Ende eines Bollwerks

Kommentar Freitag-Redakteur Lutz Herden über Barack Obamas merkwürdigen Befreiungsschlag Richtung Russland und den Rückzug von Raketen, die es noch gar nicht gibt

Schon mancher US-Präsident hat den Umgang mit Russland entkrampfen wollen. Barack Obama versucht es mit einem merkwürdigen Befreiungsschlag. Er kassiert ­Raketen, die es noch gar nicht gibt, beruhigt Moskau und nimmt in Kauf, Warschau und Prag zu brüskieren. Die „willigen Koalitionäre“ aus der Ära Bush haben ihre Schuldigkeit getan, die von Schuld nicht zu trennen ist. Überzeugte Fürsprecher des Feldzuges gegen Saddam Hussein saßen 2003 nicht nur in London, Madrid und Rom, sondern auch in Warschau, Budapest und Prag. Die Premier­minister Miller und Medgyessy sowie Tschechiens Präsident Havel unterschrieben seinerzeit den Appell Europa und Amerika müssen zusammenstehen. Darin stand – gemünzt auf das Regime in Bagdad: „Die Kombination von Massenvernichtungswaffen und Terrorismus stellt eine Bedrohung mit unkalkulierbaren Folgen dar.“ Später blieben im eroberten, kriegszerstörten Irak diese Kriegsgründe unauffindbar. Es gab weder chemische Waffen noch Beweise für Kontakte des Diktators zu al Qaida.

Doch war der damalige US-Verteidigungsminister Rumsfeld von der Gefolgschaft im Osten derart angetan, dass er von einem „neuen“ und einem „alten“ Europa zu reden ­begann. Die Osteuropäer waren der bessere, weil erbötigere ­Anhang als die Westeuropäer in Berlin und Paris. Besonders P­olen wollte als Pufferstaat zu Russland lieber westliches Bollwerk als Brücke in den ­Osten sein. Ein Anspruch, den George Bush zu honorieren ­gedachte, um daraus ein Anrecht zu machen. Die noch von ­seiner Regierung in Aussicht gestellten Abwehrraketen ­waren mit iranischer Bedrohung begründet und gegen russische Nachbarschaft gerichtet. Das Bollwerk Polen wähnte sich auf dem Weg zur Bastion. Bis Obama diesem provozierenden Gebaren nun den Boden entzog, weil er Russland als Partner braucht. Polen mag sich verladen fühlen, muss aber nicht vereinsamen. Es bleibt immer noch die einst von seinen Wendepolitikern aus den frühen neunziger ­Jahren so gern beschworene „Rückkehr in den Schoß ­Europas“.



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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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