Ein Kontinent namens Revolution

Amerika-Gipfel Das neue linke Lateinamerika empfängt in dieser Woche Barack Obama. Seine Wurzeln fand es vor zwanzig Jahren in den Aufständen von Venezuela, dem "Caracazo"

Caracas, 13. April 2002, gegen 3.15 Uhr, verliest General Luis Rincón eine Erklärung der Putschisten im venezolanischen Fernsehkanal Venevisión: „Angesichts der Ereignisse wurde der Präsident der Republik ersucht, seinen Rücktritt einzureichen. Er hat zugestimmt.“ Dieses Statement wird danach stundenlang im Abstand von 20 Minuten wiederholt. Noch am gleichen Tag gratulieren die Botschafter der USA und Spaniens dem neuen Präsidenten Pedro Carmona, bis dahin Chef des Unternehmerverbandes. Die Ära Hugo Chávez scheint beendet. Doch dann – wir schreiben immer noch den 13. April 2002 – gehen in Caracas Hunderttausende auf die Straße, um sich dem Staatsstreich von Industriellen, Gewerkschaften und versprengten Obristen zu widersetzen. Für diesen Mut der Verzweiflung, der die Rückkehr des legitimen Präsidenten erzwingt, gibt es ein Vorspiel. Es liegt mehr als 13 Jahre zurück.

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Am 27. Februar 1989 strömen die Armen aus den Elendsvierteln, den Favelas auf den Hügeln rings um Caracas, zu Zehntausenden in die Stadt herunter. Viele haben sich untergehakt und bilden Menschenketten, die immer schneller ins Tal treiben, je länger sie unterwegs sind. Ein paar Tage zuvor hat die Regierung des sozialdemokratischen Präsidenten Andrés Perez fast alle Subventionen gestrichen – für Benzin, Verkehrstarife, Lebensmittel und Textilien. Die Ränder von Caracas baden in Wut.

Als Mob abgeschossen

Andrés Perez, der einen Monat zuvor seine Vereidigung wie eine Krönung inszeniert, hat es verstanden, einen Sturm des Aufruhrs und des Zorns zu entfachen. Der 27. Februar 1989 wird später als Tag des Caracazo erinnert. Nachdem die Elendszüge von ganz oben den Kern der Stadt tief unten erreicht haben, sind sie nicht mehr aufzuhalten und holen sich, was ihnen künftig noch mehr als bisher schon fehlen soll. Geplünderte, geschleifte Supermärkte brennen aus, Tankstellen werden besetzt, Warenlager gestürmt. Armee-Einheiten ersetzen gesprengte Polizei-Ketten und erhalten den Feuerbefehl.

Und da liegen sie dann, die Grenze überschreitend zwischen Tag und ewiger Nacht. Ein Junge, der einen Schuh verloren hat und Pflastersteine unter seinem gekrümmten Körper begräbt. Neben ihm in zerfetzten Hosen ein Älterer, dem ein Bein fehlt und ein verkohlter Stumpf geblieben ist. Tote, soweit das Auge reicht, denen die Straße noch immer gehört, auch wenn sie nun leer ist, als sollte die Stille nach dem Verderben nicht gestört werden.

Als der Aufstand des Hungers Caracas überwältigt, kann eine Regierung, die im Namen der Erdöl-Eliten getötet hat, nur noch mit dem Leichentuch etwas zu Wege bringen, unter dem sie die erloschenen Gesichter verbirgt und darauf hofft, dass ihren Lügen auch jetzt noch geglaubt werden. Andrés Perez erklärt, „zutiefst erschüttert“ zu sein und um die Toten zu trauern. Die offiziell eingeräumten 500 Opfer des Caracazo – manche Zeitungen sprechen von 3.000 und lassen die Bemerkung von den „glücklich Entronnenen“ fallen – sorgen für einen Schock, der die Favelas erschüttert und das Land beschämt. Dieser Februartag des Jahres 89 hinterlässt eine Erfahrung, die sich tief in das kollektive Bewusstsein Hunderttausender Venezolaner eingräbt und ganz Lateinamerika bewegt: Die Verlierer, die Deklassierten sind nicht einmal ihr Leben wert, sie können als Mob von der Straße geschossen werden.

Die Toten als politische Chiffre

Was diese Gewissheit bewirkt, zeigt sich Jahre später, als im Februar 1992 der Oberstleutnant Hugo Chávez im Handstreich nach der Macht greift, knapp scheitert, aber von vielen als Held gefeiert wird. Wie diese Gewissheit das Land verändert, offenbart der gescheiterte Putsch gegen Chávez an jenem eingangs beschriebenen 13. April 2002, als Hunderttausende zurückerobern, was ihnen genommen werden soll.

