Die 70er Jahre

Mauerchronik Die Geschichte der Mauer bis zu ihrem Fall, im Zeitraffer dargestellt. Teil II, als die beiden deutschen wieder zu etwas mehr Balance und Ausgleich fanden

1970 Scheels Brief

Die Wende im Ost-West-Verhältnis ist radikal und ermutigend. Die Regierung Brandt handelt mit der UdSSR den Moskauer Vertrag über einen Gewaltverzicht aus, der im August unterzeichnet wird. Er enthält den Passus, dass „die Grenzen aller Staaten in Europa als unverletzlich“ zu betrachten seien – 
die Grenze an Oder und Neiße ebenso wie die zwischen beiden deutschen Staaten. Auch wenn es so klingen mag – das sei 
keine Absage an eine Wiedervereinigung, versichert Brandts Außenminister Walter Scheel (FDP) am 12. August in einem 
Brief zur deutschen Einheit. In Erfurt spricht DDR-Premier 
Stoph im März mit Willy Brandt. Die Sympathie für den Kanzler am Verhandlungsort ist beachtlich – der Gesprächsertrag 
eher nicht. Dennoch beginnt nun ein deutsch-deutscher Verhandlungsmarathon, der bis ins Jahr 1974 reichen wird.


1971 Auf der schiefen Bahn

Walter Ulbricht kann sich der eigenen Leute, besonders der Partner in Moskau nicht mehr sicher sein. „Was will Walter mit der westdeutschen Sozialdemokratie? Was versteht er darunter, der Regierung Brandt zu helfen?“ – klagt KPdSU-Generalsekretär Breschnew im Juli beim inoffiziellen Treffen mit Erich Honecker in Moskau. Ulbricht ist unversehens auf die schiefe Bahn geraten, und es geht abwärts. Erst kassiert das Politbüro seinen Wirtschaftskurs, dann muss er am 3. Mai schwer gekränkt 
Erich Honecker zum Nachfolger ausrufen. Dabei bestätigt im September das Vier-Mächte-Abkommen über Berlin-West, Ulbricht hatte den richtigen Nerv für das Tauwetter zwischen Ost und West. Die Mauer bleibt zwar stehen, aber der Zugang nach Westberlin wie auch dessen Status sind nun vertraglich fixiert. Man besinnt sich auf alliierte Verantwortungen.


1972 Deutsch-deutsche Balance

Mit ihrem Grundlagenvertrag – er wird im Dezember unterschrieben – bescheinigen sich beide deutsche Regierungen, souveräne Staaten zu führen. Diese De-Facto-Anerkennung der DDR gilt freilich nicht für deren Staatsbürgerschaft. Am Willen, in Bonn wie in Ostberlin Ständige Vertretungen beim jeweils anderen einzurichten, ändert das nichts. Das sozialliberale Kabinett hat in drei Jahren Ostpolitik mehr erreicht als alle CDU geführten Regierungen in Bonn seit 1949. Beziehungen normalisieren, heißt nun auch, humanitäre Fragen lösen, Familien zusammenführen, Gefangene austauschen, einen kleinen Grenzverkehr betreiben. Was wäre davon geblieben, hätte sich die Union am 27. April 1972 im Bundestag mit einem konstruktiven Misstrauensvotum durchgesetzt und ihren Frontmann Rainer Barzel zum Kanzler gewählt?


1973 Paul und ich

„Wenn ein Menschen kurze Zeit lebt, sagt die Welt, dass er zu früh geht“, singt Dieter Birr von den Puhdys einer davonlaufenden Paula hinterher, die im Dunkel eines Ostberliner U-Bahn-Schachts verschwindet. Paula hat die Geburt ihres dritten Kindes nicht überlebt, teilt eine Off-Stimme mit. Dann ist die Leinwand weiß – Die Legende von Paul und Paula (gespielt 
von Winfried Glatzeder und Angelica Domröse) vorbei. DEFA- Regisseur Heiner Carow trifft mit seinem Spielfilm das Lebensgefühl einer Generation. Es sind die 20- bis 30-Jährigen, die es wagen sollen, nach dem kleinen großen Glück zu fragen. Egal, was „die Gesellschaft“ davon hält. Die tragische Liebes-geschichte zweier junger Menschen spart nicht mit subtiler Gesellschaftskritik, könnte bald auf dem Index stehen und läuft dann doch monatelang in ausverkauften Kinos.


1974 Gaus tritt an

Dank der deutsch-deutschen Verträge und der UN-Aufnahme 1973 entrinnt die DDR diplomatischer Isolation 
und unterhält inzwischen offiziellen Kontakt zu über 50 Staaten. Am 
20. Juni überreicht Günter Gaus als Ständiger Vertreter sein Beglaubigungsschreiben in Ostberlin. Gaus erinnert sich: „Brandt rief mich 
an und fragte, ob ich ihn besuchen wolle. Wenn ein Bundeskanzler 
einen Journalisten anruft, noch dazu jemand wie Willy Brandt, dessen Politik ich sehr schätzte, dann sagt man: Darf es vorgestern sein? Ich fuhr hin und wurde gefragt: ‚Wollen Sie erster Vertreter der Bundes-republik bei dem anderen deutschen 
Staat werden?‘“ Als Gaus antritt, 
heißt sein Oberster Dienstherr Helmut Schmidt (SPD), nicht mehr Willy Brandt. Der ist im Mai zurückgetreten, wegen der Affäre um 
den DDR-Spion Günter Guillaume.


