Durch eine See von Plagen

Afghanistan Die Nachfolgemission der NATO in dem umkämpften Land wirkt wie eine Kapitulation auf Raten
Durch eine See von Plagen
Irgendwie alleingelassen: Soldaten der Nationalarmee

Bild: Thomas Peter/Reuters

Die Frage, „ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden“, konnte Hamlet nicht beantworten. Sie trieb den Prinz von Dänemark zu verwegener Tat, in Wahnsinn und Untergang.

Wozu hat sich die NATO in Afghanistan durchgerungen? Ist es geraten, sich mit der Einsicht zu bescheiden, dass ein „wütendes Geschick“ lieber erduldet als bekämpft sein will? Dass man einer "See von Plagen“ besser entsteigt, als darin zu ertrinken? Wer glaubt, die Entscheidung sei mit der Nachfolge-Mission Resolute Support schon gefallen, könnte voreilig urteilen. Ein Restbestand von 13.000 Soldaten ist sicher ein signifikantes Potenzial, doch ohne strategische Relevanz. Will heißen, damit lässt sich kein Krieg, schon gar kein asymmetrischer, mehr führen, geschweige denn gewinnen. Wenigstens ein jäher Absturz der Landes in Anarchie und Bürgerkrieg aufhalten?

Auf jeden Fall sollte Mut haben, die Gabe zum Autismus besitzen und vorzüglich bezahlt sein, wer als NATO-Soldat über den 31. Dezember 2014 hinaus in Afghanistan bleibt. Wäre man nicht am Hindukusch, sondern in der Finanzwelt, ließe sich dem Unternehmen Resolute Support bescheinigen, so etwas wie der „Lender of Last Resort“ zu sein – ein Kreditgeber der letzten Zuflucht. Auch wenn völlig offen ist, ob der eher bescheidene militärische Kredit (ein anderer ist nicht in Sicht) der Kabuler Administration das politische Überleben sichert.

Rasend wie Naturgewalten

Die künftige NATO-Präsenz in Kabul, Bagram, Masar-i-Scharif, Herat, Kandahar und Jalalabad könnte auf verlorenem (Rest-)Posten stehen und ein Bollwerk gegen Mächte bilden, die sich rasend aufbäumen wie Naturgewalten, ohne dass es die Taliban sein müssen, von denen sie geweckt werden. In dieser „See von Plagen“ schwimmt die Zeit ganz oben und voraus. Für die International Security Assistance Force(ISAF) kommt der Abzug spät und doch zu früh. Hält man sich vor Augen, was der 2011 von Präsident Obama abgesegnete Übergang von der Counter-Insurgency- zur Counter-Terrorism-Strategie bewirken sollte – den Taliban die Fähigkeit zu nehmen, Regierungen zu stürzen –, dann müssten die internationalen Streitkräfte ausharren.

Die Dschihadisten sind nicht besiegt. Ob geschwächt, wird sich zeigen. Sicher, vorerst können die Taliban Kabul nicht erobern wie 1996. Aber das Land oder Teile davon in unregierbare Zustände versetzen, das vermögen sie durchaus. Keine Afghanistan-Studie, die nicht von einer prekären Sicherheitslage spricht. Und das nach 13 Jahren Krieg und Besatzung, 3.482 gefallenen oder verunglückten Soldaten nur aus den westlichen ISAF-Staaten (Stand 31. Oktober) und Kosten von mehr als 800 Milliarden Dollar allein für die US-Armee, wie das State Department errechnet hat.

Nichts kann die Afghanistan-Müdigkeit postheroischer Gesellschaften des Westens besser anfachen als eine solche Bilanz. Kein Zufall, wenn von der NATO am Hindukusch zuletzt kein vergessener, aber ein in den Mitgliedstaaten verdrängter Krieg geführt wurde, dem zu entkommen verlockend, aber schwer möglich ist. Eines dürfte feststehen, eine „Afghanisierung“ der Särge wäre das Vorspiel zu einer „irakischen Niederlage“ der USA, der NATO, des Westens überhaupt. Soll die riskiert werden? Man hätte den ersten asymmetrischen Krieg des 21. Jahrhunderts verloren. Und will doch noch so manchen führen.

Dieses Verdikt wird zur Bürde für Resolute Supporte. Es erhärtet den Eindruck vom diffusen Auftrag der Mission. Soll sie der Afghanischen Nationalarmee (ANA) nur den Reservetank füllen? Oder gleichsam Platzhalter für umfassendere Operationen sein – den Ausstieg aus dem Ausstieg, falls innere Konflikte eskalieren wie im Irak? Dafür spricht, dass dieser NATO-Einsatz rein militärisch definiert ist und ohne politische Ziele auskommt, wie sie sonst bei allen ISAF-Mandaten seit 2001 als unverzichtbar galten. Da wollte man Good Governance, Befriedung, Wiederaufbau, Rechtsstaat und Demokratie voranbringen. Und jetzt?

