Die Pleite der anderen

Coronabonds Die Deutschen wollen nichts abgeben. Sie haben sich ihre schwarze Null zu sauer verdient. Droht bei einem Kollaps der Eurozone die Rückkehr zur D-Mark?
Ausgabe 18/2020
Der Euro gebietet über ein eigenes Universum, das eigenen Gesetzen gehorcht – Virus hin oder her
Der Euro gebietet über ein eigenes Universum, das eigenen Gesetzen gehorcht – Virus hin oder her

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Fehlgeburten sind Totgeburten. Man muss sie nicht sterben lassen, das erledigt sich von selbst. Bei der Europäischen Währungsunion ist das seit jeher anders, weil der Euro trotz irreparabler Schäden zum Überleben verurteilt ist, seit er existiert. Und das vorrangig aus einem Grund – es handelt sich um ein politisches Projekt, das die ökonomischen Gesetze kapitalistischer Marktwirtschaften aussitzen zu können glaubt. Je unterschiedlicher die Leistungskraft daran beteiligter Staaten, desto unerbittlicher macht sich das bemerkbar.

Das Straucheln während der Finanzkrise 2010 bis 2012 war dafür kein Indikator, sondern der schlagende Beweis. Angela Merkels damaliges Diktum „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ war nicht Warnung allein, sondern Eingeständnis zugleich. Es enthielt die Botschaft: Der Euro gebietet über ein eigenes Universum, das eigenen Gesetzen gehorcht. Diese Existenzweise ist ihm angeboren. Der Euro stirbt, wird sie ihm verweigert.

Die Aufstockung der Währungszone auf inzwischen 19 Mitglieder, der Verzicht auf einen Rauswurf des Großschuldners Griechenland 2015, die monströsen Rettungsakte durch Kapitalfonds von bis zu 700 Milliarden Euro, mit denen vor zehn Jahren die Eurokrise eingehegt, aber nicht gelöst wurde – stets lagen alldem politische Entscheidungen zugrunde, die ökonomischer Rationalität bestenfalls ein Mitspracherecht einräumten.

Warum wird das ausgerechnet jetzt bei der Debatte über die Finanzierung eines EU-Wiederaufbaufonds für Italien, Spanien, Frankreich und andere ausgeblendet? Wieder einmal wird die deutsche Manie bedient, dass ein solcher Kapitalstock nicht auf gemeinschaftlichen Anleihen am Kapitalmarkt beruhen dürfe. Dadurch würde die Bonität Deutschlands über Gebühr strapaziert. Im Klartext heißt das: Leider wurde in Rom, Madrid oder Paris nicht so solide und sparsam gewirtschaftet wie in Berlin, wo man sich das Rettungsgeld für seine Corona-geschädigte Wirtschaft zu sauer verdient hat, als dass der Euro aus Deutschland in Europa leichtfertig verteilt werden dürfe. Es wird der fatale, weil fatal falsche Eindruck erweckt, römische Finanzminister hätten sich wie Epikureer ausgetobt.

Tatsächlich schwankt Italiens Neuverschuldung seit 2016 zwischen 2,1 und 2,5 Prozent. Sie liegt damit klar unter der vorgeschriebenen Defizitgrenze von drei Prozent. Sicher, das Vorbild Deutschland mit Haushaltsüberschüssen von gut einem Prozent im gleichen Zeitraum wird nicht erreicht. Was sich jetzt in Schulen und Pflegeheimen, die minimalen, Covid-19-gemäßen Desinfektions- wie Hygienestandards nicht genügen, eindrucksvoll auszahlt.

Und was würden eigentlich deutsche Bonität und Wirtschaftsmacht in der momentanen Lage ohne Euro anrichten? Wäre nicht damit zu rechnen, dass der D-Mark-Kurs in schwindelerregende Höhen schießt, weil an den Devisenmärkten alles in sichere Häfen drängt? Durch extrem verteuerte Ausfuhren gingen nicht nur Märkte in Asien, besonders in China, verloren, genauso träfe das auf Süd- und Osteuropa zu. In einer Krise wie dieser ist der Euro für den Makroexporteur Deutschland ein Lebenselixier.

Würde die Eurozone kollabieren, weil unter sehr viel prekäreren Umständen als im Jahr 2010 Eurostaaten mit der Kreditwürdigkeit die Zahlungsfähigkeit einbüßen, dann wäre die unausweichliche Rückkehr zur D-Mark verheerend. Scheitert der Euro, dann scheitert Deutschland. Das gilt nicht nur zu Corona-Zeiten.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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