Lutz Herden
14.02.2011 | 12:00 49

Die Revolution erreicht Europa

Boatpeople Die Flüchtlingswelle aus Nordafrika verschafft der EU eine Chance, all den revolutionären Traktaten zu Ägypten nun auch revolutionäre Taten folgen zu lassen

Man muss besorgt sein, ob die Revolutionen in Arabien der Rhetorik überhaupt gerecht werden können, mit der sie Politik und Medien im Westen großzügig beschenken. Das wortschwülstige Sympathisantentum mit dem Aufstand in Ägypten scheint sich für nichts zu schade. Ausgenommen die Erinnerung an eigenes Sympathisantentum mit dem per Staatsstreich in die Pension entsandten Präsidenten Mubarak. Es nehmen Leute das Wort Revolution in den Mund, die sich noch vor Tagen beim Wort Kommunismus am liebsten öffentlich übergeben hätten. Dabei ist – nicht nur historisch gesehen – „die Revolution“ häufig auf dem gleichen Parkdeck zu Hause wie „der Kommunismus“. Jener hinterließ im Übrigen nicht nur die vielbeschworene Blutspur, sondern auch einen konsistenten Revolutionsbegriff. Wollte sich die arabischen Realitäten unserer Tage dem andienen, würde den hiesigen Revolutionschronisten vermutlich weniger falsches Pathos in die Feder schießen. Revolutionen bleiben dann im Wort, wenn sie gesellschaftliche Verhältnisse radikal umwälzen wie in Frankreich 1789 oder in Russland 1917. Nichts dergleichen geschieht momentan in Ägypten.

Um so mehr darf sich Europa glücklich schätzen, wenn ihm unverhofft die Chance in den Schoß fällt, sich auf die Höhe der arabischen Umbrüche zu schrauben und den revolutionären Traktaten nun auch revolutionäre Taten an die Seite zu stellen. Dem alten Kontinent wird eine Art Revolutionsimport aus Nordafrika zuteil. Man muss jetzt nicht mehr für die „Massen auf dem Tahrir-Platz“ schwärmen, sondern kann ganz praktisch der Masse von Flüchtlingen helfen, die an europäischen Küsten stranden. Boatpeople aus Tunesien, die das andere Gesicht des Aufruhrs zeigen und zu verstehen geben, dass nichts ausgestanden, nichts vorbei, nichts wirklich besser ist, wenn sich die alte Macht als neue Regierung verkauft. Tausende suchen weiter nach einem menschenwürdigen Dasein, nach Arbeit und Wohlstand, wie ihnen das in ihrer Heimat verwehrt und der Aufstand bis auf weiteres schuldig bleibt. Es wäre humanitäre Pflicht, die Hilfesuchenden wenigstens vorübergehend menschenwürdig aufzunehmen und nicht auf dem Hafen-Asphalt von Lampedusa ausharren zu lassen. Warum entlädt sich der medial revolutionäre Furor der vergangenen Tage nicht in einer konzertieren Hilfsaktion der Europäischen Union, weil Italien allein den Ansturm nicht allein schultern kann? Es wäre an der Zeit für die „revolutionäre Mission“ in eigener Sache.

Kommentare (49)

nelesjoe 14.02.2011 | 15:34

Also, "wortschwülstige (s) Sympathisantentum" habe ich in der hier suggerierten Ausschließlichkeit in den Medien nicht finden können. Dort sind durchaus unterschiedliche, oft auch skeptische Meinungen zu diesem Thema formuliert worden.

Wahrscheinlich ist der Begriff "Revolution" zu hoch gegriffen. Aber das etwas in diesen Ländern passiert, was über spontane Unruhen hinausgeht, läßt sich meiner Meinung nach nicht leugnen.

Insofern verstehe ich den vorwurfsvollen Unterton nicht, den dieser Arikel auszeichnet.

Kein Mensch weiß, wie es weitergehen wird. Aber ob das jetzt ein Grund ist, Flüchtlingen aus Tunesien zu unterstellen, aus tiefstem Elend heraus in die EU zu fliehen, bezweifele ich.

