Die 60er Jahre

Mauerchronik Die Geschichte der Berliner Mauer bis zu ihrem Fall, im Zeitraffer dargestellt. Teil I, als der Sperrwall noch aus vermauerten Steinen mit Stacheldrahtaufsatz bestand

1961 Bahn ohne Gleis

Gegen 1.00 Uhr berichtet in der Nacht zum 13. August ein Westberliner Polizeiposten, zwischen Spandau im Westen und Albrechtshof im Osten gebe es „unregelmäßigen S-Bahnverkehr“. Den Fahrdienstleitern der Deutschen Reichsbahn liegt zu diesem Zeitpunkt eine Weisung des DDR-Verkehrsministers vor: „Ich befehle, dass am 13. 8. 61 ab 1.00 Uhr die Abfertigung jeglicher S-Bahnzüge nach Westberlin einzustellen ist.“ Schon in der Nacht werden zwischen den Bahnhöfen Treptow und Sonnenallee Gleise demontiert. Churchills 1946 bereits beschworener Eiserner Vorhang hat sich krachend gesenkt. Berlin ist geteilt. Klappe zu, Affe tot besingt ein Chor der Nationalen Volksarmee schmissig das welthistorische Ereignis.


1962 Weiß auf Rot

Ohne offene Grenze in der Vier-Sektoren-Stadt Berlin will die DDR mehr aus ihren Vorzügen machen – ohne Abwanderung, ohne Spekulation mit der Ostmark. An Fabriktoren hängt Weiß auf Rot die Losung: Die Republik braucht alle – alle brauchen die Republik! In Ungnade gefallene Lyriker wie Wolf Biermann oder Heinz Kahlau dürfen wieder auftreten. Kein Ostberliner Frühling, aber ein Abschied von der aufgeheizten Atmosphäre des Sommers 1961. Als erster DDR-Grenzsoldat nach dem Mauerbau wird am 23. Mai der 21-jährige Peter Göring durch Schüsse von Westberliner Polizisten getötet, die einem Flüchtenden im Spandauer Schifffahrtskanal Feuerschutz geben. Am 17. August verblutet der von DDR-Posten angeschossene 18-jährige Peter Fechter im Mauerabschnitt Zimmerstraße. Er wird erst geborgen, als jede Rettung zu spät kommt.


1963 Reformer Ulbricht

Mit dem VI. SED-Parteitag ist der Markt als wirtschaftliches Regulativ nicht länger exkommuniziert. Mit dem Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung (NÖS) wirbt Walter Ulbricht für Wirtschaftsreformen. Betriebe dürfen heraus aus starren Planvorgaben und ihre Gewinne für eigene Investitionen oder ihre Belegschaften verwenden. Die DDR-Wirtschaft – reparationsgeschwächt und rohstoffarm – will international konkurrenzfähig sein, um mehr für den Lebensstandard der eigenen Leute tun zu können.
In Bonn geht mit Konrad Adenauer der Gründungskanzler in den Ruhestand. Er hat auf Westbindung und Partnerschaft mit den USA gesetzt. Die Teilung Europas war damit als Nachkriegsrealität zementiert, ohne dass in Bonn auch deren Konsequenzen – etwa die deutsche Zweistaatlichkeit – anerkannt wurden.


1964 Passieren zu Weihnachten

Walter Ulbricht muss erfahren, dass jähe Wendungen auch im Verhältnis zur Sowjetunion möglich sind. Deren Delegation zum 
15. Jahrestag der DDR am 7. Oktober leitet ZK-Sekretär Leonid Breschnew. Der ist wortkarg, reserviert und nur zu einem kurzen Vier-Augen-Gespräch bereit. Eine Woche später schon, am 14. Oktober, wird Breschnew Parteichef Nikita Chruschtschow verdrängt haben, dem die DDR-Führung loyal zugetan und verbunden war. Ulbricht macht kein Hehl aus seiner Enttäuschung. In der offiziellen Erklärung des SED-Politbüros zum Sturz in Moskau heißt es, die Ablösung Chruschtschows habe einen Schock im deutschen Volk ausgelöst.
Der Westberliner Senat handelt mit der DDR-Regierung wie schon im Vorjahr ein Abkommen aus, um seinen Bürgern den Weihnachtsbesuch bei Verwandten im Osten zu ermöglichen.


