Einer warf den ersten Stein

Kaukasuskrieg Georgien hat 2008 Russlands Armee angegriffen und damit einen Krieg verursacht, so das Fazit einer Untersuchung der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini für die EU

Am 14. August 2008 macht das Wochenblatt Die Zeit einen auf Propaganda-Kompanie. Es gibt auf der Titelseite in Rot die Schlagzeile Die russische Gefahr, dazu die Unterzeile: „Mit ihrem Angriff auf Georgien zeigt sich die Großmacht so brutal wie zu Sowjetzeiten. Kommt ein neuer kalter Krieg?“ Letzteres kann nur als rhetorische Frage gemeint sein oder lässt auf deformiertes Wahrnehmungsvermögen schließen. Als Bauchredner des Zeitgeistes führt ihn die Zeit doch schon – den „neuen Kalten Krieg“. Warum danach fragen, wenn einem der Wunsch vom Titelblatt abzulesen ist? Ein überzeugender Beweis, seit 1989 nie aus der Übung gekommen zu sein. Der Titel Die russische Gefahr steht übrigens über einem Titelbild, das vorwärts stürmende russische Soldaten zeigt: Die brutale Großmacht beim Überrennen der wehrlosen Kaukasus-Republik Georgien. Die Propaganda-Kompanie darf sich austoben wie beim Kindergeburtstag.

Wer sich um den 8. August 2008 herum journalistischer Basisarbeit hingibt, einfach nur recherchiert und Agenturmeldungen liest, der erfährt, dass es in der Nacht vom 7. zum 8. August einen Angriff der georgischen Armee auf das südossetische Zchinwali gab. Von Hunderten toter Zivilisten ist die Rede. Die in Südossetien mit internationalem Mandat stehenden russischen Truppen seien gleichfalls beschossen worden. Kein Zweifel, wer Angreifer, wer Verteidiger – wer Opfer und wer Täter ist. Dennoch befreien sich in Deutschland – vorzugsweise in den Medien, nur zum Teil in der Politik – die antirussischen Affekte von den Zwängen postpolarer Mäßigung. Der an Selbstüberschätzung leidende georgische Präsident Saakaschwili avanciert zum Monument des Weltgewissens, wird auf mehreren Fernsehkanälen, darunter dem ZDF, live interviewt und kann seine Sicht der Dinge verbreiten. Ein ARD-Interview mit dem russischen Premier Putin hingegen geht nur geschnitten auf Sendung, was in Moskau für Unmut und Verbitterung sorgt.

Wie sehr in jenen Augusttagen die Gesinnung über Tatsachen triumphieren konnte, lässt sich nun auch dem Untersuchungsbericht der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini entnehmen, der dem EU-Ministerrat seit heute vorliegt. Er sollte Anlass sein, die vorschnellen Urteile vom August 2008 öffentlich zu revidieren. Natürlich wird Russland das Schweizer Zertifikat kaum ungelegen kommen, möglicherweise auch den Amerikanern nicht. Vizepräsident Joe Biden hat zwar Michail Saakaschwili seit dem Amtsantritt Barack Obamas zweimal in Tiflis besucht, doch dabei keineswegs jenes Schutzmacht-Gebaren erkennen lassen, wie es der Bush-Regierung eigen war. Auch scheint die NATO-Mitgliedschaft Georgiens auf der Prioritätenliste der USA nicht länger gut aufgehoben, seit gutes Einvernehmen mit Russland im Vordergrund steht.

Mehr denn je bleibt als Fazit – Präsident Saakaschwili hat mit dem Abenteuer vom August 2008 seiner West-Drift mehr geschadet als genützt. Er dürfte nach dem Tagliavini-Report innenpolitisch stärker unter Druck als je zuvor. Bisher hat er die durch seinen Feldzug beschleunigte Sezession Südossetiens und Abchasiens, die sich zu unabhängigen Republiken (von Russlands Gnaden) erklärt haben, aussitzen können. Nun kommt eine klare Schuldzuweisung hinzu, die ihn international belastet und vielen seiner Gönner im Westen einen Vorwand liefern könnte, Abstand zu halten.

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

Freitag-Abo mit dem neuen Buch von T.C. Boyle Jetzt zum Vorteilspreis mit Buchprämie sichern.

Print

Erhalten Sie die Printausgabe direkt zu Ihnen nach Hause inkl. Prämie.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag und wir schicken Ihnen Ihre Prämie kostenfrei nach Hause.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen