenn die inneren Reformen des IWF, die nur zu einem größerem Mitspracherecht der Newcomer zu Lasten der Alteingesessenen führen können, vorangetrieben werden, gedenke man zu handeln. Was da auf den ersten Blick wie eine Erpressung anmutet, hat den Charakter nachholender Emanzipation.


Im Vergleich zur WTO oder zu den Vereinten Nationen ist der IWF ein höchst hierarchischer Klub saturierter Finanzmacht. Statt "ein Land - eine Stimme" galt von Anfang an das Prinzip "ein Dollar - eine Stimme". Wer zahlte, hatte die Stimmen, die er brauchte, um zu bestimmen. Wohl stehen jedem Mitgliedsland 250 Basisstimmen unabhängig von seiner Größe oder finanziellen Potenz zu, der maßgebende Teil der Stimmrechte allerdings wird nach einer Quote verteilt, die sich aus den Einlagen und dem Bruttoinlandsprodukt eines Landes berechnet. Im Jahr 2008 war so das Gewicht der Basisstimmen von anfangs 11,3 auf gerade noch 2,1 Prozent der Gesamtstimmenzahl gesunken ist.

Folglich werden die 185 Mitgliedsstaaten des Währungsfonds bis heute von den Vereinigten Staaten dominiert, die mit einem Stimmenanteil etwas mehr als 17 Prozent als einziges Land über eine Sperrminorität verfügen, die sich getrost als Vetorecht klassifizieren lässt. Zusammen mit Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan, Italien und Kanada kommen die Amerikaner auf mehr als 44 Prozent der Stimmen. Dagegen akquirieren die Länder der G77 (diese Gruppe vereint derzeit 130 Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas) zusammen nur auf 28 Prozent. Und wie lassen sich die über alles bescheidenen Quoten Chinas mit 2,3 Prozent oder Indiens und Brasiliens mit 2,1 beziehungsweise 1,5 Prozent vertreten. In diesen Relationen, die in ein längst verflossenen Jahrhundert gehören, liegt ein entscheidender Grund für die Legitimationskrise des IWF, die es dem Währungsfonds einfach verwehrt, mit der nötigen Glaubwürdigkeit das Mandat des Krisenmanagers zu verwalten, wie sich das die G20-Staaten in London vorgestellt hatten.


Der Handlungsdruck wächst täglich, denn arme Länder balancieren am Rande eines dramatischen "Entwicklungs-Notstands". Mit mehr als einer Milliarde hungernder Menschen noch in diesem Jahr rechnet die Welternährungssituation der UNO (FAO). Diese Zahl entspricht in etwa jenem Wert, von dem die Vereinten Nationen im Jahr 2000 ausgingen, als sie ihr Milleniumsziel verkündeten, zwischen 1990 und 2015 die Zahl derer zu halbieren, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben. Allein daran lässt sich ermessen, welchen Rückschlag die Weltwirtschaftskrise heraufbeschwört. Das auf der Frühjahrstagung der Weltbank beschlossene Sofortprogramm von 48 Milliarden Euro für angeschlagene Staaten wird daran kaum etwas ändern.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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