Ein lästiger Fleck

Einheit Im August 1990 gibt es in der Volkskammer ein klares Votum. 294 gegen 62 Abgeordnete verabschieden die DDR – am 3. Oktober 1990 wird sie zum Entsorgungsfall

Die Zeit rast im Sommer 1990. Sie tut es mit solcher Inbrunst, dass die deutsche Einheit über Nacht oder von einer Stunde zur anderen ausgerufen werden kann. Am 17. Juni zum Beispiel. Man geht in Berlin als DDR-Bürger ins Deutsche Theater, schaut sich Hamlet/Maschine von William Shakespeare und Heiner Müller an und verlässt die Vorstellung als Bundesbürger. Grund dieses möglichen Grenzübertritts ist der folgende: Die Volkskammer muss an diesem Sonntag zu einer Sondersitzung antreten, um ein Treuhandgesetz zu beschließen. Ehe darüber befunden wird, probt die DSU den parlamentarischen Putsch. Die Deutsche-Soziale Union – eine heute fast vergessene Partei – ist seinerzeit Vortrupp der CSU und Sturmgeschütz der DDR-Hasser im Osten. Ihre Fraktion bringt an jenem 17. Juni den Antrag ein, die Abgeordneten mögen beschließen, dass die DDR noch an diesem Tag dem Geltungsbereich des bundesdeutschen Grundgesetzes beitritt. Die Einheit als Kaiserschnitt ohne Narkose – ohne ausgehandelten Einigungsvertrag, ohne Klarheit über die Bodenreform, über künftige Eigentumsrechte im Osten, über den Umgang mit dem selbstbestimmten Schwangerschaftsrecht der DDR und so weiter.

Die Zeit rast nicht nur, jetzt verfällt sie in Raserei. Bis dahin ist als Beitrittstermin der 14. Oktober im Gespräch, weil zu diesem Zeitpunkt die fünf Länder im Osten durch Landtagswahlen endgültig reanimiert werden sollen. Das hieße, am 7. Oktober wäre die Deutsche Demokratische noch da. Man könnte ihren 41. Jahrestag begehen. Wer will das schon (riskieren)?

Nachdem am 17. Juni in der Volkskammer eine Zweidrittel-Mehrheit dafür gesorgt hat, dass der DSU-Antrag auf die Tagesordnung gerät, gibt es Auszeiten der Fraktionen, danach die Debatte. Sie im Fernsehen zu verfolgen, ist mir nicht länger gegeben. Bei einer Spieldauer von sieben Stunden hebt sich der Vorhang für Shakespeare und Heiner Müller an der Schumann-Straße bereits um 16 Uhr.

Freier Fall ins fremde Land

Man sitzt vom Abend bis zur Nacht. Zwischendrin raunt der Prinz von Dänemark, „dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen, als zu unbekannten fliehen“. Ist dieses Fliehen noch aufzuhalten? Tobt draußen schon die Einheit? „Das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt?“ Wenn Hamlets letzter Vorhang fällt – und der wird fallen, man kennt die Geschichte – kann der für die DDR längst unten sein. Überraschend käme er nicht, der freie Fall ins fremde Land. Man ist längst in Abschiedsstimmung.

Auf dem Weg ins Deutsche Theater habe ich gesehen, dass im Scheunenviertel die Buchläden Wühlkästen aufs Pflaster stellen. Es gibt Bücher sowjetischer Autoren und aus DDR-Verlagen für jeweils eine Mark Ost. Katajew, Fadejew, Bykau, Tendrjakow, Granin, Holtz-Baumert, Kant, Noll, Neutsch. Alles Ramschware, alles muss raus. Ausverkauf. Platz schaffen. Doch nehmen die Passanten nur zögernd, was nun so billig ist. Ich wühle mich durch die Berge aus Gedrucktem, als der Buchhändler schließlich Pappkartons mit Büchern nach draußen bringt. Bückware zum Nulltarif. Für den Müll, ruft er. Jetzt greifen alle zu.

Ein paar Tage zuvor hat die Zeitung Neues Deutschland den Abschiedsbrief von Alexander Fadejew vom 13. Mai 1956 abgedruckt. Fadelew war von 1939 bis 1954 Präsident des Schriftstellerverbandes der UdSSR und schrieb Romane wie Die Neunzehn und Die junge Garde, die in der DDR zur empfohlenen Lektüre über die frühe Sowjetunion gehörten. Fadejew schrieb in diesem letzten Brief, „die Literatur, das Allerheiligste, wurde den Bürokraten und den rückständigsten Elementen des Volkes zum Fraß vorgeworfen ...“ Noch am gleichen Tag erschießt er sich. Das ZK der KPdSU lässt in einer „schmerzerfüllten Mitteilung“ verbreiten, der Schriftsteller habe unter Alkoholismus gelitten und „in einem Zustand des Depression“ gehandelt.