Vielleicht wird einfach nur die Gunst der Stunde genutzt. Warum sollen diese Flüchtlinge also nicht zurück geschickt werden?

Wie soll überhaupt das Problem zu erwartender Flüchtlingswellen angegangen werden? Reicht da der gutherzige Anspruch aus, einfach nur helfen zu wollen?

Wie geht man damit um, dass die meisten Menschen nur bis zu einem gewissen Grad hilfsbereit sind? Ist die Erkenntnis, dass nicht allen geholfen werden kann, nur deswegen falsch, weil sich darin auch ein verständlicher Egoismus ausdrückt?

Aus welchen Gründen auch immer Menschen zu uns kommen wollen, alle können doch nicht aufgenommen werden.

Ich glaube, dass man das akzeptieren muss. Vielleicht lassen sich so auch andere Wege finden, zu helfen. Mit der Moralkeule ist noch niemand weitergekommen.

Die Moral der Menschen ist endlich. Kommunisten kapieren das nicht, deswegen funktioniert ja auch nicht!

Ist nur meine Meinung!

Chris Kopen 14.02.2011 | 15:36

Danke für den Kommentar! In der Tat sollte man jetzt darauf pochen, den Flüchtlingen eine Chance auf Leben und Sich-Bewegen zu geben.

Ich bin allerdings - verzeih den Pessimismus - gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass die europäische Politik in diesem Fall aus Worten Taten machen könnte.

Zu sehr haben sich doch die kommentierenden Politiker (Obama sicher, aber auch Westerwelle) immer nur so weit zustimmend über die Vorgänge geäußert, dass sie im Falle eines reaktionären Umschwungs in Tunesien oder Ägypten nicht von ihren eigenen Worten unter Zugzwang gesetzt wären.

Weniger Zustimmung hätte ihr Image im Inland verschlechtert. Mehr Zustimmung hätte eine aktive Rolle in diesem Prozess bedeutet, die offenbar fast alle Beteiligten abgelehnt haben.

Maria Jacobi 14.02.2011 | 17:06

Nun haben sie in Tunesien ihre Revolution gehabt - unter dem Beifall der herrschenden Klasse der EU und ihrer Journaille. Der Diktator ist weg, die große Freiheit ist da. Es wäre jetzt an der Zeit, dass alle (oder fast alle!) Tunesier in die Hände spucken, so wie unsere Eltern und Großeltern 1945 in Deutschland und anfangen, eine neue, bessere Gesellschaft aufzubauen. Aber was machen sie? Sie setzen sich scharenweise in Boote und glauben, hier in der EU Fleischtöpfe vorzufinden. Wer will es mir verdenken, wenn ich nicht an die Mär glaube, das Ziel der "Revolution" in Tunesien sei Demokratie gewesen? Vielleicht war man nur daran interessiert, Reisefreiheit nach Europa zu erlangen?

Nietzsche 2011 14.02.2011 | 18:46

Ich denke, dass es hier um verschiedene gesellschaftliche Schichten geht. Ich verweise auf die Ereignisse 1989 in der DDR - die Initiatoren der Proteste stammten zum größten Teil (auch im Verhältnis zur Sozialstruktur der DDR) aus der Intelligenz oder Künstlerschaft. Uns ging es mehrheitlich nicht um Bananen und die D-Mark. Nach der Kohl-Rede in Dresden wandelte sich das Bild der Demonstrationen - jetzt ging es um die "Fleischtöpfe". Ich denke, dass sich dieser Verlauf auch in den arabischen Ländern verfolgen lässt.

j-ap 14.02.2011 | 19:16

»Jener hinterließ im Übrigen nicht nur die vielbeschworene Blutspur, sondern auch einen konsistenten Revolutionsbegriff.«

»Konsistenter Revolutionsbegriff« soll heißen: 1798 gab's Revolution, 1917 auch, die Pariser Kommune fällt natürlich wie immer unter den Tisch, dafür wird Leninismus umstandslos mit Kommunismus gleichgesetzt und Revolution technisch definiert als bloß »radikale Umwälzung«, der es völlig schnurz ist, ob dabei die Emanzipation überhaupt noch eine Rolle spielt oder die Macht eben eben bezeichnenderweise nicht abgeschafft, sondern wie 1917 nur von anderen Herren als den bisherigen angeeignet wird.

