Ein Anfang ohne Ende

Identitätskrise Die überstürzte Abwicklung der Sowjetunion Ende 1991 lässt die Nachfolgestaaten bis heute nicht zur Ruhe kommen

Handelte es sich bei der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) zuletzt nur noch um einen morbiden Anachronismus – war der Flug in Flamme das Beste, was ihr passieren konnte? Die seit 1985 regierenden Reformer um Michail Gorbatschow hielten den Sowjetstaat für reformbedürftig und reformwürdig zugleich. Ihnen schwebte eine erneuerte Union vor, die statt der zentralstaatlichen auf föderative Strukturen setzte, demokratisiert war, indem sie den 15 Sowjetrepubliken mehr Souveränität einräumte, und statt der Plan- eine sozialistische Marktwirtschaft förderte.

Eine solche Inventur schien durchaus mehrheitsfähig. Bei einem Referendum am 17. März 1991 stimmten 76,1 Prozent der Bürger Russlands, Weißrusslands, der Ukraine, Usbekistans, Aserbaidschans, Tadschikistans, Kasachstans und Kirgisistans für den Erhalt der Union in erneuerter Form. Selbst wenn die baltischen Republiken, Georgien und Turkmenistan dem Plebiszit fernblieben, gab es ein relativ eindeutiges Stimmungsbild. Als dann im August des gleichen Jahres der neue Unionsvertrag vorlag, hatten bis dahin nur Litauen und Georgien der UdSSR den Rücken gekehrt. Alle anderen Republiken verabschiedeten sich erst nach dem ominösen „Putsch“ vom 19. August 1991, als ein Teil der Sowjetregierung und Armeeführung (Gorbatschow war im Urlaub) den Ausnahmezustand verhängte. Bekanntlich wurde ihr Scheitern zur idealen Vorlage für den damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin, um Gorbatschow zu entmachten, die Kommunistische Partei (KPdSU) zu verbieten und die Sowjetunion abzuwickeln.

Mehr als 15 Sowjetrepubliken

Sind es diese Geschehnisse wert, erinnert zu werden, gilt das allemal für die Umstände, unter denen der Sowjetstaat zum Entsorgungsfall wurde. Sie trugen den Keim künftiger Konflikte und andauernder Orientierungssuche in sich. Bis heute schwanken die meisten Nachfolgestaaten zwischen postsowjetischer und nationalstaatlicher Identität, Desintegration und Reintegration, Europa und Eurasien. Was damit zusammenhängt, dass selten zuvor eine Großmacht so willkürlich und überhastet beseitigt wurde. Der jähe Sturz in den Orkus der Geschichte war der Epochenwende von 1989/90 geschuldet, wurde jedoch beschleunigt, weil einstige sowjetische Nomenklatura die Abrissbirne schwang und dem Prinzip gehorchte, wir retten uns, indem wir den Sowjetstaat opfern.

Man schrieb den 8. Dezember 1991, als sich Jelzin, der ukrainische Republikchef Leonid Krawtschuk und Stanislaw Schuschkewitsch, Vorsitzender des Weißrussischen Obersten Sowjets, im Beloveser Wald bei Minsk trafen, um per Dekret zu besiegeln, „dass die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und geopolitische Realität nicht länger existiert“. Sie entschieden ohne Wissen des Sowjetpräsidenten Gorbatschow (unterrichteten aber die US-Regierung), im Namen von nationaler Restauration und ökonomischer Liberalisierung. Dabei geriet Jelzins Bruch mit der Vergangenheit nicht gar so resolut, wie es den Anschein hatte. Russland erklärte zwar seine Souveränität, nicht aber Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Man wollte schließlich deren Rechtsnachfolge antreten, den ständigen Sitz im Sicherheitsrat und die etwa 25.000 sowjetischen Kernsprengköpfe übernehmen. Mit anderen Worten, die Sowjetunion war noch nicht eingesargt, da setzte sich schon eine postsowjetische Führungsmacht in Szene, ohne dass es darüber einen Konsens der Erben gab. Wie sollte das funktionieren? Bei der nationalen Sicherheit, den Bündnisbeziehungen, den Grenzen, der Nationalitätenpolitik, sich abzeichnenden regionalen Konflikten oder der ökonomischen Kooperation – überall bestand Regelungsbedarf, der weit über die Flüchtigkeit des „großen Augenblicks“ vom 25. Dezember 1991 hinausging, als über dem Kreml das Sowjetbanner mit Hammer und Sichel eingeholt wurde.