1975 Dienstvorschrift 018/0/008

Für das Berliner Grenzgebiet gibt es nun einen 120 Kilometer langen Signalzaun, um auf Fluchtversuche schneller durch Fest--
nahmen reagieren zu können. Dessen ungeachtet sanktioniert Dienstvorschrift 018/0/008 den Gebrauch der Schusswaffe, die mit dem Ruf: „Halt, Grenzposten! Hände hoch!“ anzukündigen ist. Um diese Zeit schwankt die Zahl der Zwischenfälle an der gesamten DDR-Westgrenze zwischen 2.600 und 3.000 pro Jahr. An der Mauer kommen 1975 Herbert Halli (21 Jahre), Herbert Kiebler (23) und Lothar Hennig (21) ums Leben.
Dass trotz des Eisernen Vorhangs blockübergreifend gehandelt werden kann, zeigt die Unterzeichnung einer Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) am 1. August – 35 Staaten bekennen sich zum Gewaltverzicht, 
zu sicheren Grenzen sowie den Menschenrechten.


1976 Ende einer West-Tournee

13 DDR-Schriftsteller – darunter Sarah Kirsch, Christa Wolf, Volker Braun, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Stefan Heym und Heiner Müller – berufen sich auf Karl Marx und dessen 
18. Brumaire. Sie tun es in einem Brief, mit dem die SED-Führung gebeten wird, den ausgebürgerten Wolf Biermann zurück-zuholen. Man solle an das Marx-Wort denken, „demzufolge die prole-tarische Revolution sich unablässig selbst kritisiert“. So müsste „im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen“ ein unbequemer Dichter „gelassen nachdenkend ertragen“ werden. Biermann hatte – eingeladen vom DGB – am 14. Novem-
ber beim Konzert in Köln die proletarische Revolution in der DDR nicht „unablässig“, aber hingebungsvoll kritisiert. Als 
er vom Rauswurf erfährt, fühlt er sich als „Ost-Leiche auf West-
Tournee“, die nun viel länger dauert als ursprünglich gedacht.


1977 Klamm wie noch nie

Die DDR verbraucht mehr, als sie produziert – das Fazit eines Kassensturzes, der im März die ZK-Sekretäre Mittag und Schürer einen alarmierenden Brief an Erich Honecker schreiben lässt. Der Kernsatz: „Erstmals sind wir in akuten Zahlungsschwierigkeiten.“ Um fällige Kredite abzulösen, fehlen 3,6 Milliarden Valutamark. Die 1976 auf dem IX. SED-Parteitag bestätigte Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik bleibt den erhofften Leistungsschub schuldig und ist kaum mehr bezahlbar.
Jetzt rächen sich Importüberschüsse bei Getreide, Futtermitteln, Südfrüchten und Kaffee. Man könnte durch eine Exportoffensive für Abhilfe sorgen, müsste dafür aber den Warenfonds für die Bevölkerung schröpfen. In der DDR immer ein Politikum. 1961 war die Mauer ein Pressverband gegen das Ausbluten – die neuerliche ökonomische Auszehrung hält sie nicht auf.


1978 Held der DDR

Im Spätsommer wird in den DDR-Medien gefeiert, dass der erste Deutsche im Weltall aus dem eigenen Land kommt. Der damals 41-jährige Oberstleutnant Sigmund Jähn fliegt mit einem sowjetischen Sojus-Raumschiff zur Station Salut 6, bleibt sieben Tage, 20 Stunden und 49 Minuten im Kosmos, experimentiert mit der DDR-eigenen Multispektralkamera MKF 6 zur Fernerkundung der Erde, bevor er mit seiner Kapsel in der kasachischen Steppe aufschlägt. Schule und Schiffe werden bald nach Jähn benannt, der als erster den Titel „Held der DDR“ tragen darf. Nicht ganz, aber fast so berühmt wie der Kosmonaut wird die Arbeiterin Erika Steinführer aus dem Berliner Glühlampenwerk. Sie gibt die Losung aus: Jeder liefert jedem Qualität! Daraus wird kaum überraschend eine Kampagne um mehr Ertrag und Qualität.


1979 Wird man das nie los?

Die Schriftstellerin Christa Wolf hat seit dem 27. September 1960 jedem weiteren 27. September ein Tagesprotokoll gewidmet. Jahr für Jahr. Bis 1999. Am 27. September 1979, kurz vor dem 30. Jahrestag der DDR, notiert sie: „Aber woher eigentlich die unauflösbare Identifizierung mit diesem Land. Warum wird man die nie los? – Ich sage, wenn man es hätte loswerden wollen, wären Sarah Kirsch und Günter Kunert 
(zwei Schriftsteller, die wegen der Biermann-Ausbürgerung die DDR verließen – L.H.) nicht gegangen. Das ist es eigentlich, wovor sie fliehen mussten.“ – Im Dezember entscheidet die NATO, atomare Mittelstreckenraketen in Westeuropa zu stationieren, es soll eine Antwort auf die sowjetischen SS-20 sein. Auch 
die DDR gerät in den Sog erneuter, friedensgefährdender Ost- West-Spannung. Nichts kann sie weniger gebrauchen.

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Ihre Freitag-Redaktion

08:00 12.08.2011
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 37/2021

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