Was hat das mit den Boatpeople zu tun? Gar nichts. Denn wer sich um die kümmern wollte, der müßte zunächst einmal die Herden'sche Hagiographie hinter sich lassen und sich fragen, weshalb es Boatpeople überhaupt gibt: weil sie, wie ca. 80% der afrikanischen Bevölkerung, fürs Kapital schlichtweg nicht nötig sind.

Bernd Marnet 14.02.2011 | 19:48

Ich stimme zu, das Europa durch die Flüchtlingsströme eine direkte positive Wirkung auf Post-Ali-Tunesien haben könnte, die den Amerikanern, Russen und Chinesen fehlt. Ob diese Chance genutzt werden wird, das ist mehr als zweifelhaft. Alleine Merkel entlarvt sich wieder einmal: den Umbruch begrüßen wir -solange die Bärtigen zuhause bleiben. Ekelhaft.

j-ap 14.02.2011 | 20:24

Nein, nicht sicher. Das ist ganz grob über den Daumen gepeilt. Wahrscheinlich sind's aber eher 90-95%.

Dieser Umstand als solcher — und nämlich nicht erst dann, wenn er als Floßbesatzung auf Lampedusa zum Vorschein kommt — ist ein ganz entscheidender Imperativ, über den Kapitalismus und vor allem: seine Abschaffung (und nicht seine moralische Aufhübschung, zB via Entwicklungshilfe usw.) nachzudenken.

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mabli 14.02.2011 | 20:46

@ Maria Jacobi schrieb am 14.02.2011 um 16:06

Dass jetzt vermehrt Flüchtlinge nach Europa kommen, als Argument gegen die Aufstände zu nehmen, finde ich ehrlich gesagt etwas perfide.
Dass in den Ländern die ökonomische Situation sehr schlecht ist und die Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben alle Risiken und Gefahren in Kauf nehmen und sich nach Europa aufmachen ist doch erstmal durchaus legitim und verständlich. Und die soziale und wirtschaftliceh Situation der Menschen dort wird sich druch einen Regierungwechsel alleine nicht verbessern. Auch nicht dadurch, dass die Leuet die Hemdsärmel hochkrempeln. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es so etwas wie einen Marshall Plan, da flossen also erhebliche Gelder. Und wenn die Strukturen der internationalen oder transnationalen Politik der Weltbank und des IWF sich nicht ändern, werden es die Länder schwer haben wirtschaftlich auf die Beine zu kommen.
Und wenn wir mal über den nationalen/europäischen Tellerrand schauen, könnten wir uns vielleicht fragen, was eine deutsche oder europäische Politik für einen Anteil an der Verelendung und Marginalsierung breiter Bevölkerungsteile außerhalb Europas hat.
Es geht mir hier nicht um eine Schuldfrage oder das Absprechen von Selbstverantwortung und Handlungsfähigkeit seitens der nordafrikanischen Staaten, als vielmehr um eine historische, politische Analyse aus einem transnationalen Blickwinkel.

khad 14.02.2011 | 21:09

@Maria Jacobi

"in die Hände spucken, so wie unsere Eltern und Großeltern 1945 in Deutschland und anfangen, eine neue, bessere Gesellschaft aufzubauen."

Glauben Sie wirklich daran, dass nur durch in die Hände spucken etwas aufgebaut wurde?
Wenn Sie alle Umstände betrachten, die für D`s
Aufschwung damals maßgeblich waren, können Sie das schwer mit Tunesien oder einem sonstigen afrikanischem Land vergleichen.

nelesjoe 14.02.2011 | 22:24

"Ich stimme zu, das Europa durch die Flüchtlingsströme eine direkte positive Wirkung auf Post-Ali-Tunesien haben könnte, die den Amerikanern, Russen und Chinesen fehlt."

