Dornenkrone für den Märtyrer

Armer Chodorkowski Nicht die Justiz, sondern eine Wahrheitskommission sollte offenlegen, wie marktwirtschaftliche Radikalität Russland nach 1991 geschadet und Oligarchen gezeugt hat

Wer ein guter Demokrat und damit Erzieher des russischen Premiers Putin ist, fühlt dieser Tage mit Michail Chodorkowski. Es gilt als ausgemacht, dass der als Justizopfer eine Jagdtrophäe des rachsüchtigen Autokraten Putin ist. Dem darf man durchaus zutrauen, dass er Chodorkowskis Skalp gern am Gürtel tragen würde, stünde er nicht unter strenge Beobachtung des Westens und der grünen Russland-Expertin Marielouise Beck, die ihm mit vereinten Kräften die schlimmsten Wildheiten austreiben.

Wer freilich Chodorkowski wie einen Märtyrer heiligt, sollte genau überlegen, wem da die Dornenkrone aufs Haupt gesetzt wird. Die Schar der Sympathisanten läuft Gefahr, sich zum Anwalt einer brachialen Privatisierung in der ersten Hälfte der neunziger Jahre zu machen, als Oligarchen wie Chodorkowski russisches Volksvermögen zu Dumpingpreisen und unter teils kriminellen Umständen erwarben. In jener Zeit avancierte der Ölkonzern Yukos zum größten innerrussischen Monopolisten. Es lohnt sich, gelegentlich darüber nachzudenken, wodurch und weshalb ein Öl-Mogul wie Chodorkowski innerhalb weniger Jahre zum Eigentümer eines in Milliarden Dollar zu messenden Vermögens werden konnte. Hier fand eine räuberische Aneignung statt, die jenem archaischen Kapitalismus auf den Leib und wie aus dem Gesicht geschnitten war, dem Russland unter dem im Westen – trotz gelegentlicher Eskapaden – wohlgelittenen Präsidenten Jelzin verfiel. Yukos wurde zeitweilig so stark, dass der Konzern Staat und Regierung machtlos aussehen ließ, als 2002 der Verkauf von Unternehmensanteilen in einer Größenordnung von bis zu 40 Prozent an den westlichen Öl-Multi Exxon auf der Tagesordnung stand. Russland drohte auszubluten und strategische Ressourcen einzubüßen. Das Land hätte sich unter Umständen das ökonomische Rückgrat brechen und seiner sozialen Leistungsfähigkeit berauben lassen, wäre Chodorkowski nicht Ende 2003 Einhalt geboten und bald darauf Yukos zerschlagen worden.

Es könnte sein, dass energisches Handeln der russischen Justiz – aber eben auch des Präsidenten Putin– seinerzeit Europa ein instabiles, von Unruhen erschüttertes Russland erspart hat, das den Ausverkauf seiner natürlichen Reichtümer durch kaum etwas hätte kompensieren können. Natürlich wird an dem einst so mächtigen Chodorkowski seit der Verhaftung ein Exempel statuiert, auf Abschreckung gesetzt und der Justiz aufgebürdet, was politisch aufgearbeitet zu werden verdient. Etwa durch eine Wahrheitskommission, die schonungslos offenlegt, wie verheerend und überstürzt Russlands marktwirtschaftliche Metamorphosen durch die Radikalreformen nach 1991 ausfielen. Und zu wessen Lasten sie gingen. Aber Chodorkowski deshalb mit einem Freispruch wegen erwiesener Unschuld auszustatten, käme Realitätsverleugnung gleich. Erstaunlich, wie die sich in Deutschland immer dann einstellt, wenn die antirussischen Affekte genauso schwer beherrschbar sind wie Russlands archaischer Vulgärkapitalismus in den frühen neunziger Jahren.

Wer sich für Menschenrechte und Demokratie ins Zeug legt, sollte Besseres zu tun haben, als einem Oligarchen wie Chodorkowski die Dornenkrone aufs Haupt zu setzen und sich an verschlissene Russland-Klischees zu halten. Ans Kreuz geschlagen ist der Mann nicht.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:05 03.01.2011
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 42/2021

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