Es sind solche Auskünfte, die einem den Abschied vom Sozialismus nicht gerade erschweren. Aber Worte kann man verschlucken, Stimmungen nicht. Und die Melancholie muss schon sein. Immerhin hat man 37 Jahre in der DDR gelebt und ahnt in diesem Sommer noch nicht, wie sie ausgelöscht werden soll in den nächsten Jahren. Als wäre ein lästiger Fleck aus dem Tischtuch zu waschen.

Stich ins Krawallige

Aber zurück zur Volkskammer und dem 17. Juni 1990. Man verlässt Hamlet und das Theater ergriffen, aber vorerst ohne neue Staatsbürgerschaft. Am frühen Abend hat Ministerpräsident de Maizière darum gebeten, den DSU-Antrag in die Ausschüsse zu verweisen. Die Alliierten dürften nicht durch ein Vorpreschen vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Es seien die 2 + 4-Gespräche abzuwarten. Die Ehrengäste auf der Tribüne hoch droben über den Parlamentariern – Kanzler Kohl, die Minister Schäuble und Seiters, Frau Süßmuth – können sich zurücklehnen. Jetzt wird endlich über das Treuhandgesetz und den Anschluss der ostdeutschen Ökonomie an die westdeutsche Marktwirtschaft entschieden. Die DSU hätte nicht zu spektakeln brauchen, sie bekommt ihren Beitritt. Was will sie mehr am 17. Juni?

Leider hat die Demokratie Ost einen Stich ins Krawallige und Pubertäre. Was eindeutig nicht daran liegt, dass es kurz vor dem Währungswechsel am 1. Juli in der Volkskammer tagelang stinkt. Bauern aus Sachsen-Anhalt haben Schweinemist ins Foyer gekippt, weil ihnen die Schlachthöfe in Erwartung der DM, des westfälischen Schinkens und des Genießens nach Gutsherrenart nichts mehr abnehmen. Wir drehen den eindrucksvollen Haufen für die Abendnachrichten des Deutschen Fernsehfunks. Bei dieser Gelegenheit erzählt mir ein Kollege der Agentur ADN/Zentralbild, wie er sich jüngst nasse Füße holte. Die Gummistiefel hätten nicht für alle gereicht. Er war freilich in keinem Schacht unterwegs, um ausrangierte DDR-Papiergeld-Milliarden abzulichten. Es ging tief hinab in dunkle Welten. Zur Exkursion war Hitlers letzter Bunker in Berlin – er liegt unter dem einstigen Grenzgebiet an der Voss-Straße – für Journalisten zugänglich. Sogar die Doppelstockbetten, in denen Magda Goebbels ihre sechs Kinder vergiften ließ, habe man anfassen können.

Diesem leichtsinnigen Deutschmark-Sommer bleibt wenig erspart in all seiner Blütenpracht. Kein Tag ohne das Verlangen, in die Geschichte einzugehen. Noch aber fehlt der genaue Beitrittstermin. Wieder gibt es eine Sondersitzung der Volkskammer, überallartig einberufen für den Abend des 23. August. Seit dem 18. März, als dieses Parlament zustande kommt, ist die DDR als sozialistischer Staat abgewählt. Übrig bleibt ein Biotop von Staatenlosen, die um Asyl im übrig gebliebenen deutschen Staat nachsuchen. Damit es bewilligt wird, beschließen 294 Abgeordnete von CDU/Demokratischer Aufbruch, DSU, SPD und F.D.P. am frühen Morgen des 24. August 1990 die Deutsche Demokratische, unter deren Hoheitszeichen Hammer-Zirkel-Ährenkranz diese Volkskammer schon nicht mehr tagen wollte, zum 3. Oktober 1990 abzuberufen.

Als nach diesem Votum Gregor Gysi zu einer persönlichen Erklärung am Rednerpult steht und sagt: Das Parlament hat soeben nicht mehr und nicht weniger als den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik beschlossen, geht dieser Satz in Gejohle und Bravo-Rufen vieler Abgeordneter unter, während eine Minderheit schweigend verharrt.

Hatte die DDR soviel Lärm verdient? Schon möglich, sie war nicht irgendeine Begebenheit der deutschen Geschichte. Sie war kein Sündenfall. Und wenn, dann nicht der größte. Es gab sie lange vor dem 7. Oktober 1949. Sie war der Staat, den schon Gustav Noske zu verhindern suchte, als er im Januar 1919 den Herren von der Gardekavallerie-Schützendivision im Berliner Eden-Hotel zu verstehen gab, sie könnten mit Luxemburg und Liebknecht tun, was sie für richtig hielten.

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09:00 07.09.2010
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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