Den Satz verstehe ich nicht.Was für eine positive Wirkung und wieso fehlt die den Amerikanern, Russen und Chinesen?

Und was ist an den Statements von Merkel ekelhaft? Merkel redet halt so, wie Politiker reden. Sie weiß vleilleicht, dass die meisten Deutschen, wenn nicht Europäer, von der Aussicht auf Flüchtlingsströme nicht begeistert sind.

Dass muß in Rechnung gestellt werden, wenn die Politik sich dem Thema stellen will. Ob sie das kann, ist vielleicht zu bezweifeln.

Aber die Lösung liegt bestimmt nicht darin, jetzt die Tore sperrangelweit auf zu machen, und unkontrolliert alle rein zu lassen.

Wer die Schuld für die Zustände in diesen Ländern nur im Westen sieht, ist mindestens auf einem Auge blind.

Aus dem Sumpf müssen sich die Länder schon selber ziehen, auf den Westen sollten sie sich nicht verlassen.

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mabli 14.02.2011 | 22:39

@ nelesjoe

Wer die Schuld für die Zustände in diesen Ländern nur im Westen sieht, ist mindestens auf einem Auge blind.

Nur um ihre Position besser zu verstehen. Denken Sie der Westen ist nicht in der Lage den Menschen in diesen Ländern zu helfen oder denken Sie, die sind selber schuld und müssen sich deswegen selber aus diesem Sumpf ziehen.
Über den ersten Teil könnte man diskutieren. Wer die zweite Position vertritt ist mindestens genauso auf einem Auge blind, wie sie es in dem oben zitierten Satz der entgegen gestzten Position unterstellen.

Bernd Marnet 14.02.2011 | 22:43

Was ich meine, ist das ein würdiger Umgang mit den Flüchtlingen vonnöten ist und Hilfen, die umfassend auf die Verbesserung der Lebensumstände der Menschen gekoppelt sind. Da die Boatpeople in Europa ankommen und nicht in Florida, Moskau oder Peking, könnte eine umsichtige Außenpolitik durch solche Hilfe eigenständig vorgehen. Stattdessen lassen sich unsere Politiker von korrupten Regimen den Urlaub sponsern, um nur ein Beispiel zu nennen. Dementsprechend tragen wir natürlich eine gehörige Mitschuld an den miserablen Leben dort: das heisst natürlich nicht, das die Regime und ihre Nutzniesser entschuldigt seien.

GeroSteiner 14.02.2011 | 22:44

Es gibt in der medialen Berichterstattung ganz offensichtlich gute und schlechte Revolutionen.

Eine gute Revolution liegt vor, wenn man sie für die eigene Propaganda vorteilhaft nutzen kann. Bei einer schlechten Revolution muss man womöglich auch noch selber was dafür tun, dass sich was ändert - also außer darüber berichten.

Während Angela Merkel (CDU) am Montag in Berlin zu dem gewagten Schluss kommt, dass auch auf EU-Ebene darüber gesprochen werden müsse, wie der Rechtsstaat in dem nordafrikanischen Land gestärkt werden könne, entblödet sich Außenwelle Guido Westerminister nicht, die Einführungsworte des neoliberalen Grundkurses zu sprechen: «Die beste Antwort auf die Flüchtlingsströme ist, dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht aus Not und Armut das eigene Land verlassen.»
Komisch, dass da in Tunesien keiner drauf gekommen ist.

Das dahinterstehende Kalkül ist so einfach, wie durchsichtig: Bis die alle über die Alpen sind, hat sich das Problem von allein erledigt.

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Ehemaliger Nutzer 14.02.2011 | 23:15

Die EU hat jetzt eines der Probleme, welches sie unbedingt vermeiden wollte - die verstärkte illegale Migration von afrikanischen und arabischen Flüchtlingen über Nordafrika. Die Diplomatie mit den Despoten arabischer Staaten ist nun weggefallen und damit auch die Grenzen nach Europa. Eines ist sicher - die EU muss Ägypten und Tunesien bei der Demokratisierung unbedingt unterstützen, sonst drohen weitere Gefahren:
2010sdafrika.wordpress.com/2011/01/22/tunesiens-zukunft-fouad-mebazaa/

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mabli 15.02.2011 | 00:17

Die Diplomatie mit den Despoten arabischer Staaten ist nun weggefallen und damit auch die Grenzen nach Europa. Eines ist sicher - die EU muss Ägypten und Tunesien bei der Demokratisierung unbedingt unterstützen, sonst drohen weitere Gefahren.