Die Toten des 27. Februar 1989, der Caracazo überhaupt, haben für Venezuela den Wert einer politischen Chiffre wie der 11. September 1973 für Chile (Sturz Allendes) oder der 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz für China. Gewiss hat dieser Tag die Bolivarische Revolution nicht ausgelöst, aber ahnen lassen: Wenn es je dazu kommen sollte, wird sie Millionen von Anhängern finden und kaum aufzuhalten sein.

Ähnliches lässt sich über Bolivien sagen. Auch dort bringt der Marsch der indigenen Opposition auf La Paz am 16. Oktober 2003 nicht die erhoffte Wende, aber zum Prolog für die Präsidentschaft des Evo Morales drei Jahre danach gerät diese Eroberung der Hauptstadt allemal.

Auf dem Amerika-Gipfel von Trinidad und Tobago wird Barack Obama nun bis zum 19. April durch Präsidenten wie Hugo Chávez, Lula da Silva (Brasilien), aber auch Rafael Correa (Ecuador), Daniel Ortega (Nicaragua) oder Mauricio Funes (El Salvador) mit dem Linksruck eines Kontinents konfrontiert, aber kaum gebeten sein, die neue Mündigkeit Lateinamerika abzusegnen. Die US-Delegation kann dieses Treffen freilich nutzen, um ein Verhältnis zur Legitimation dieses Aufbruchs zu finden, die in der sozialen Logik dessen liegt, was die neuen Führer des Subkontinents wollen, wenn sie regieren.

Realismus Lateinamerikas

Bei Brasiliens Lula da Silva erinnerte in den ersten Monaten nach seinem Amtsantritt Ende 2002 nichts an eine Revolution, aber fast alles an Notwehr, um das Elend zu stoppen. Sofort brachte er sein Programm Fome Zero („Null Hunger“) auf den Weg, mit dem extrem arme Familien eine Chip-Karte erhielten, die ihnen monatlich einen Einkauf von Lebensmitteln für 50 Real (damals 17 Euro) garantierte. Hugo Chávez ließ 1999 für die Bewohner der Favelas eine soziale Infrastruktur einrichten, die zu einer ärztlichen Betreuung führt, wie es sie bis dahin nie gab. Dies müsse geschehen, hieß es, um etwas von der sozialen Schuld gegenüber den Armen abzutragen.

Insofern haben die linken Regierungen Lateinamerikas mehr Realismus und Augenmaß bewiesen als gemeinhin in Europa wahrgenommen. Sie handelten schließlich im Wissen um die bitteren Erfahrung der siebziger Jahre, als ihre Vorgänger in Chile (Allende) oder Bolivien (Hernán Siles Zuazo) auch deshalb scheiterten, weil sie so viel wollten, dass es zu viel war. Salvador Allende hatte 1970 nach seinem Wahlsieg nie einen chilenischen Sozialismus proklamiert, aber der lag trotzdem in der Luft. Die regierende Unidad Popular aus Sozialisten und Kommunisten war zu ihrem Glück und Unglück ein Bataillon im Kampf der Systeme, dessen ungeschriebenes Gesetz lautete: Der Triumph des einen Lagers ist stets die Niederlage des anderen.

Seit dieser Fluch keiner mehr ist, haben Ideologien mitnichten ausgespielt, sondern Spielräume eröffnet, die für Lateinamerika eine zweite Befreiung nach dem Ende des Kolonialismus ermöglichen. Um beim Beispiel Chávez zu bleiben – dieser Präsident zelebriert mit seinem Bolivarismus den Bruch mit der Geschichte Venezuelas, um in die Geschichte Lateinamerikas zurückzukehren. Will heißen: Er beendet den Verrat der bisherigen Eliten an Simon Bolivar, der 1821 mit der Unabhängigkeit auch die soziale Republik wollte, für die Gerechtigkeit kein Zungenschlag, sondern ein Lebenszweck sein sollte.

Die neue Selbstbefreiung durch Selbstbestimmung kann also ihre patriotischen Gene nicht leugnen, sie ist darauf ebenso angewiesen wie auf eine Koexistenz mit den USA. Gerade deshalb haben es die neuen Präsidenten verdient, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Denn Lula da Silva ist kein Caudillo, Chávez kein Castro, Evo Morales mehr Prophet als Präsident, Paraguays Staatschef Lugo kein Revolutionär, sondern Priester. Ihr kontinentaler Konsens meidet hoffärtige Gesten, mit denen suggeriert wird , man wisse schon, wie die alternative Wirtschaftsordnung aussieht. Man weiß nur, die bisherige hat verspielt. Und man weiß auch, für Lateinamerika darf es nicht zeitgemäß sein, an die Vernunft wie an ein Wunder zu glauben.

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05:00 16.04.2009
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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