Man tat so, als sei die Sowjetunion eine Entgleisung der Geschichte, die es nun zu bereinigen galt. Tatsächlich besaß dieser Staat nach fast sieben Jahrzehnten seiner Existenz schon deshalb eine eigene historische Identität, weil er nach 1941 einer feindlichen Okkupation widerstanden hatte, die mit dem erklärten Willen zu Vernichtung und Versklavung verbunden war. Dieses Vermächtnis ließ sich so wenig verscharren wie ein Staat, der sich als Organisator kollektiven Überlebens bewährt hatte.

Russen im „Nahen Ausland“

Die Sowjetunion war mehr als die Summe der 15 Sowjetrepubliken, aus denen schwerlich 15 Nachfolgestaaten werden konnten, die jenseits der geschichtlichen, geostrategischen, ökonomischen wie ethnischen Komplexität standen, die es mit dem Unionsstaat gegeben hatte. Die 1991 von Litauen bis Tadschikistan reklamierte nationale und kulturelle Identität war auch eine postsowjetische Identität. Egal, ob das negiert, toleriert oder bejaht wurde. Allein die vielfach ererbte ethnische Hybridität, in der sich der multinationale Charakter der UdSSR spiegelte, verdiente Beachtung. Es entstanden multiethnische, teils multikonfessionelle Patchwork-Staaten, in denen der russische Bevölkerungsanteil ein konstitutiver Faktor war. Er lag Ende 1991 in Kasachstan bei 37,8, in der Ukraine bei 22,5, in Kirgisistan bei 21,5, in Moldawien bei 9,5 und in Usbekistan bei 5,5 Prozent. Familien von Offizieren der Sowjetarmee hatte es jahrzehntelang in alle Regionen der Union verschlagen. Russische Spezialisten, vor allem ingenieurtechnisches Personal, waren überproportional in der Industrie Estlands (44 Prozent), Lettlands (37), Litauens (36) oder Aserbaidschans (35) vertreten.

In Lettland und Estland wurde nach der Unabhängigkeit darauf reagiert, indem die nationalen Transformationseliten einem ethnokratischen Staat den Vorzug gaben, der sich den Realitäten einer multiethnischen Gesellschaft verschloss. Der russischen Minderheit (in beiden Ländern 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung) wurde durch eine restriktive Nationalitätenpolitik bedeutet, Bürger zweiter Klasse zu sein. Wer die lettische Staatsbürgerschaft erwerben wollte, musste eine Sprachprüfung in Lettisch ablegen – oder blieb ohne Wahlrecht. Im Riga der neunziger Jahre kontrollierten Sprachinspekteure, ob in öffentlichen Betrieben Lettisch gesprochen wurde. Sie hatten das Recht, die Entlassung derjenigen zu fordern, die dem zuwider handelten. Kein Wunder, dass Russland – nicht erst unter Putin, schon unter Jelzin – eine Obhutspflicht gegenüber den 26 Millionen Landsleuten im „Nahen Ausland“ beanspruchte. Wenn heute die Regierungen in Talinn, Riga oder auch Vilnius beklagen, ihnen drohe ein „ukrainisches Schicksal“, falls Moskau die russische Minderheit in ihren Staaten als „Fünfte Kolonne“ aktiviere, benennen sie selbst verschuldete Risiken. Wer die baltischen Russen deklassiert, animiert sie kaum zu überbordender Loyalität.

Wie in Jugoslawien empfanden vor 1991 Menschen, die damit zufrieden waren, als nationale Minderheit in einer administrativen Einheit – den Sowjetrepubliken – und einem multinationalen Staat – der UdSSR – zu leben, ganz anders als aus diesen Einheiten Staaten wurden, die sie wie Fremde behandelten. Im Fall der Krim, die erst 1954 vom damaligen KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow der Ukraine zugeschlagen wurde, traf das für die russischen Bevölkerung eindeutig zu, wie das Referendum vom 16. März 2014 über einen Anschluss an Russland bestätigte. Sie hatte registriert, dass zu den ersten Amtshandlungen der Post-Janukowytsch-Administration in Kiew Ende Februar 2014 der Versuch zählte, der russischen Sprache, die im Süden und Osten der Ukraine von einer Mehrheit gebraucht wurde, den offiziellen Status zu nehmen und wie im Baltikum Gefallen an einer ethnokratisch gefärbten Politik zu finden.