Können sie das etwas näher ausführen? Wieso ist mit dem Sturz von Ben Ali und Mubarrak die Grenze weg gefallen? Und warum muss der Westen die Demokratisierung unterstützen? Welche Gefahren
drohen ansonsten?

nelesjoe 15.02.2011 | 01:12

Hallo Mabli,

der Westen hat andere Interessen als der Maghreb. Dieser müsste sich erstmal vom Westen emanzipieren, um eigene Interessen formulieren zu können. Ob der Westen dabei hilft, wage ich zu bezweifeln. Der Maghreb muss sich also selber helfen.

Ich habe nicht gesagt, dass der Maghreb seine Misere ausschließlich selber verschuldet hat, aber seinen Teil hat er dazu beigetragen. Korrupte Eliten, kulturell rückständige Bevölkerungen. Das gehört alles dazu
Jetzt, wo ein Anfang gemacht wurde, kann aber nicht die Lösung sein, dass die Leute nach Europa fliehen.
Die müssen ihre Probleme bei sich selber lösen.

Querdenker 15.02.2011 | 12:25

Endlich wieder "Boatpeople"! Das feuchte Lieblingsthema des Wohlstandslinken. Jetzt auch noch mit dem schönen Etikett "Revolutionsimport" aus Nordafrika. Wer soll hier eigentlich wem helfen, Herr Herden?

Ja, es wäre humanitäre Pflicht, die Flüchtlingen nicht auf dem Hafen-Asphalt von Lampedusa ausharren zu lassen - sondern jedem symbolisch einen Baum, einen Ziegelstein und einen Spaten in die Hand zu drücken und zurück nach Tunesien zu schicken.

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Ehemaliger Nutzer 15.02.2011 | 12:47

Sagen Sie mal, Lutz Herden, sind Sie wirklich der Überzeugung, dass diese sogenannten Revolutionen ein Segen sind, wenn die Getriebenen vor diesen Revolutionen flüchten? Eigentlich sollten diese doch froh sein, der Unterdrückung und der Willkür endlich entledigt zu sein.
Was soll den hier geschehen? Offen gestanden halte ich Sie für einen linksilusionistischen Opportunisten, perspektivlos oder wie jemand hier zum Ausdruck brachte: Eine saturierte Gesellschaftsgestalt in rötlichem Gewand

Lutz Herden 15.02.2011 | 13:37

Das ist ja ganz allerliebst, was Ihnen da Ihr analytischer Scharfsinn im Schutze des Pseudonyms diktiert hat. Wenn Sie sich der Mühe unterziehen könnten, meinen Text genau zu lesen, würden sie finden, dass ich nirgendwo die These vertrete, dass es in den betreffenden Ländern Revolutionen gegeben hat, sondern Aufstände und Aufruhr. Ich verweise auf den Kommentar vom Sonntag "Der König als Bauernopfer", bei dem ich die Kräfte der Restauration in Ägypten benenne. Kurzum, wenn ich nicht von "Revolutionen" schreibe, kann sie auch nicht als Segen beschreiben.

claudia 15.02.2011 | 15:24

>>Uns ging es mehrheitlich nicht um Bananen und die D-Mark. Nach der Kohl-Rede in Dresden wandelte sich das Bild der Demonstrationen - jetzt ging es um die "Fleischtöpfe".
Man könnte daraus lernen, dass die "Fleischtöpfe" nicht so wohlgefüllt sind, wie die Propaganda es mit Phantasien von "blühenden Landschaften" den Menschen vorgaukelt.

