Epos des Schreckens

1945 Ein Buch wird dem Vergessen entrissen. Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes ist der Tatsachen-Roman „Finale Berlin“ von Heinz Rein wiederaufgelegt worden
Epos des Schreckens
Der Lustgarten im Mai 1945

Foto: Getty Images

Diese Buch ist sicher keine literarische Kostbarkeit oder Sensation – sensationell ist eher, dass es wiederentdeckt und hoffentlich für viele Leser zurückgewonnen wurde. Verdient doch die Megaerzählung über das waidwunde Berlin in den letzten Tages des Zweiten Weltkrieges Prädikate wie außergewöhnlich, fesselnd, erschütternd, authentisch – und: einmalig. Die Rede ist vom Roman Finale Berlin, der über Jahrzehnte ins Regal des Antiquars entschwunden war, nun aber dem Vergessen entrissen ist, weil der Schöffling & Co. Verlag Frankfurt das Werk zum 70. Jahrestag des Kriegsendes neu aufgelegt hat. Und dies mit einem Nachwort von Fritz J. Raddatz.

Der Verfasser Heinz Rein (1908 – 1991) begann mit der Niederschrift noch im Mai 1945, um auf gut 800 Seiten die Schlacht um Berlin und in einer oft atemlosen Sprache die apokalyptischen Zustände zu schildern, denen die Bewohner der Stadt, die verwundeten Soldaten in überfüllten Lazaretten über und unter der Erde oder das letzte Aufgebot aus Wehrmacht, Volkssturm und HJ an den Panzersperren und in Splittergräben nach dem 20. April 1945 ausgesetzt waren. Von diesem Tag an fraß sich der Krieg immer unerbittlicher durch die Häuserschluchten der Reichshauptstadt. Aus allen vier Himmelsrichtungen griff die Rote Armee an. Sie rückte vor in Richtung Regierungsviertel an der Wilhelmstraße, zur Neuen Reichskanzlei in der Voßstraße und zum Hitler-Bunker eben dort.

Der Autor folgt der Chronologie der Geschehnisse, ohne eine Chronik oder einen Roman in Tagebuch-Form vorzulegen. Er beginnt mit dem 14. April 1945, als die Geschosse der sowjetischen Artillerie erstmals die Innenstadt erreichen – die Geschichte schließt mit dem 2. Mai, als Lautsprecherwagen durch die geschleifte Stadt fahren, um zu verkünden, dass General Weidling als Kampfkommandant die noch verbliebenen Truppen auffordere, die Kämpfe einzustellen und sich zu ergeben.

Kneipe am Schlesischen Tor

Wer war dieser Schriftsteller? Während der frühen dreißiger Jahre arbeitete Heinz Rein als Sportreporter, wurde dann 1935 von den NS-Behörden mit einem Publikationsverbot belegt, musste Gestapo-Haft und Zwangsarbeit ertragen. Als die Hitzewoge des Krieges durch die Zitadelle des NS-Staates rauscht, ist Rein in Berlin. Aus dem unmittelbaren Erleben des Grauens entsteht der Antrieb zum Schreiben.

Veröffentlicht wird Finale Berlin ab Ende 1946 zunächst als Fortsetzungsroman in der Berliner Zeitung, ein Jahr später dann in einer Auflage von gut 80.000 Exemplaren vom Ostberliner Dietz-Verlag herausgebracht. Nachauflagen in der DDR entfallen allerdings, vermutlich deshalb, weil Rein bald mit dem Dichter und Kulturminister, Johannes R. Becher, kollidiert. Der kann Reins vom Henschel Verlag verlegter Edition Die neue Literatur nicht viel abgewinnen. Die Sammlung setzt auf Nachkriegsautoren, die im Osten Deutschlands auf wenig Gegenliebe stoßen. Irgendwann in den frühen fünfziger Jahren verlässt Rein die DDR gen Westen.

Zentrale Figur bei Finale Berlin ist der 22-jährige Joachim Lassehn, der sich von der Wehrmacht abgesetzt hat. Er will nicht länger Befehlen ausgeliefert sein, die nur die Wahl lassen, den Heldentod für Führer, Volk und Vaterland zu sterben oder den ehrlosen Tod des Deserteurs zu erleiden, den Feldgendarmerie oder SS am Laternenpfahl aufhängen. Deshalb taucht Lassehn unter – und hat das Glück des Illegalen.

