Die 80er Jahre

Mauerchronik Die Geschichte der Berliner Mauer bis zu ihrem Fall, im Zeitraffer dargestellt. Teil III, als mit der Perestroika gewohnte Koordinaten des Sozialismus abhanden kamen

1980 Absage

Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan Ende 1979 belastet deutsch-deutsche Gesprächskanäle, blockiert sie aber nicht. Ende August will Kanzler Helmut Schmidt in Rostock auf Erich Honecker treffen. Moskau ist wenig entzückt, Breschnew 
verlangt: „Mehr Abgrenzung zur BRD“. Daneben beeinflussen landesweite Streiks in Polen die Planungen. Plötzlich plädiert die DDR für den Verhandlungsort Hubertusstock bei Berlin. Schmidt besteht auf dem „Kleinstprogramm an der Ostsee“, Honecker will an den Werbellinsee. Schmidt sagt ab und im kleinen Kreis, man dürfte nicht der „anderen Seite ein Bühnenbild der Normalität“ liefern. Reaktion der DDR sind die Geraer 
Forderungen. Deren Tenor: „Mehr Abgrenzung zur BRD“.


1981 Brest-Litowsk

Die DDR-Führung ist schockiert. ZK-Sekretär Mussakow wird mit der Botschaft aus Moskau vorstellig, die jährlichen Erdöllieferungen würden um zwei Millionen Tonnen gekürzt, etwa 13 Prozent des bisherigen Bezugs. SED-Chef Honecker bietet, was er kann. Mehr Ausfuhren in die UdSSR zum Beispiel. Dass die DDR einen Teil ihres Öls auf dem Weltmarkt kaufen muss, gilt als Horrorvision. Im Gesprächsprotokoll findet sich der Honecker-Satz, man könne nicht verstehen, „warum wegen zwei Millionen Tonnen Öl die Existenz der DDR aufs Spiel gesetzt“ werde. Mussakow antwortet, man stehe in seinem Land wieder bei Brest-Litowsk, womit das Jahr 1918 und eine prekäre Wirtschaftslage gemeint sind. Der Sozialismus driftet in einen kritischen Zustand. In Polen hält er sich ab Dezember nur noch als Ausnahmezustand.


1982 Dantons Tod

Am 1. Oktober 1982 gibt es im Bundestag den Nachschlag zum 27. April 1972, also wieder das konstruktive Misstrauensvotum gegen einen SPD-Kanzler. Und diesmal wird Helmut Schmidt durch Union und FDP gestürzt, der CDU-Vorsitzende Kohl neuer Regierungschef. Der schließt einen Honecker-Besuch in Bonn nicht aus, nachdem Schmidt Ende 1981 doch in Hubertusstock vorsprach. Am Deutschen Theater in Ostberlin fasziniert derweil Alexander Langs grandiose Inszenierung von Georg Büchners Dantons Tod – das Drama über die Jakobiner-Diktatur von 1794 und die Frage, nach wie viel „blutigem Schweiß“ eine Revolu-tion riechen darf? Wie paradigmatisch ist Robespierres: „Die Waffe der Republik ist der Schrecken, die Kraft der Republik ist die Tugend – die Tugend, weil ohne sie der Schrecken verderblich, der Schrecken, weil ohne ihn die Tugend ohnmächtig ist ...“


1983 Tausche Grenze gegen ...

Als die DDR klamm ist wie noch nie, greift das Muster politische Konzession gegen finanzielle Kompensation wie noch nie. Mitte 1983 vermittelt Franz-Josef Strauß einen Milliarden-Kredit, für den die Bundesregierung bürgt. Erich Honecker hat Bayerns Ministerpräsidenten wissen lassen, man könne auch den RGW bitten, doch sei ihm der „Weg nach Westen“ lieber. Auch wenn jedes Junktim geleugnet wird, beginnt noch 1983 die Demontage der SM-70-Schussautomaten an der DDR-Westgrenze. Wurde nach 1961 die Grenze aufgerüstet, um ökonomisch überleben zu können, dient nun deren Abrüstung dem gleichen Zweck. Auch steigen nach dem Strauß-Kredit 1983 die genehmigten Ausreisen in den Westen von 7.729 auf 34.982 im Folgejahr. In die andere Richtung fährt Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow und trifft am 25. Oktober im Palast der Republik ein.


1984 Russland vogelfrei

Die UdSSR verliert in drei Jahren drei Parteiführer. Ende 1982 stirbt Breschnew. Nachfolger Andropow regiert nur 15 Monate, beerbt von Konstantin Tschernenko, der von Krankheit gezeichnet ins Amt kommt. Besonders Letzterem missfällt, 
dass die DDR-Führung beim Raketen-Konflikt mit der NATO so 
ostentativ auf „Schadensbegrenzung“ bedacht ist und die deutsch-deutschen Beziehungen gegen diesen Störfall immunisieren will. Nach Moskau zitiert, wird Honecker dringend gebeten, von einer Reise nach Bonn vorerst abzusehen. 
Am 11. August entscheidet sich US-Präsident Reagan bei einer Sprechprobe im Hörfunkstudio für die Sätze: „Liebe Amerikaner, es ist mir ein Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, dass ich ein 
Gesetz unterzeichnet habe, das Russland für vogelfrei erklärt. Wir beginnen mit der Bombardierung in fünf Minuten.”