Lebensqualität könnte ja auch darin bestehen, dass man nicht mehr länger der hin-und hergebeutelte Untertan sein will, dem Mächtige mal einen "Fleischtopf" hinstellen, wenn sie das gerade für taktisch richtig halten. Und ihn sofort wieder wegnehmen, wenn sie es nicht mehr für nötig halten.

Alien59 15.02.2011 | 15:53

Ich denke, das ist ein Punkt: in Libyen kommen die Einnahmen aus dem Öl - auch im Gegensatz zu Algerien - einer größeren Zahl an Einwohnern zugute. Als es kürzlich dort auch Demonstrationen gab, ging es, soweit mir bekannt wurde, nicht um Brot, sondern um Wohnungen.
Ich rechne in Libyen, trotz aller Missstände, nicht mit einer ähnlichen Revolte. Ghaddafi hat einiges anders gemacht, auch wenn er genau so ein Diktator ist.

derDonnerstag 15.02.2011 | 16:22

Auch wenn das alles polemisch gemeint sein sollte, frage ich mich doch, was "revolutionär" daran sein sollte, die "Boatpeople" in Europa aufzunehmen.
Das sind Menschen, die in ihrem Land keine Perspektive sehen und verständlicherweise ihr Heil in der Auswanderung suchen. Diese Chance hat sich ihnen nun als Nebeneffekt der "Revolution" geboten, da die Übergangsregierung offenbar die Grenzsicherung vernachlässigt hat.
Wirtschaftliche Probleme und Perspektivlosigkeit sind allerdings nicht auf Tunesien beschränkt. Italien z.B. leidet selbst unter einer enorm hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Würde die EU nun die tunesischen Flüchtlinge aufnehmen, und sei es vorübergehend, welches Zeichen würde damit gesetzt? Wenn dies nun in Tunesien und anderen Ländern als Ermutigung verstanden werden sollte und der Flüchtlingsstrom weiter anschwillt, was dann, wie weiter?
Für die Flüchtlinge selbst wäre es natürlich super, in einem EU-Land zu leben, auch wenn sie dort genauso wenig wie in Tunesien einen Job finden. Nur wem ist sonst damit geholfen und wer zahlt die Zeche dafür? Und warum sollten nur Tunesier bei uns aufgenommen werden, warum nicht einfach jeder, der kommen will, auch ohne vorangegangene "Revolution" bzw. "Aufruhr", was mit der Sache ja, wie gesagt, ohnehin nur am Rande etwas zu tun hat.

zweiminus 15.02.2011 | 19:06

Mir ist unklar, warum Lutz Herden von "Flüchtlingen" spricht. Er weckt damit Assoziationen, die unangebracht sind. Die jungen Tunesier flüchten nicht vor politischer Gewalt (dann hätten sie Anspruch auf unsere Hilfe), sondern sind Einwanderer, die in Europa eine bessere wirtschaftliche Zukunft suchen. Das ist nicht ehrenrührig, doch sind wir weder moralisch verpflichtet noch in der Lage, alle Menschen aufzunehmen, denen es schlechter geht als uns.