1965 Kahlschlag der Künste

Die versprochene innere Verständigung über den Sozialismus im Schatten der Mauer stößt an Grenzen. Ein ZK-Plenum Ende Dezember beklagt „Nihilismus und Skeptizismus“ bei Schriftstellern und Filmregisseuren. Ein Teil der DEFA-Produktion 1965/66 wird eingesargt. Darunter Spielfilme wie Das Kaninchen bin ich (Regie: Kurt Maetzig), Karla (Herrmann Zschoche), Denk bloß nicht, ich heule (Frank Vogel). Allein Christa Wolf, damals Kandidatin des SED-Zentralkomitees, wehrt sich gegen diesen Kahlschlag und spricht vor der Parteiführung von der Angst, die sie habe, würden Künstler immer wieder in die Defensive gedrängt. Auch könnten Jugendkrawalle nicht Filmen angelastet werden, die gar keiner gesehen habe.
Das IOC entscheidet – bei den Olympischen Spielen wird es künftig keine gemeinsame deutsche Mannschaft mehr geben.


1966 Kein fader Eintopf

In Bonn ist nach dem Abgang Adenauers drei Jahre zuvor noch ein Stück Nachkriegsgeschichte passé – bürgerliche Koalition und Regierungsdominanz der CDU haben sich erledigt. Die FDP zieht ihre Minister aus dem Kabinett Erhard zurück. So bildet das ehemalige NSDAP-Mitglied Kiesinger (CDU) als Kanzler 
eine große Koalition mit dem ehemaligen Widerstandskämpfer Brandt (SPD) als Vizekanzler und Außenminister. Der will 
beim Mitregieren „keinen faden politischen Eintopf“ anrühren, wie er dem besorgten Günter Grass versichert.
Der Ausbau der Grenze durch Berlin schreitet fort. Die zunächst gemauerten Abschnitte mit Stacheldraht-Aufsatz werden teilweise durch im Boden verankerte Betonplatten mit aufgesetzter runder ‚„Mauerkrone“ ersetzt.


1967 Der Fall Max Samland

Der 37-jährige Max Samland hat im Januar 1961 schon einmal die DDR in Richtung Westberlin verlassen, kehrt aber Monate später zurück. Anfang Januar 1967 wird er in Königs Wusterhausen wegen Körperverletzung zu sechs Monaten Haft verurteilt, 
doch Samland will nicht ins Gefängnis. So steigt er am späten Abend des 26. Januar mit seiner Verlobten und deren Freundin in Berlin-Adlershof aus der S-Bahn. Zu dritt laufen sie zur Grenze, es herrscht stürmisches Winterwetter. Samland lässt die Frauen warten, will die Lage erkunden, übersteigt gegen zwei Uhr einen Signalzaun und löst Alarm aus. Daraufhin wird er angerufen. Es fallen Schüsse. Samland will nicht auf-geben, lässt sich in den Teltow-Kanal hinuntergleiten, um ans Westberliner Ufer zu schwimmen, wird weiter beschossen und geht unter. Erst am 8. März kann die Leiche geborgen werden.


1968 Bilanz und Beharrung

Eine neue Verfassung erklärt die DDR zum „sozialistischen Staat deutscher Nation“ und wird am 6. April per Referendum mit einer Zustimmung von 94,5 Prozent angenommen. Bei den Berliner Festtagen überzeugt im Oktober die Dramatisierung des Romans von Hermann Kant Die Aula. Stück und Buch wirken wie eine Bilanz von zwei Jahrzehnten DDR-Sozialismus, der sich nach Kinderkrankheiten und existenzieller Not im Erreichten einrichtet. Kant erzählt von Absolventen der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, die – aus proletarischem Milieu stammend – wie Musketiere bildungsbürgerliche Hochstände nehmen. Die Aula gilt bald als „der DDR-Roman schlechthin“. 
In der ČSSR wird ein etablierter Sozialismus nicht als letztes Wort des Geschichte empfunden. Ihn zu reformieren und damit 
an Freiheitsversprechen zu erinnern, erweist sich als unmöglich.


1969 Brandts Ostpolitk

Als in Bonn eine sozialliberale Koalition antritt, entkrampfen sich die deutsch-deutschen Beziehungen, ohne entspannt 
zu sein. Die neue Ostpolitik des Kanzlers Willy Brandt kann mit Realpolitik übersetzt werden und führt zur Anerkennung europäischer Nachkriegsrealitäten und Grenzen. Doch sind zunächst Moskau, Warschau und Prag Adressaten des 
von CDU/CSU heftig attackierten Kurses. In Ostberlin vertritt 
Walter Ulbricht die Auffassung, da erstmals die SPD eine Bundesregierung führe, sollten die Beziehungen zum Westen überdacht werden. Gleichem verschreibt sich der SPD-Politiker Egon Bahr im Blick auf den Osten und spricht von Wandel durch Annäherung! Auf den Vorwurf, damit die DDR zu stabilisieren, antwortet er: „Ich kann die DDR gar nicht mehr stabilisieren, als sie stabilisiert wird durch 20 sowjetische Divisionen.“

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

09:30 11.08.2011
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
Schreiber 0 Leser 148
Lutz Herden

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2