Ein letzter Blick

Shoa Pseudowissenschaftliche Nazi-Fotos aus einem Ghetto in Polen zeigen das Vorspiel zum Holocaust – eine einfühlsame Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors

Da sind sie, da sind ihre Fotos, fast immer die letzten Abbildungen ihrer Gesichter, der müden, starren, wissenden, großen Augen. Die Männer häufig mit Krawatte und Jackett, die Frauen mit weißem Kragen überm Kleid. David und Bina Israeler, Miriam Israeler, Róźa Israeler, versehen mit den Nummern 0249, 0250, 0251, 0252. Ab 0253 ist die nächste Familie dran.

Da sind sie – und sollen sichtbar-unsichtbar bleiben in der Ausstellung Der kalte Blick, die im Pavillon des Berliner Dokumentationszentrums Topographie des Terrors zu sehen ist. Kuratoren und Gestalter haben sich für ein ungewöhnliches Arrangement entschieden, um mit ihrem „Gegenstand“ angemessen umgehen zu können: einer Sammlung von Bildern jüdischer Menschen aus dem Ghetto der südpolnischen Stadt Tarnów, aufgenommen im März 1942. Vier Monate später waren die meisten nicht mehr am Leben. Man hatte sie mit der Absicht in Porträt und Profil erfasst, um die Bilder für ein „anthropologisches“ Forschungsprojekt zu verwenden. Es sollten „die typischen Rassenmerkmale der Ostjuden“ dokumentiert werden, lautete der Auftrag des Instituts für Deutsche Ostarbeit in Krakau. Damit „generalisierbare Resultate“ vorlagen, wurden 565 Menschen aus 106 Tarnówer Familien gezwungen, sich ablichten zu lassen.

Dieses serielle Konvolut des Rassenwahns, damals minuziös archiviert und vor Jahren in Wien wiederentdeckt, wird nicht gezeigt, um es herzuzeigen. Vielmehr beherrscht den Ausstellungsraum ein schwarzer Kubus mit schmalen Stellwänden, deren Abstand so gering ist, dass der Besucher die Fotos darauf mehr ahnt, als sie zu sehen. Auf diese Präsentation wird nur verzichtet, wenn eine Gegenüberstellung möglich ist und sich die anthropometrischen Aufnahmen mit Bildern aus Familienalben der Betroffenen spiegeln lassen, als Entrechtung und Todesahnung noch unvorstellbar schienen. Freilich kann der „familiäre“ dem „kalten Blick“ der NS-Rassenforscher nicht das schamlos Kaltblütige nehmen – das tritt nun erst recht hervor.

Ohne Skrupel

Rings um den Schrein der Bilder erinnern Tafeln und Videoeinspieler daran, wie die einst 25.000 Juden in Tarnów gelebt haben, bevor ihr Dasein mit dem deutschen Einmarsch 1939 eingeschnürt, zerstört, schließlich erstickt worden ist. Aus dem Viertel Grabówka mit seinen Betstuben wurde ein Ghetto, aus der Neuen Synagoge eine ausgebrannte, geschändete Ruine, aus dem Markt am Ringplatz, den einst jüdische Händler bevölkerten, der Sammelpunkt, als im Juni 1942 Tausende von jüdischen Einwohnern zusammengetrieben, deportiert oder auf ihrem eigenen Friedhof erschossen werden.

Wie die Ausstellung den Opfern gerecht werden will, gilt das ebenso für die Täter. Neben SS-Chargen und Polizeiführern sind das die Wiener Anthropologinnen Dora Maria Kahlich und Elisabeth Fliethmann, promovierte Wissenschaftlerinnen, NSDAP-Mitglieder und durch Karriereaussichten nachdrücklich motiviert. Man zehrt von der schwindenden Konkurrenz männlicher Kollegen, die zum Kriegsdienst müssen, und kann mit dem Forschungsprojekt „Typologie der Ostjuden“ deutscher „Rassenhygiene“ im eroberten Osten zu Diensten sein. Es geht um Auskünfte über „Physiognomien“, „Eigenheiten der Juden“ und „Assimilationstendenzen“, gefragt ist der selektierende Blick, der dem auf der Rampe von Auschwitz vorausgeht.

Ob Kahlich und Fliethmann ihr Vorhaben mit fanatischer Hingabe betrieben, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Allerdings ist ihrem Schriftverkehr zu entnehmen, dass sie ohne moralische Skrupel handelten. Nach dem Tarnów-Termin im März 1942 blieben sie in Kontakt, und das in aufgeräumtem Plauderton, wie man in der Ausstellung nachlesen kann. Am 13. Mai 1942 freut sich Fliethmann im Brief an Kahlich über die „Fleischtöpfe“, von denen man sich in Tarnów habe locken lassen. Kahlich antwortet am 9. Juni, dass sie bei einem Vortrag einige der Fotografien zeigen werde, „denn es putzt doch etwas auf“. Zwei Tage später, am 11. Juni 1942, beginnt die „Aussiedlung der Tarnówer Juden“, wie es im Kriegstagebuch des beteiligten Polizeibataillons 307 heißt. Gemeint sind die Exekutionen am Rande der Stadt und der Transport ins Lager Belzec, wo ein Überleben so gut wie ausgeschlossen ist.

Offenkundig im Wissen um den stattgefundenen Massenmord bedauert Fliethmann Anfang Oktober 1942 in einer Notiz an Kahlich, dass man in Galizien „keine Juden mehr untersuchen könne“. „Von den Tarnówern sind noch 8.000 da, aber wie mir (SD-Kommandeur) Bernhard sagte, von unseren fast niemand mehr. Unser Material hat also heute Seltenheitswert.“ Zu Hitlers „willigen Vollstreckern“ (Daniel Goldhagen) zählten auch diese Anthropologinnen, die den Holocaust nicht nur ungerührt hinnahmen, sondern rechtfertigen halfen. Dies verdient umso mehr Beachtung, als Fliethmann und Kahlich nach 1945 nie juristisch belangt wurden, sondern als Sozialpädagogin beziehungsweise Gerichtsgutachterin unbehelligt arbeiten konnten.

Info

Der kalte Blick Topographie des Terrors, Berlin, bis 11. April 2021. Aufgrund der Corona-Maßnahmen vorerst bis 30. November geschlossen

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 09.11.2020
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 03/2021

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