Ein verirrter Findling

Anachronismus Der Friedensnobelpreis wirkt wie eine Auszeichnung, die aus der Zeit gefallen sein könnte. Stattdessen ist es die Politik, die seinen Maßstäben nicht mehr gewachsen ist
Lutz Herden | Ausgabe 42/2013 2

Gehen dem Friedensnobelpreis die Politiker aus? Es hat den Anschein. Vorbei die Zeiten, als Preisträger wie Martin Luther King (1964), Willy Brandt (1971), Michail Gorbatschow (1990) oder Nelson Mandela (1993) über jeden Zweifel erhaben waren. Sie wollten aus morbiden Systemen ausziehen und über einen Schatten springen, dem zu entkommen nach geltender Konvention undenkbar schien. King erteilte einer mutmaßlich gottgegebenen weißen Vorherrschaft in den USA eine rigorose Absage. Brandt blieb auch dann bei seiner Ostpolitik, als ihn eine Phalanx der westdeutschen Restauration zum vaterlandslosen Gesellen stempelte. Gorbatschow verweigerte sich dem atomaren Gleichgewicht des Schreckens, machte Konzessionen und Raketen zu Rüstungsschrott. Mandela gönnte dem inhumanen System der Apartheid eine humane Botschaft der Versöhnung. Für all das den Friedensnobelpreis zu verleihen, hieß neues Denken, Zivilcourage und Noblesse des Handelns würdigen.

Wer kann es den „Helden der Erinnerung“ heute gleichtun? Wer hat statt eines Markenkerns so viel Mut, überlebte Verhältnisse in die Schranken zu weisen, indem er sie sprengt? Und dies als Politiker? Jenseits von taktischen Finessen, selbstgefälliger Rhetorik und verbürgtem Aufstieg. Der Versuch, Barack Obama 2009 den prestigeträchtigen Ritterschlag zu erteilen, ging gründlich daneben. Die Auszeichnung wurde zum Offenbarungseid, wohin Schrulligkeit und verkitschter Populismus eines Preiskomitees führen. Ein US-Präsident kann schwerlich pazifiziert werden, wenn er sich zum Drohnen-Krieger berufen fühlt. Obama hätte Macht und Mandat entsagen müssen, um Moral und Mandat eines Friedensstifters gerecht zu werden. Wie sehr er überschätzt wurde, zeigte sich jüngst auf der Schwelle zur Syrien-Intervention, die gerade noch rechtzeitig als Abenteuer erkannt wurde, von dem man besser abließ.

Alfred Nobel hatte 1896 in seinem Testament verfügt, man möge denjenigen mit seinem Preis bedenken, „der die meiste oder beste Arbeit geleistet hat für die Brüderlichkeit zwischen den Nationen, für die Abschaffung oder Reduzierung stehender Armeen und bei Friedenskonferenzen“. Davon ist ein gutes Jahrhundert später nichts überholt. Selbst die Sprache gefällt. Wie kann da der Friedensnobelpreis aus der Zeit gefallen sein? Ist nicht vielmehr dieselbe dessen Maßstäben kaum mehr gewachsen, sobald sie sich über ihre tonangebenden Politiker Gehör verschafft?

Die Nobelpreis-Entscheidung 2013 wirkt wie das Eingeständnis, es besser nicht mit einer einzelnen Person zu versuchen. Mit der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) wird stattdessen ein Kollektiv prämiert, das in der Tat „beste Arbeit geleistet hat“ für die „Reduzierung stehender Armeen“. Schließlich überwachen OPCW-Experten, wie Waffenarsenale vernichtet werden. Es ist die selbstlose Integrität dieser Arbeit, die den eigenen Wert kennt und sich selbst nie erhöht. Man erinnere sich der behutsamen Sprache des Schweden Hans Blix, der einst die UN-Waffeninspekteure im Irak führte, und des prahlerischen Jargons des Amerikaners George W. Bush, der dieses Land angreifen ließ. Und man weiß, weshalb der Friedensnobelpreis heute oft wie ein verirrter Findling wirkt.

06:00 31.10.2013
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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