So schwer steuerbar wie die Nationalitätenkonflikte bleiben bis heute Integration und Desintegration im postsowjetischen Raum. Die 1992 begründete Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) erwies sich nie als wirklich handlungsfähige Staaten-Assoziation, auch weil Länder wie Georgien 1993 ein- und dann wieder austraten, oder die Ukraine zuletzt wert darauf legte, nur noch Teilnehmer-, aber kein Mitgliedsstaat mehr zu sein. Andererseits verlangten allein der Ressourcen- und Energietransfer, der Handel und Zahlungsverkehr nach vertraglich geregelten Beziehungen. Nur scheiterten die allzu oft an der Befürchtung nicht-russischer GUS-Staaten, dadurch einer politischen Integration unter russischer Führung Vorschub zu leisten. Ein einigermaßen absurder Vorbehalt – als die Sowjetunion verschwand, wurde eine Führungsrolle Russlands geduldet oder gar begrüßt, als es galt die Konsequenzen zu bewältigen, erschien sie obsolet.

Zwar formierten 1993 zwölf GUS-Staaten eine erste Wirtschaftsunion, doch beschrieben die Verträge dazu bestenfalls eine Road Map erwünschter, aber unverbindlicher Integrationsziele. Gleiches traf für die zwei Jahre später zwischen Russland, Belarus, Kasachstan und Kirgisistan (ab 1996) gebildete Zollunion zu. Erst in jüngster Zeit hat die Integrationskonkurrenz mit der EU um die Ukraine zu einer bis dato ungewohnten Integrationsdynamik geführt. Seit dem 1. Januar 2015 vereint die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) Russland, Belarus, Kasachastan und Armenien.

Wiederkehr des Verdrängten

War der Westen nur passiver Beobachter, als die Sowjetunion aufgekündigt wurde? Wenn ja, warum? Immerhin konnte man auf historische Muster zurückgreifen, wie Großreiche aufzulösen waren. Auf der Pariser Friedenskonferenz einigten sich 1919 die Siegermächte des Ersten Weltkrieges darauf, das Osmanische Reich in 17 Nachfolge-Entitäten aufzuteilen. Die Abwicklung dieses Imperiums fand sich bei allen Interessengegensätzen europäischer Großmächte multilateral moderiert.

Als im Dezember 1991 die Sowjetunion zerfiel, schien das auf den ersten Blick ohne internationale Flankierung vonstatten zu gehen. Ihr Verschwinden hatte für den Westen den Effekt einer geostrategischen Flurbereinigung, mit der sich die 1945 vereinbarte Ordnung von Jalta erledigt hatte. Soviel stand fest, Russland übernahm zwar mit den sowjetischen Kernwaffendepots strategisches Potenzial, würde aber keine Supermacht von geostrategischem Format mehr sein. Es hatte sich mit dem Status einer regionalen Macht abzufinden, deren Aktionsradius begrenzt blieb. Anders formuliert: Der Westen betrachtete Russlands domestizierte Identität als Geschäftsgrundlage seiner postpolaren Existenz. Natürlich gab es dazu keine offiziellen Erklärungen, die Osterweiterung der NATO erschien wegweisend genug. Entscheidend war, dass eine nichtkapitalistische Gegenmacht den Todesstoß empfing. Wie sich die Nachkommenschaft sortierte, blieb ihr überlassen, sofern es keine Rückfälle in Sowjetzeiten gab und die sozialökonomische Transition irreversibel blieb, was wiederum die Osterweiterung der EU zu garantieren hatte.

Wie sich spätestens Ende der neunziger Jahre zeigte, kollidierte für Russland, das immerhin 76 Prozent des sowjetischen Territoriums übernahm, solcherart Disziplinierung mit dem Willen zu einer identitären Selbstbestimmung, die auch das sowjetische Erbe anerkannte. Wladimir Putin wird oft mit seinem Urteil zitiert, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei die „größte geostrategische Katastrophe in der Geschichte des 20. Jahrhunderts“. Selten wird dagegen auf diesen Satz aus einer Rede vom November 2001 zurückgegriffen: „Weder mein Herz noch mein Verstand könnten jemals akzeptieren, dass unsere Mütter und Väter umsonst gelebt haben.“ So sorgte Putin dafür, dass Russland die sowjetische Hymne mit leicht verändertem Text und die russische Armee das rote Banner mit dem Sowjetstern zurückerhielten. Man dachte an Nikolai Gogols Tote Seelen, aus denen sich doch so viel Geldkapital schlagen ließ. Weshalb nicht aus Symbolen politisches? Dabei war die Wiederkehr des Verdrängten vor allem ein Zeichen der Wiedergutmachung gegenüber der Generation des Großen Vaterländischen Krieges – und diente einer patriotischen Selbstvergewisserung, um die Tradition des „starken Staates“ zu pflegen. Dass die Sowjetunion 1991 weit davon entfernt war, dürfte der jetzigen russischen Führung bekannt sein.

06:00 25.03.2015
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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