Die Guten und das Böse

Terror Es wäre fatal, würde der Anschlag von Paris als Anlass für einen Clash of Cultures instrumentalisiert. Zu schnell ist die Rede von einer Kriegserklärung an den Westen
Die Guten und das Böse
Anschlag auf ein Geschäft in der Nähe einer Pariser Moschee
Jean-Philippe Ksiazek / AFP

Es ist das Nächstliegende, das Nachvollziehbare, das Unvermeidliche, aber auch Erschreckende an den Reaktionen auf das Attentat in Paris: Ein unbestimmtes Gefühl wird einmal mehr zur bestimmenden Gewissheit erhoben. Ausformuliert enthält es die Botschaft: Die Kulturnationen des Westens kommen um ihren Kreuzzug – eigentlich ihren Krieg – gegen totalitäre und menschenverachtende Muslime nicht mehr herum. Sie müssen ihn jetzt führen. Wann sonst?

Wer diesem fatalen Schluss entgegenhält, ihr führt diesen Krieg doch längst, und die Orte auf der Welt, an denen ihr das tut, werden immer zahlreicher, bekommt zu hören: Aber wir führen ihn gezwungenermaßen, und wir tun es nicht unerbittlich und effizient genug. Wir mussten durch die Bluttat von Paris einmal mehr erfahren, die anderen haben uns diesen Krieg erklärt, weil sie ihren Kreuzzug gegen die Ungläubigen führen und den Propheten rächen wollen.

Nicht nur religiöse Fanatiker

Es ist zu befürchten, dass diese komplementären Denkweisen nun mehr denn je in ebensolche Verhaltensmuster münden. Sie können durch eine verschreckte und verunsicherte öffentliche Meinung in Frankreich oder auch in Deutschland auf wachsenden Zuspruch rechnen. Was dann wohl heißt, dass man einen solchen Gegner nur mit seinen eigenen Waffen schlagen kann – gezieltes Töten auf beiden Seiten also.

Nicht nur religiöse Fanatiker brauchen Feinde, um ihre Ziele zu rechtfertigen, so wahnsinnig und verstiegen sie auch sein mögen. Man denke an den amerikanischen Präsidenten George Bush, der nach 9/11 Rache zur Raison d'être erhob und schwor: "Wir werden das Böse aus dieser Welt auslöschen.“ Das war ein so anmaßender wie messianischer Anspruch, der nach Afghanistan führte, woher gerade Tausende von Soldaten heimkehren, ohne das Böse ausgelöscht zu haben. Weil man dort selbst zu einem Teil des Bösen wurde und einen Gegner in seinem Überlebenswillen bestärkt hat.

Vielleicht ist derzeit nichts verhängnisvoller, als den Anschlag von Paris als Initialzündung und Legitimation für einen „Clash of Cultures“ zu deuten und zu instrumentalisieren. Wer von einer „Kriegserklärung an den Westen“ spricht, der eskaliert und sorgt im vorauseilenden Schicksalsspiel für Schlachtordnungen, denen zu entkommen schwerfällt. Der bringt die Täter von Paris in eine Rolle, in der sie sich selbst sehen, als Vollstrecker und Märtyrer, die ein Zeichen gegen eine kulturelle Hegemonie setzen wollten, die sie als vormoderne Zombies stigmatisiert und ihnen das Gefühl vermittelt, unerwünscht zu sein.

Vor einem Religionskrieg?

Nach 9/11 schrieb die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zur Erklärung des Vernichtungswillens und der hemmungslosen Grausamkeit der Attentäter von New York, Wut sei der Schlüssel. „Wer ist Osama bin Laden wirklich? Ich möchte es so formulieren: Er ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Außenpolitik und durch ihre Kanonenboot-Diplomatie verwüstet wurde, … durch ihre kühle Missachtung aller nicht-amerikanischen Menschenleben.“

Was heißt das heute für den Umgang mit muslimischen Menschenleben, wenn jeder zweite Franzose das Wort „Islam“ mit Fanatismus assoziiert? Es gibt gerade in diesem Moment eine immense Verantwortung, den Islam nicht mit Terrorismus gleichzusetzen, sondern Koexistenz anzubieten. Die Schwelle zum Rassismus ist schnell überschritten. Auch die zum Religionskrieg gerät schon in Sicht.  

13:07 08.01.2015
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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