thbode 15.02.2011 | 23:01

Ist es so schwer einfach mal die Fakten anzuerkennen, und nicht zu versuchen diese stets so zu drehen daß sie zur eigenen Ideologie passen?
1. Es gibt unzählige Menschen außerhalb von Europa die gerne aus wirtschaftlichen Gründen rein wollen. Viel mehr als jemals integriert werden können.
2. Wirtschaftliche Gründe sind nicht unethisch, aber es sind keine Asylgründe.
3. Die Asylgesetze müssen Verfolgten vorbehalten bleiben, schon in deren Interesse.
4. Wenn aus sonstigen Gründen größere Immigration zugelassen werden soll, sollte es hierfür eine stichhaltige Begründung und ein Konzept geben.
5. Einfach nur mal ein paar Tausend planlos reinlassen um zu demonstrieren dass man "human" ist, ist verantwortungslos und löst die globalen Probleme nicht im Mindesten.
Glaubt man denn daß ein 20jähriger Tunesier seine Erfüllung findet wenn er in Deutschland den Rest seines Lebens HartzIV beziehen darf?
6. Diejenigen die solche Forderungen stellen gehen meist davon aus daß sie selbst nicht die Zeche dafür zahlen. Das tun nämlich die "sozial Schwachen" hier, die jetzt schon missachtet am Existenzminimum leben und sich die immer weniger zur Verfügung stehenden Sozialwohnungen und Leistungen teilen müssen.
7. Dass jetzt Tausende Tunesier unterwegs sind hat nichts zu tun mit "Der Revolution" an sich, sondern den verringerten Kontrollen dort. Wenn Politiker alles rhetorisch zu Halbwahrheiten verdrehen ist das schon unerträglich genug. Also bitte nicht: der Anstand gebietet es "den Flüchtlingen" zumindest "vorübergehend" Aufnahme zu gewähren.
8. Wenn es zum strategischen Staatsziel erklärt wird, und dafür Multimilliarden bereit gestellt werden um viele Tausend Immigranten nach Deutschland zu holen, ist das fein. Aber dann muss das Geld dafür bei den Besserverdienern, der Bundeswehr, dem Beamtenapparat usw. geholt werden. Um Ausbildung, Unterkunft und Perspektiven bieten zu können.
So einfach ist, und damit könnte das Gequackel beendet werden ;-)

GeroSteiner 15.02.2011 | 23:13

Ja; in Ordnung. Diese langfristige Strategie darf aber nur von innen - aus dem Volk heraus - kommen. Da braucht es keinen externen, der weiß, was alle wollen oder besser zu wollen haben.
Die größte Hürde wird sein, dass die Rahmenbedingungen für eine funktionierende Volkswirtschaft ohne Partner, ohne Kreditgeber, ohne funkionierende Märkte, ohne eine für die Volkswirtschaft passende Rohstoffversorgung nicht funktionieren wird. Möglicherweise ist genau dass eine Ursache für die Verzweiflung.

j-ap 15.02.2011 | 23:27

»Und das ganze Emanzipationsgerede ist leider bestenfalls utopisch und politikfremd.«

Ja eben, Herr Herden: Wo der Wahn des Politischen um sich greift wie sonst nichts, dort ist die Herrschaft immer fein raus, insbesondere dann, wenn sich sogar diejenigen, die von der Revolution schreiben, nichts anderes darunter vorstellen können als »Machtfragen«, die nur ja nicht »ausgeklammert« werden sollen.

Sollen sie ja auch gar nicht. Die Macht soll nicht ausgeklammert, sondern abgeschafft werden. Das wäre Kommunismus.

Der Rest ist Konterrevolution, und die sitzt Ihnen so sehr am Leibe, daß Sie sie noch nicht einmal erkennen.

GeroSteiner 15.02.2011 | 23:27

@zweiminus

Kommt immer auf die Perspektive an.

Würde der Kommentar auch so borniert aussehen, wenn Sie in ähnlicher Situation in Amerika nicht aufgenommen würden, weil es weder für Sie noch Ihre Kinder eine Perspektive gäbe, wenn es nicht mehr für das tägliche Brot reicht?

Einwanderer, die eine bessere wirtschaftliche Zukunft suchen? Wir sind moralisch nicht verpflichtet Menschen aufzunehmen, die flüchten? Moralisch? Wieso moralisch?

Das ist doch angewandter Sarrazinismus!

Die Moral ist für den Arsch, wenn es ums Überleben geht. Schon mal gefragt, wie verzweifelt man sein muss, um so eine (gefährliche) Bootsfahrt ins Ungewisse auf sich zu nehmen?

derDonnerstag 16.02.2011 | 01:39

@GeroSteiner
Menschen, bei denen es wirklich ums Überleben geht, haben i.d.R. nicht das Geld für so eine Bootstour. Die verhungern irgendwo in der Sahelzone oder in Nordkorea.
Das soll nicht heißen, dass ich die Motive der "Boat People" nicht verstehen könnte oder gar verurteilen würde.
Im Übrigen: Mir ist kein Land bekannt, das grundsätzlich jeden aufnimmt, der gerne einwandern möchte. Nach Ihrer Definition herrscht also auf der ganzen Welt der "Sarrazinismus".