In seiner Kneipe am Schlesischen Tor bietet ihm der Wirt Klose eine halbwegs sichere Zuflucht und so etwas wie ebenfalls sicheren Anschluss. Im Hinterzimmer des Etablissements trifft sich eine Widerstandsgruppe, die um so aktiver wird, je näher die Rote Armee kommt. Die Männer heißen Schröter, Dr. Böttcher, Hutten, Wiegand und so weiter, nehmen Lassehn als einen der Ihren auf, um mit ihm auszurücken, wenn Flugblätter zu verteilen oder Hitler-Jungen an der Landsberger Allee zu überzeugen sind, nicht mit ihrem Flak-Geschütz und den paar Karabinern gegen sowjetische Panzer kämpfen zu wollen.

Kein Wendepunkt

Die Widerständler, größtenteils Kommunisten, wie auch der Autor einer war, als er Finale Berlin verfasst hat, wirken wie eine Gruppe von Gutachtern, die unablässig fragen, was sich mit dem deutschen Volk noch anzufangen lässt, wenn alles vorbei ist. Was erlauben Schuld und Sühne, Verstrickung und Mitläufertum an Überlebenswillen und -kraft? Wie können die einer Gesellschaft zugute kommen, die radikal und unwiderruflich mit dem Nazi-System bricht, weil dessen Wurzeln gekappt werden?

Ihr Urteil fällt hart und klar aus, die Deutschen wollen zwar in ihrer Mehrheit den Krieg beenden, aber auf welche Weise, das scheint von untergeordneter Bedeutung zu sein. Es kann – muss aber nicht durch den Sturz des Nazi-Regimes geschehen. Man würde sich notfalls mit Churchill gegen Stalin verbünden. Oder mit Stalin gegen Churchill? Auch wenn Rein viel Zweckoptimismus walten lässt, die von Hoffnung auf den großen Umbruch zehrt, kristallisiert sich aus den Gesprächen der Antifaschisten ebenso heraus: Der Endpunkt Berlin ist kein Wendepunkt für Deutschland.

Vielleicht hat dieses Fazit auch etwas damit zu tun, dass am Ende die nicht mehr fassbare Totalität der Zerstörung Berlins fragen lässt, wie soll eine Stadt fortan existieren, die derart zum Kriegsschauplatz wurde? Wie lange halten Menschen ein Lemuren-Dasein zwischen Ruinenfeldern und Kriegsschrott aus? Wer soll sie retten, wenn sie doch rettungslos verloren sind? Immerhin begann Rein zu schreiben, bevor sich dazu Verbindliches sagen ließ.

Im Feuersturm

Für manchen Geschmack mag bei diesem literarisiertem Schlachten-Gemälde zu viel an grellen, gleißenden Farben aufgetragen sein. Die beruhigenden, weil versöhnenden Pastelltöne fehlen mit ihrer verklärenden Mattigkeit. Doch es ist besser so.

Man erinnere sich der Schilderung eines Bombenangriffs aus der Ästhetik des Widerstandes von Peter Weiss. Auch dem gebricht es nicht am drastischen, eindrücklichen Detail. Etwa dann, wenn der Feuersturm eingefangen wird, der Ende August 1942 durch Berlin rast. Im Kapitel kurz vor der Verhaftung von Heilmann, Coppi, Schulze-Boysen und Harnack aus dem Widerstandskreis der Roten Kapelle gilt eine Sequenz dem brennenden Tiergarten.

Man liest: „Rasend schnell lief der Brand den Mittelweg der breiten Allee entlang, die Bäume reckten sich auf, in Sekundenschnelle war an diesem neunundzwanzigsten August der Herbst gekommen, die Äste schüttelten das rotglühende Laub von sich, die Stämme drehten und wanden sich, als wollten sie sich mitsamt den Wurzeln herausschrauben aus der verhassten Erde.“

Im Vergleich dazu Kapital XIV aus dem Schlussteil von Finale Berlin, das Heinz Rein mit Beobachtungen während der Morgenstunde des 26. April eröffnet: „Die Geschütze werden wieder aufbrüllen und Tod und Verderben über die Stadt schütten, die Flieger werden wieder wie vorsintflutlich Prerodaktyle über die Dächer rasen und mit eisernen Schnäbeln auf alles Leben einhacken, wieder werden Soldaten in einen sinnlosen Kampf getrieben, getötet und verstümmelt werden, und Frauen in bitterster Sorge um ihre Kinder nach Milch und Brot durch die zertrümmerten Straßen irren …“

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Ihre Freitag-Redaktion

13:03 13.05.2015
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 27/2020

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