1985 Mauerschneise – Stadtbrache

Am 13. Februar – 40 Jahre nachdem die Stadt im Bombenkrieg unterging – wird in Dresden die wieder erbaute Semper-Oper mit Webers Freischütz eingeweiht. Geladen ist Erich Honecker, der mit Ex-Kanzler Helmut Schmidt in der Ehren--
loge sitzt. Ausgebaut als Mauer 75 zieht sich inzwischen eine 43-Kilometer-Grenzschneise durch Berlin, die überall die gleichen Bestandteile vorweisen kann: Das „vordere Sperrelement“, eine vier Meter hohe Betonplattenwand mit Rundrohraufsatz. Es folgt der Kfz-Sperrgraben, der in einen Kontrollstreifen aus geharktem Sand übergeht. Ein Kolonnenweg dient als Piste für Fahrzeuge der Grenztruppen. Den Übergang zum Grenzhinterland bildet der Signalzaun, 
der bei Berührung Alarm auslöst. Schließlich steht als „hinteres Sperrelement“ die Hinterland-Mauer. In der Regel ist diese Brache 80 bis 100 Meter breit.


1986 Froh über Honecker

Der Reiseverkehr Bonn-Ostberlin sprengt alle Grenzen. Honecker wird neben Franz-Josef Strauß von Lambsdorff und Mischnick (FDP), Späth und Schäuble (CDU), Vogel, Lafontaine und Schröder (SPD) aufgesucht. Beim Treffen Honecker – Johannes Rau in Stockholm während der Trauerfeier für Premier Palme 
im März besteht der NRW-Ministerpräsident auf einem Foto mit dem DDR-Staatschef, „das er für den Wahlkampf brauche“. Wenige Jahre später wird 
keiner dieser Politiker einen Finger rühren, als der von ihnen in seiner Selbstüberschätzung bestärkte Honecker zur Unperson schrumpft. Dabei hatte Franz-Josef Strauß 1985 in München gegenüber DDR-Staatssekretär Schalck-Golodkowski erklärt, er und seine politischen Freunde seien „froh darüber, 
dass Erich Honecker als Staatsvorsitzender und Generalsekretär die Geschicke der DDR leitet“.


1987 Villa Hügel

So viel scheint sicher: Hätte Kanzler Kohl im September 1987 auch nur im Entferntesten mit dem Ende der DDR gerechnet, wäre der Honecker-Besuch in Bonn wohl ausgeblieben. Ebenso die Treffen mit 400 Wirtschaftsgrößen in Köln und mit Krupp-Manager Beitz in der Essener Villa Hügel, dem Walhalla der Konzern-Dynastie. Später 
ist viel über Honeckers damaligen spontanen Vergleich der deutsch-deutschen Grenze mit der Grenze DDR/Polen gerätselt worden. 
Ein Angebot zur Konföderation? Eine Gefälligkeit? Eine Floskel? Auch wenn die DDR-Führung in jener Zeit viel gegen aufgeheizte Ost-West-Verhältnisse tut, ignoriert sie doch die Erwartungen im eigenen 
Land. Die gelten nicht nur möglichen West-Reisen, sondern auch der Frage, ob man sich zu inneren Reformen aufraffen wird, wie sie gerade die Sowjetunion recht heftig erfassen?


1988 Gemeinsames Haus

Für Michail Gorbatschow verliert die DDR als Teil des sowjetischen Sicherheitsglacis an Wert. Die außenpolitische Perestroika folgt dem Zwang, die Konfrontation mit dem Westen zu beenden, weil es der UdSSR dazu an ökonomischer Kraft fehlt. Aus Moskau kommen Abrüstungsideen von ungeahnter Radikalität. Gorbatschow will ein Gemeinsames Haus Europa, das schlecht über eine schwer bewachte Mauer hinweg gebaut werden kann. Als er am 7. Dezember vor der UNO erklärt, die sowjetischen Verbündeten hätten das Recht, über ihre Zukunft selbst zu entscheiden, wird das als Hinweis auf einen Rückzug aus Mittel- und Osteuropa gedeutet. Gorbatschow-Berater Valentin Falin: „Anscheinend hielt Honecker das Signal für glaubwürdig, Gorbatschow oder Schewardnadse hätten bei ihrem Aufenthalt in den USA Ende 1988 die DDR abgeschrieben.“


1989 Mauer 2000

Westgrenze und Mauer scheinen so durchlässig wie nie. Im Vorjahr gab es 4,98 Millionen Reisen aus der DDR in den anderen deutschen Staat, davon 
1,2 Millionen für Bürger unterhalb 
des Rentenalters. Es wollen aber noch mehr raus. Weiter enden Fluchtver-suche tödlich, wie für den 20-jährigen Chris Gueffroy am 5. Februar. Umso fieberhafter wird am Projekt Mauer 2000 gearbeitet, einer High-Tech--Grenze ohne Schüsse und Tote, dafür mit Bewegungsmeldern, Infrarotschranken, einer grünen Hecke statt grauem Beton. Die DDR, so scheint 
es, möchte endgültig in Dornröschenschlaf versinken. Auch viele, denen dieses Land Herzenssache war, haben nun genug. Der Kredit ist verspielt – der kollektive Mauerdurchbruch 
am 9. November unaufhaltsam. 
Die Mauer 2000 wird nie gebaut. 
Das Wort des Jahres heißt nicht 40. Jahrestag, sondern: Wahnsinn!

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Ihre Freitag-Redaktion

09:00 13.08.2011
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 23/2021

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