Wenn ein derart dubioses „Geschick“ keine „See von Plagen“ ist – was dann? So scheint eine integre Partnerschaft mit der Kabuler Regierung nicht wirklich sicher. Die könnte jederzeit die Flucht nach vorn antreten, indem sie die Islamisierung von Staat und Gesellschaft vorantreibt, um sich gegenüber den Taliban lieb Kind zu machen. Die Präludien werden vom fundamentalistisch gefärbten „Rat der Islam-Gelehrten“ (Ulema) seit langem intoniert. Das Gremium versammelt Dschihadi-Führer, die sich schon unter Hamid Karzai als Beraterstab des Staatschefs zu etablieren wussten.

Ähnlich hatte Ende der achtziger Jahre der damalige Präsident Mohammed Nadschibullāh zu überleben versucht. Den Abzug des sowjetischen Besatzungskorps vor Augen, ging er mit seiner säkularen Demokratischen Volkspartei zu nationaler Versöhnung über, lud den dschihadistischen Widerstand zum Mitregieren ein, ließ 1990 die Verfassung ändern und Afghanistan zur Islamischen Republik erklären. Genutzt hat es ihm nichts, die Taliban hängten „den Verräter“ an einem Verkehrsmast auf, nachdem sie am 27. September 1996 in Kabul einmarschiert waren.

Bleibt die Frage, inwieweit afghanische Sicherheitskräfte standhaft und belastbar sind, allein die Sicherheitsverantwortung für ihr Land zu schultern, wie das laut US-Regierung und NATO ab 2015 das Fall sein soll. Immerhin rekrutiert die Nationalarmee (ANA) derzeit etwa 350.000 Mann und damit so viel Personal wie nie zuvor. Je aufgeblähter dieses Reservoir, desto unberechenbarer kann es freilich sein. Und das nicht allein wegen der ethnischen Heterogenität. Noch ist offen, wie der Unterhalt dieser Armee fortan bestritten wird. Für 2015 sind 4,1 Milliarden Dollar veranschlagt, doch bislang nur 2,8 Milliarden durch externe Geber abgedeckt. Der afghanische Staat vermag lediglich 500 Millionen Dollar zu geben. Schlecht oder gar nicht besoldete Soldaten werden zu wandelnden Zeitbomben, lehren die Kolonialkriege des 20. Jahrhunderts, egal, wo sie geführt wurden, ob in Nordafrika oder Indochina.

Einem vergleichbaren Dilemma sehen sich die Kräfte der Afghan Local Police (etwa 25.000 Mann) ausgesetzt, die für ihren Haushalt bisher schon als Selbstversorger aufkamen. Laut einer Studie für das US-Oberkommando in Afghanistan von 2013 verdiente jede fünfte ALP-Einheit daran, den Drogenhandel zu tolerieren oder sich daran zu beteiligen, illegale Steuern einzutreiben oder Menschen zu kidnappen. Mit einem Wort, die afghanische Lokalpolizei dürfte ihr Heil eher in Arrangements mit den Taliban suchen, als sich für die innere Sicherheit aufzuopfern. Armee und Polizei mögen das Stigma unsicherer Kantonisten nicht verdient haben, dennoch scheint es eine kühne Prophezeiung zu sein, wenn Präsident Ashraf Ghani versichert, die eigenen Sicherheitskräfte würden ab Januar 2015 die Unversehrtheit des Landes wie jedes seiner Bürger garantieren.

Hoffnung der Widersprüche

Wie nennt man, was sich aus alldem ergibt? Die Hoffnung der Widersprüche? Eine Aufforderung zur unausweichlichen Kapitulation? Es sind viele Unwägbarkeiten, die den militärischen Nachschlag der NATO für Afghanistan ummanteln. Sie bestärken in dem Verdacht, dass einfach Zeit gewonnen werden soll. Auf Kosten der unmittelbar Beteiligten, auch von 850 deutschen Soldaten, weil sich die Politik für das Eingeständnis zu schade glaubt, mit der Fremdbestimmung einer eigenmächtigen Gesellschaft gescheitert zu sein.

Es gibt ikonische Bilder aus der Besatzungszeit: verbrannte Koran-Bände neben dem Müll eines amerikanischen Stützpunktes oder die auf Leichen toter Aufständischer urinierenden US-Soldaten. Sollte man Letztere als Barbaren schmähen oder für ihren unbewussten Mut loben, sich aus der Rolle des Wertekriegers befreit zu haben, die ihnen nicht auf den Leib geschneidert war? Sie entledigten sich eines „wütenden Geschicks“ mit der Inbrunst von Tätern, die endlich zeigen wollten, wer sie sind und wer nicht.

„Die Zeit ist aus den Fugen; Fluch der Pein, muss ich sie herzustelln geboren sein!“ Schmeichelt sich Hamlet, statt seiner Rachsucht Einhalt zu gebieten. Man ahnt doch und weiß es bald, dass die Welt an seinem Täterdrang niemals genesen kann. Nur kränker und verzweifelter wird, als sie schon ist.

06:00 27.12.2014
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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